Alles nur Zufall?

Oder weiß Gott alles im Voraus?

Von Pfr. Manfred Stücker

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Zufall oder Schicksal? Diese Frage stellen wir uns oft, wenn etwas völlig Unerwartetes passiert. Lenkt Gott unsere Schritte? Sind wir nur seine Marionetten? Ist alles vorherbestimmt? Oder haben wir einen freien Willen?
Stell dir einmal Folgendes vor: Du gehst an einem einsamen Strand spazieren. Du bist ganz allein, ein wunderbarer Wind zieht vom Meer auf das Land, und das klare, warme Wasser umspült deine Füße. Plötzlich aber stehst du still. Direkt vor dir siehst du etwas Interessantes: in den Sand ist ein großes Herz gemalt, und mitten in diesem Herzen stehen die Worte "Ich liebe dich!"
Was wirst du vermuten? Etwa: "Aah, wie seltsam! Eine Laune der Natur! Ein Streich des Zufalls! Der Wind, das Wasser und der Sand am Ufer haben dieses Bild entstehen lassen, und siehe da, es ergibt einen Sinn! Was es doch nicht alles gibt!" Oder wirst du nicht vielmehr denken: "Hier ist vor kurzem noch jemand gewesen! Einer, der wirklich etwas Schönes erlebt hat! Wem das wohl gilt, was er da geschrieben hat?" Vermutlich wird die zweite Reaktion die natürliche, die angemessene, die "normale" sein. Denn es ist absolut unwahrscheinlich, dass ein Bild, zumal mit einer Inschrift, einfach so, "zufällig", entsteht. Das entspricht nicht unseren Erfahrungen und unserer Vernunft. Dennoch leben viele Menschen nach der ersten Prämisse. Sie erleben tagtäglich Signale und Zeichen, die dieses eine ausdrücken: "Ich liebe dich!" - Die Sonne, die am Morgen aufgeht und die exakt diejenige Entfernung von der Erde hat, die Leben entstehen und Leben sich entwickeln lässt. - Die Natur, die mit einer unglaublichen Pracht und Vielfalt nicht nur die Sinne anspricht und anregt, sondern auch heilende Kräfte von noch längst nicht erkanntem Ausmaß besitzt. - Viele Menschen, die für uns sorgen, die wollen, dass unser Leben einen guten Weg nimmt. Alles das bedeutet: Ich bin geliebt! Jemand möchte, dass mein Leben einen tiefen Sinn hat!
Und trotz allem leben viele unserer Zeitgenossen so, als sei alles das "Zufall". Sie sprechen vom "Schicksal", das einen Menschen eben überwältigt und aus dem man sowieso nicht herauskommt. Müssten sie nicht auch - wie bei dem Beispiel vom Herzen im Sand - vielmehr davon ausgehen, dass da jemand ist, der Liebe empfindet, der Liebe schenkt, ja dessen ganzes Wesen Liebe ist? Für den, der glaubt, ist dieser Jemand kein anderer als Gott. Dieser Glaube ist vernünftiger, einsichtiger und auch schöner und hoffnungsvoller als der Glaube, es sei alles nur Zufall oder Schicksal.
Machen wir uns das einmal klar: jeder Mensch - ein wunderbarer, einzigartiger Gedanke Gottes! Bevor die Welt war, bevor sie entstand, hatte Gott schon den Gedanken bei sich, den Menschen zu erschaffen - dich und mich. In einem Psalm, einem Lied aus dem Alten Testament, heißt es darüber: "Als ich geformt wurde im Dunkeln, kunstvoll gewirkt in den Tiefen der Erde, waren meine Glieder dir nicht verborgen. Deine Augen sahen, wie ich entstand; in deinem Buch war schon alles verzeichnet; meine Tage waren schon gebildet, als noch keiner von ihnen da war" (Ps 139, 15-16). Das ist das Geheimnis des Menschen und seine unvergleichliche Würde: dass Gott jeden einzelnen ganz persönlich kennt und ins Dasein gerufen hat.
Nun könnte einer kommen und sagen: Alles klar - Gott hat alles im Griff. Er hat uns erschaffen. Er weiß, wie es um uns steht. Er weiß, was gut ist für ist. Er ist eben wie ein riesengroßer Boss. Er hat alles geplant und eingefädelt. Dann ist ja alles schon vorgezeichnet, oder? Dann kann der einzelne Mensch gar nichts mehr an seiner Geschichte drehen! Dann ist ja doch schon von vornherein festgelegt, wie es mit ihm ausgeht! Und wenn das so ist: was lohnt dann noch die Anstrengung? Du kannst machen, was du willst - der Chef da oben hat unter die ganze Planung schon seine Unterschrift gesetzt, oder?
Hinter dieser Frage steht etwas, das wir "Vorsehung" nennen. Vorsehung meint: Hinter allem, was geschieht, steckt ein verborgener Plan Gottes. Da, wo wir keinen Durchblick haben, führt Gott alles zum Ziel. Er kennt den Ausgang; er lenkt alles. - Kann man das so sagen?
Wir müssten dazu sagen: Natürlich! Gott kennt und weiß alles. Aber dazu gehört noch etwas anderes. Gott ist nicht nur unendlich weise, allwissend und allmächtig, er ist vor allem der liebende Gott. Und zu seiner Liebe gehört auch, dass er uns Menschen die Freiheit schenkt. Das ist ganz wichtig. Die Freiheit ist vielleicht das größte Geschenk, das Gott dem Menschen überhaupt machen konnte. Denn Gott respektiert den freien Willen des einzelnen. Er respektiert ihn sogar dann, wenn der Mensch sich gegen Gott und gegen seine Pläne entscheidet.
Wie können wir das verstehen? Es hat schon Heilige gegeben, die sich über diese Frage den Kopf zerbrochen haben. Es ist tatsächlich nicht einfach zu verstehen. Bindet sich denn wirklich Gott, der allwissend, allmächtig und groß ist, an die Entscheidung eines einzelnen, kleinen Menschen, der in seiner Freiheit tut, was er will? Ist Gott dann überhaupt noch Gott? Hat er sich dann nicht selbst widersprochen?
Ich glaube, auch hier liegt die Antwort nicht in einem bestimmten Satz, in einer bestimmten Weisheit, die irgendwo jemand schon einmal geäußert hat. Sondern die Antwort kann nur gefunden werden in einer Person: in Jesus Christus. Schauen wir auf ihn, und wir können anfangen, die rechte Perspektive einzunehmen.
Überlegen wir einmal: Jesus Christus ist das menschgewordene ewige Wort des ewigen Vaters. Er ist vor aller Zeit und tritt doch in die Zeit ein. Er ist wie der Vater und der Heilige Geist wahrer Gott und nimmt doch eine Gestalt an, in der er wirklich, und nicht nur zum Schein, menschlich empfindet, leidet und stirbt. Der Glaube nennt das die "Entäußerung" des Sohnes Gottes. Obwohl er "wusste, was im Menschen ist" (Joh 2,25), tut er etwas, was uns total widersinnig scheint: er erwählt einen Judas Iskarioth in den Kreis der zwölf Apostel. Er nimmt einen Mann in seinen Freundeskreis auf, von dem er weiß, dass er ihn eines Tages verraten wird, und er wäscht ihm sogar die Füße. Wie sollen wir das begreifen?
Begreifen kann das nur einer, der glaubt, dass Jesus auch den Judas geliebt hat. Er hat ihn geliebt, so wie Gott alle Menschen liebt. Aber es gibt Menschen, die diese Liebe nicht beantworten. Sie entscheiden sich gegen Gott. An Jesus sehen wir: er unternimmt scheinbar nichts gegen die schreckliche Tat des Judas. Jesus hätte ja vermeiden können, dass Judas überhaupt in den innersten Kreis der Apostel gelangte. Doch er hat es zugelassen. Und das ist sicher ein tiefes und dunkles Geheimnis: dass der Sohn Gottes, der in diese Welt gekommen ist, verraten und ausgeliefert wird nicht durch irgendeinen Soldaten, nicht durch einen, der ihn hasst und seine Lehre ablehnt, sondern durch einen, der an seiner Liebe größten Anteil hatte, der sogar im Abendmahlssaal mit dabei war.
Nach dem Karfreitag kommt das Dunkel; "es kommt die Nacht, in der niemand mehr etwas tun kann" (Joh 9,4). Doch nach dem Dunkel kommt ein neuer Morgen: Jesus ist auferstanden von den Toten. Gott lässt sich nicht beirren. Sein Ja bleibt. Seine Pläne können von Menschen durchkreuzt werden, doch Er bleibt derselbe. Das ist das Wunderbare: Gott bleibt der immer Treue. Auch darin besteht der unendliche Unterschied zu uns Menschen, die wir oft untreu werden: Gott bleibt immer treu. Er selbst hat eine Brücke geschlagen, über die wir Menschen zu ihm finden können. Diese Brücke heißt Jesus Christus. Doch dazu müssen wir uns aufmachen. Wir müssen Jesus nachfolgen. Wir müssen Menschen werden, die aufbrechen und einen Weg beginnen. Dann wird sich Gott uns immer mehr erschließen und in das Geheimnis seiner Liebe einführen. Das genau meint der heilige Augustinus, der in einem seiner Vorträge über das Johannes-Evangelium sagt: "Wir müssen vorwärtsschreiten, wir müssen wachsen, damit unsere Herzen für jene Dinge fähig seien, die wir jetzt nicht zu fassen vermögen. Wenn uns dann der letzte Tag vorwärtsschreitend findet, so werden wir dort kennenlernen, was uns hier versagt war."
John Henry Newman, der große englische Kardinal des 19. Jahrhunderts und Konvertit hat einmal ein wunderbares Gebet verfasst, in dem er sein ganzes Vertrauen auf Gott ausdrückt:
"O mein Gott, Du und Du allein weißt alles.
Ich glaube auch, dass Du weißt,
was das Beste ist für mich.
Ich glaube, dass Du mich mehr liebst als ich mich selbst,
dass Du alles weißt in Deiner Vorsehung und allmächtig bist in Dei-nem Schutz.
Ich danke Dir aus ganzem Herzen, dass Du mich meiner eige-nen Obhut entrissen und mir
befohlen hast, mich in Deine Hand zu geben.
Ich kann mir nichts Besseres wünschen, als Deine Last zu sein und nicht meine eigene.
O Gott, durch Deine Gnade will ich Dir fol-gen, wohin immer Du gehst, und will Dir auf
Deinem Wege nicht vorgreifen.
Ich will warten auf Dich, auf Deine Füh-rung,
und wenn ich sie er-langt habe,
will ich in Schlichtheit handeln und ohne Furcht.
Und ich verspreche, dass ich nicht unge-duldig sein will,
wenn Du mich je einmal in Dunkelheit und Verwirrung lässt;
noch will ich klagen oder mich erzürnen,
wenn ich in Unglück falle oder Angst."

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