Die vier Grundtugenden werden auch Kardinaltugenden genannt, wobei mit "Kardinal" diesmal nicht der Mann in der roten Soutane gemeint ist, sondern das Wort kommt von cardo, Türangel: die Kardinaltugenden sind sozusagen die Scharniere einer Tür, die den Weg in ein gelingendes, gutes Leben hinein öffnet.
Bei den ersten drei Tugenden: Klugheit, Gerechtigkeit und Tapferkeit, ist ziemlich bald klar, dass sie dem Leben und seinem Richtigsein dienen wollen. Bei ihnen geht es ja um das Verhältnis des Menschen zu den anderen, zu seinen Mitmenschen. Doch bei der letzten der vier Tugenden, bei der Tugend der Zucht und des Maßes, wie sie genannt wird, ist das anders. Bei "Zucht und Maß" geht es um mich selbst, um mein ganz persönliches Leben. Und wie soll man das verstehen: "Zucht und Maß"? Soll das bedeuten, dass man keinen Spaß mehr haben darf? dass alles, was schön ist, irgendwie eingeschränkt werden soll? Und hat nicht die katholische Kirche oft versucht, ihren Gläubigen den Genuss an den schönen Dingen des Lebens zu verderben? "Sünde ist, wenn etwas lecker ist und dick macht", so hat einmal jemand scherzhaft gemeint, aber ist in diesem Scherz auch nicht etwas, was viele denken? Was soll man dazu sagen?
Da gibt es ein großes Missverständnis, das man gar nicht deutlich genug machen kann. Dieses Missverständnis verwechselt Tugenden mit Pflichten und Geboten. Pflichten und Gebote verkünden Forderungen. Der Mensch aber will wissen, warum er die Forderungen erfüllen soll, warum er etwas Bestimmtes tun oder lassen soll. Warum soll es zum Beispiel richtig sein, am Freitag auf Fleisch zu verzichten? Oder am Aschermittwoch keine Torte zu verspeisen? - Wenn die Forderungen für sich allein stehen, bekommen sie noch keinen Wert. Eine Tugend dagegen ist mehr. Im Lateinischen steht für das Wort Tugend virtus, Kraft, Vermögen. Da sieht die Sache schon etwas anders aus. Tugenden, gerade auch die Tugend der Zucht und des Maßes, gehören zu den Kräften und Möglichkeiten des Menschen. Sie wollen sein Leben kraftvoll in die richtige Richtung führen. Und, was Zucht und Maß angehen: sie sind eine Tugend, die absolut zeitgemäß ist und moderner, als viele glauben.
Viele rümpfen die Nase über manche Kirchengebote und -vorschriften, was Zurückhaltung im Genuss von Speisen etwa angeht, und noch mehr, wenn von Zucht und Maß im geschlechtlichem Bereich die Rede ist. Aber die gleichen Zeitgenossen finden nichts dabei, sich strengsten Regeln zu unterwerfen, wenn es um sportliche Leistungen geht, sie halten Diätpläne ein, schinden ihren Körper und vollführen, weil das dem seelischen Gleichgewicht dienen soll, allerhand Verrenkungen und glauben bei all dem ganz fest, dass das alles seinen Sinn hat und richtig ist. - Nur dass dieses Wissen längst da ist, gerade auch in den Traditionen der Kirche, und dass vieles davon nur darauf wartet, neu entdeckt zu werden.
Ein zentrales Wort zu diesem Thema hören wir jedesmal am Aschermittwoch, wenn es im Evangelium heißt: "Wenn ihr fastet, macht kein finsteres Gesicht wie die Heuchler" (Mt 6,19). Es ist Jesus selbst, der so spricht. Indem er sagt: "Wenn ihr fastet", zeigt er damit, dass er das Fasten nicht ablehnt. Jesus selbst hat gefastet, er hat es vierzig Tage lang in der Wüste getan. Aber das Fasten ist kein Selbstzweck. Es soll vielmehr in die Freiheit führen. Der Mensch, der fastet, sich in Zucht nimmt, Maß hält, verachtet nicht die Schöpfung und das Leben, im Gegenteil. Aber er weiß auch, dass seine Natur gefährdet ist. dass seine Natur, anders als beim Tier, das keinen freien Willen hat, immer wieder in den Sog der Maßlosigkeit, der inneren Versklavung, geraten kann, wenn er nicht lernt, sich selbst zu überwinden und seine Kräfte auf das Gute, auf ein höheres Ziel hin, auszurichten. Das ist der tiefere Sinn der Tugend der Zucht und des Maßes: dass alles das, was den Menschen antreibt zur Erhaltung und Weitergabe seines Lebens, auch in Ordnung ist. Und Ordnung haben, in Ordnung sein, kann nur der, der die Ordnung des Lebens, letztlich die Ordnung der Schöpfung und des Schöpfers selbst, anerkennt und sich danach ausrichtet.
Übrigens hat auch die ökologische Bewegung, die sich dem Schutz und der Bewahrung der Umwelt widmet, eine Ahnung von diesen Dingen. Die Umweltschützer rufen uns ja unentwegt auf zum Maßhalten, zum Energiesparen usw., und da ist auch eine Menge Richtiges daran. Nur muss auch daran gedacht werden, nicht nur die äußere Umwelt in Ordnung zu halten, sondern auch die Innenwelt des Menschen, seine Geschlechtlichkeit, seine Wünsche und Vorstellungen. Wer da nicht Maß hält und Ordnung hat, der hat bald das Maß voll.
"Macht kein finsteres Gesicht", mahnt Jesus: die Freude am Leben, die Freude an der Schöpfung und nicht zuletzt die Freude an Gott sind Ziel der Tugend der Zucht und des Maßes. Erst der maßvolle Mensch ist wirklich einer, der auch genießen kann. Und umgekehrt wird einer, der gar nicht mehr genießen kann, selber irgendwann einmal ungenießbar. In diesem Sinne dürfen wir in unserem Glauben feiern, dass Gottes Sohn in diese Welt kommt, um uns das Leben wieder schmackhaft und genießbar zu machen.
« zurück