Wahrer Mensch und wahrer Gott

Wie kann das sein?

Von Walter Brandmüller

Linie

Jesus ist der Sohn Gottes. Er ist selber Gott. Und dennoch wurde er ein Mensch aus Fleisch aus Blut. Ein Widerspruch? Ein Kernpunkt unseres Glaubens.
Um das Jahr 350 vor Christi Geburt ereignete sich in der Stadt Sinope am Südufer des Schwarzen Meeres eine Begebenheit, die sprichwörtlich geworden ist: Am helllichten Tag kommt auf den von Leuten überfüllten Marktplatz der Philosoph Diogenes. Eine brennende Laterne hat er in der Hand und leuchtet herum. Als die Leute fragen: "Diogenes was willst du denn mit einer Laterne am helllichten Tag?" sagt er: "Ich suche einen Menschen." Unter all den Leuten suchte er einen Menschen! Was hatte Diogenes zu solchem Tun bewogen? War es nicht ein tiefes Verlangen nach dem wahren Vollkommenen Menschen?
Was hätte er doch erlebt, wenn er an jenem Karfreitag zu Jerusalem unter der Menge gestanden wäre, der Roms Statthalter Jesus vorführt: "Ecce homo" - "Seht den Menschen!" Diogenes hätte gefunden, was er gesucht: Jesus den wahren Menschen!
Jesus, von dem wir im Bekenntnis der Konzilien von Nizäa und Konstantinopel bekennen, dass er "Gott von Gott, Licht vom Licht, wahrer Gott vom wahren Gott, gezeugt, nicht geschaffen, eines Wesens mit dem Vater" sei, "durch den alles geschaffen worden ist", der ist auch "für uns Menschen und zu unserem Heil vom Himmel herabgekommen und hat Fleisch angenommen durch den Heiligen Geist aus Maria, der Jungfrau, und ist Mensch geworden". Ein wahrer Mensch, Sohn Mariens aus Nazareth, von dem der Apostel Paulus im Römerbrief sagt, "dass er dem Fleische nach aus dem Geschlecht Davids stammt". Die Evangelisten überliefern uns Stammbäume Jesu. In diesen Stammbäumen kommen Namen vor, die in der Geschichte Israels, in der Geschichte des Hauses David, mit Sünde und Verbrechen verbunden sind. In diese Geschlechterreihe hinein wird Jesus geboren als wahrer Mensch. In seiner Person strömt all das Erbgut zusammen, das dieser Davidsstamm im Laufe eines Jahrtausends gesammelt hatte. Das alles trägt Jesus in sich. Der "wahre Mensch" - einer von uns! Er ist Jude. Er nimmt Anteil am Schicksal seines Volkes. "Er ist uns", wie der Hebräerbrief sagt, "in allem gleich geworden - ausgenommen die Sünde". Das heißt ganz konkret, dass Jesus im Schoße einer Familie groß wird; dass er auf dieser Erde eine Heimat besitzt: Nazareth; dass er Freunde hat, in deren fröhlichem Umkreis er heranwächst; dass er einen Beruf erlernt und ausübt, den Beruf des Bauhandwerkers. Ist es da unsinnig anzunehmen, dass Jesus zusammen mit seinem Lehrmeister, dem heiligen Josef an dem großen griechischen Amphitheater mitgearbeitet hat, das in Sepphoris, ein paar Kilometer nördlich von Nazareth, in seinen Jugendjahren entstanden ist? Ist es denn unsinnig anzunehmen, dass auch er unter den vielen Menschen gewesen ist, die dort die griechischen Tragödien miterlebt haben? Die Bevölkerung dieses Landstriches war des Griechischen ebenso mächtig wie der aramäischen Muttersprache und des Hebräischen. So ist er ein wahrer Mensch, der Hunger, Durst, Ermüdung empfunden, Freude, Enttäuschung, Trauer und Schmerz erlebt und erlitten hat. "In allem uns gleich geworden - mit Ausnahme der Sünde!"
Doch so sehr Jesus ein wahrer Mensch, ein ganz echter, wahrer Mensch ist, so wenig ist er ein gewöhnlicher Mensch. Er selbst sagt es uns, wenn er seinen Gegnern entgegenhält: "Wer von euch kann mich einer Sünde beschuldigen?" Im Bilde seiner Persönlichkeit sind keine Fehler, keine Schwächen, keine negativen Charaktereigenschaften zu finden, die uns eigen sind und uns belasten. Er ist der einzigartig vollkommene Mensch.
Die Evangelien zeichnen uns in vielen Berichten sein wahres Bild: Wenn in den Streitreden, die er mit seinen Gegnern aus dem Kreis der Pharisäer und Sadduzäer führt sein scharfer Verstand, seine überlegene Dialektik sichtbar wird, so zeigt sich in seiner Begegnung mit den Kindern, mit den Kranken und Leidenden ein Übermaß an Herzlichkeit und Güte. Wenn er sich über das Sabbat-Gebot um des Menschen willen hinwegsetzt, wenn er sich über gesellschaftliche Konventionen hinwegsetzt und sich mit Sündern, Zöllnern und Verachteten abgibt, sogar mit ihnen zu Tische sitzt (vgl. Mt 9,10), dann zeigt er seine Souveränität, seine völlige innere Unabhängigkeit von all den Gepflogenheiten, ja selbst von den Religionsgesetzen seiner Zeit. Mit den Jüngern, mit den Geschwistern von Bethanien, Marta, Maria, Lazarus, verbindet ihn innige Freundschaft. Bei der Tempelreinigung zeigt er Furchtlosigkeit und Härte; selbst Zorn ist ihm nicht fremd; auch nicht die Tränen, die er über das Schicksal Jerusalems, das seines Heiles vergessen, und über den Tod des Freundes Lazarus vergießt. Die Größe seines Wesens steigert sich ins Übermenschliche in den Tagen und Stunden der Passion. Unter der zermalmenden Wucht der Angst, des Schmerzes und des Todes bricht er körperlich zusammen. Aber sein Geist, seine Seele, sein innerstes Ich erleidet dies in einer grenzenlosen Hingabe der Liebe an den Vater für das Heil der Welt. So verwundert es nicht, dass der Hauptmann unter dem Kreuz sagt: "Wahrhaftig, dieser Mann war gerecht!" Es verwundert auch nicht, dass er schon zu Lebzeiten die Menschen an sich zog, dass von seiner Persönlichkeit eine unwiderstehliche Faszination ausging, die die Menschen an ihn zog. Sein Blick, sein Wort waren von einer bezwingenden Gewalt, so dass das eine Wort "Folge mir!" genügt, und Petrus, Andreas, Jakobus, Johannes, Matthäus lassen Fischerboote, Zollstelle, Familie, Alltag liegen und folgen ihm. Die Menschen, die ihm zuhörten, spürten, was von ihm ausging. Sie sagten: Er lehrt wie einer, der Macht hat, nicht wie unsere Schriftgelehrten. Als er dann den Dämonen befiehlt, fragen sich die Menschen: Wer ist dieser, dass ihm selbst die bösen Geister gehorchen? Bei der Stillung des Seesturms fragen sich die Jünger: Wer ist dieser, dass ihm selbst Wind und Wellen zu Willen sind? Die Zeitgenossen waren von ihm fasziniert, die Volksmassen strömten ihm zu.
Dieser Zustrom hat in den 2000 Jahren nach seinem Abschied von der Erde nicht aufgehört. Allein im 19. Jahrhundert, in jenem von Rationalismus, Liberalismus und Gottlosigkeit geprägten Jahrhundert, zählt der Katalog der Nationalbibliothek zu Paris 62.000 Bücher über das Thema "Jesus". An ihm kommen die Menschen nicht vorbei. Nicht einmal seine Feinde, nicht einmal seine erbittertsten Widersacher. Was ist es denn anderes als dieses Fasziniertsein von Jesus, das sie in ihrer Bosheit und Verblendung dazu treibt, die lästerlichsten Szenen auf die Bühnen unserer Theater zu stellen und ihn in Filmen, Fernsehsendungen und Kabaretts zu lästern und zu schmähen! Sie kommen von ihm nicht los! Auch dann nicht, wenn sie ihn hassen.
Da zeigt es sich, dass dieser Jesus der Angelpunkt des Menschengeschlechtes ist, um den sich die Geschicke der Menschheit drehen. Nicht umsonst zählen wir unsere Jahre nach dem Zeitpunkt seiner Geburt. Die Geschichte dieser Welt teilt sich in zwei gewaltige Hälften auf: in die Jahrmillionen vor Christus und in die Jahre des Heils nach Christus. Der Mensch Jesus hat für die Menschheit schicksalswendende Bedeutung - aber auch für den einzelnen von uns! Der greise Simeon hat das Kind Jesus im Tempel in die Arme genommen und gesagt: "Siehe, dieser ist gesetzt zum Fall und zur Auferstehung vieler in Israel und zu einem Zeichen des Widerspruches." So entscheidet sich auch unser eigenes Leben an unserer Stellungnahme zu diesem Jesus, der uns zur Entscheidung zwingt. Ob er für uns zum Zeichen des Untergangs, des Falles wird oder aber zum Zeichen der Auferstehung, das freilich hängt von uns ab. Wenn immer wir uns ihm in Glaube und Liebe anschließen, wenn immer wir unsere Existenz, unser ganzes Leben und Sterben auf ihn setzen, dann wird er uns zum Heile - dieser Jesus von Nazareth.
Wenn diese Entscheidung für ihn einmal gefallen ist, tritt eine andere Forderung bzw. Bestimmung an uns heran, die der Apostel Paulus im 8. Kapitel des Römerbriefes so ausdrückt, "dass alle, die zum Heil berufen sind, dem Bilde des eingeborenen Sohnes gleichförmig werden". Der Christ, ein zweiter Christus: das ist dann unsere Bestimmung. Das verbindet uns auf unbeschreibliche Weise mit ihm, mit seiner Person, mit seinem Leben.
Vorbilder, Leitbilder braucht jeder Mensch. Selbst wenn er sich ein solches Leitbild nicht bewusst auswählt, lässt er sich unbewusst von einem Leitbild faszinieren und bestimmen. Das faszinierende Leitbild unseres Lebens muss Jesus sein! Wenn wir ihn dazu wählen, dann ist diese Wahl die Entscheidung unseres Schicksals hin zum Heile. Vor diesem Leitbild Jesus verblassen alle Stars der Metropolen, die Sternchen und Idole dieser Welt und unserer Zeit.
Es ist kein Zufall. dass so viele Künstler in all den christlichen Jahrhunderten so viele Christusbilder gemalt haben. Warum? Weil sie von ihm fasziniert waren. Weil sie sich in seine Gestalt, in sein Leben, seine Persönlichkeit hineinversenkt haben und das, was sie im Herzen geschaut, künstlerisch gestaltet haben. So ist das Bild, das sie von ihm malten, Ausdruck ihres inneren Bildes von Jesus. Ein solches Bild, das wir mit unseren Augen schauen, vermag seinerseits uns innerlich zu prägen. Unsere Augen sind wie Einfallstore in die Seele, und durch diese Einfallstore kommen - wenn wir das Richtige anschauen - Wahrheit, Schönheit, Güte, Heiligkeit in unser Herz und entfalten dort prägende Kraft. Anschauen hat Wirkungen. Es ist darum nicht gleichgültig, welchen Bildern wir unsere Augen öffnen. Je edler, je frömmer, je erhabener die Christusbilder sind, mit denen wir unsere Phantasie erfüllen, desto edler, erhabener, heiliger sind und werden die Gedanken und Empfindungen unseres Herzens und desto mehr prägt sich in unserem Innersten das Bild des eingeborenen Gottessohnes aus. Die Züge Jesu Christi werden an den gläubigen, Christus liebenden Menschen unwillkürlich sichtbar.
Das ist ein Appell an uns. eine Chance für unsere Zeit: "Neuevangelisierung Europas" heißt die Aufforderung. Neuevangelisierung Europas: Was bedeutet dies anderes als Sichtbarmachen Christi in dieser Welt! Mit Akademietagungen, Diskussionen, Seminaren, Fortbildungen und Veranstaltungen der Erwachsenenbildung werden wir die Evangelisierung nicht vollbringen können. Das Evangelium muss durch lebendige Menschen, durch das Leben der Gläubigen verkündet werden: In dem Maße, in dem die Welt, die nicht mehr glaubt oder noch nicht glaubt und doch nach Heil und Wahrheit sucht, in dem die Menschen unserer Zeit an uns gläubigen Christen die Züge Jesu Christi erkennen: Lauterkeit, Wahrhaftigkeit, Güte, Liebe, Selbstlosigkeit, Tapferkeit - in dem Maße wird das Evangelium verkündet.

Linie
© redaktion@turibulum.de
Linie

« zurück