"Euer Zölibat ist ja das Allerletzte!" Diese oder eine ähnliche Reaktion bekommt heute jeder regelmäßig zu hören, der sich in der Öffentlichkeit als Priester oder als solcher, der es gerne werden möchte, zu erkennen gibt. Ehe man den Mund ganz aufgetan hat, um dem entrüsteten Gegenüber antworten zu können, hat dieser meist schon begonnen, in einem Tonfall zwischen mitleidiger Besorgtheit und offener Aggressivität eine ganze Litanei von Argumenten aufzureihen, um die priesterliche Lebensform als sinnlos, unmenschlich und gefährlich zu diffamieren: "Alles Heuchelei, die meisten Priester haben doch sowieso eine Freundin" - "Wer seine Sexualität nicht normal auslebt, wird psychisch krank" - "Der Zölibat ist bloß ein Machtinstrument der Amtskirche, um die Geistlichen gefügiger zu machen" - "Die Priester werden zum Zölibat gezwungen" - "Jesus wollte keinen Zölibat"... Jedem, der hin und wieder fernsieht oder Zeitung liest, werden ohne Probleme noch weitere Sätze einfallen, mit denen sich diese Liste fortsetzen ließe. Besonders bedrückend ist es, wenn sich auch katholische Christen und selbst Priester zu solch harscher Kritik hinreißen lassen.
Müssen wir uns durch so viele ablehnende Stimmen beunruhigen lassen? Haben die Gegner der priesterlichen Lebensform vielleicht wirklich Recht?
Keineswegs! lautet darauf die Antwort der Kirche gestern wie heute. Schon frühe Konzilien haben die Ehelosigkeit des Priesters eingeschärft; auf allen großen Synoden bis zum II. Vaticanum wurde diese Mahnung wiederholt. Wer sich dafür entscheidet, Priester zu werden und ehelos zu leben, tut nämlich etwas, das in dieser oder jener Weise von jedem Christen gefordert wird: Er zieht aus seinem Glauben ernste und vielleicht ganz und gar nicht bequeme Konsequenzen für sein Leben!
Viele Menschen, ob jung oder alt, versuchen sich in unseren Tagen vor den radikalen Folgen zu drücken, die eine Entscheidung für Christus und seine Kirche mit sich bringen kann. Der Glaube gilt dann als eine Art Hobby, vielleicht noch als "schönste Nebensache der Welt", um die man sich "auch noch" kümmern will, wenn ansonsten alles andere weiterhin nach dem eigenen Gutdünken und Fürwahrhalten passieren kann. Wer so denkt, wird die priesterliche Lebenshingabe an Christus niemals verstehen können.
Wenn man dagegen das Evangelium aufschlägt, wird man auf fast jeder Seite aus Jesu eigenem Mund erfahren, dass der Glaube an ihn weit mehr verlangt als bloße Lippenbekenntnisse. Er mutet seinen Jüngern zu, "Haus oder Eltern, Geschwister oder Frau oder Kinder" zu verlasen, um ihm nachzufolgen (Lk 18,29). Und er macht allen Mut, die diese besondere Berufung in sich spüren, ihr auch wirklich zu folgen: "Wer es fassen kann, der fasse es!" Wenn ein Priester dem Herrn am Weihealtar verspricht, dass er ihm von nun an ganz, mit Leib und Seele, gehören will, unterwirft er sich nicht einem bloßen Kirchengesetz, sondern empfängt eine Gnadengabe, die ihm nicht für sich selbst, sondern für die ganze Kirche geschenkt ist, sie soll ihn nicht beengen und einschränken, sondern sein Herz weiten für die Sorge um das Heil der Brüder und Schwestern. "Der Zölibat ist Zeichen einer Freiheit, die sich zum Dienst bereitmacht", sagt darum Papst Johannes Paul II.
Eines ist wohl wahr: Der Ruf Jesu ist alles andere als die Ansage eines gemütlichen und sorgenfreien Lebens. Um das hohe Gut, das Christus verspricht, erlangen zu können, muss man bereit sein, sich von manchem zu trennen, woran man hängt, und manchen Kampf und Verzicht auf sich zu nehmen. Das gilt für einen Ehemann, der treu zu seiner Frau stehen will, genauso wie für den ehelosen Priester. Es braucht uns daher nicht zu verwundern, dass mit dem Kampf gegen den Zölibat auch eine Abwertung der ehelichen Treue und der kirchlichen Morallehre insgesamt einhergeht.
Nicht allein der Ruf zum Priestertum ist eine Frucht des Glaubens, sondern es ist ebenso ein Geschenk des Hl. Geistes, der einmal frei getroffenen Entscheidung zur Ehelosigkeit während eines ganzen Lebens treu bleiben zu dürfen. Alle so genannten "Evangelischen Räte", also die von Jesus im Evangelium besonders empfohlenen Tugenden, zu denen neben der Ehelosigkeit auch die Armut und der Gehorsam zählen, können nicht vom Menschen selbst gemacht werden. Man kann sie nur leben im festen Vertrauen auf die Hilfe Gottes und den Beistand seiner Gnade, die all unserem Tun vorausgehen und folgen muss, damit es gelingen kann.
Der Priester ist darum ganz besonders aufgerufen, in enger Gemeinschaft mit Christus zu leben und aus den Sakramenten die übernatürliche Kraft für sein Leben zu schöpfen.
Darin liegt aber auch die Bitte und Forderung an jeden Gläubigen in der Kirche, für Priesterberufe und für alle Priester zu beten. Ohne Zweifel ist es wichtig, dass wir in der Öffentlichkeit den Zölibat verteidigen, uns gegen ungerechte Kritik zur Wehr setzen und die Priester, die wir kennen, in Schutz nehmen, wenn sie angegriffen und beschimpft werden.
Das alles ist aber zu wenig, wenn wir nicht immer wieder Gott selbst anrufen, daß er seiner Kirche Menschen schenke, die bereit sind, ihr ganzes Leben bedingungslos für den Dienst an ihm und den Nächsten hinzugeben.
Wenn wir dies tun, bitten wir um gute Priester. Wir beten dann aber auch für uns selbst: dass wir treu zu dem stehen, was wir ihm in jeder hl. Messe versprechen, dass wir uns bemühen, ein Leben nach seinen Weisungen zu führen; und dass wir unser Herz nicht verschließen, wenn er vielleicht auch an uns einmal mit dem großen Ruf zu seiner besonderen Nachfolge herantreten sollte:
"Herr, nimm mich mir, und gib mich ganz zu eigen dir."
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