Warum der Papst unfehlbar ist

Kann er auch das Wetter vorhersagen?

Von Dr. Rudolf Michael Schmitz

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Kann denn ein Mensch unfehlbar sein? Ist es möglich, daß jemand sich einfach nie irrt? Unmöglich, nicht wahr? Der Papst genießt die Unfehlbarkeit, wenn er Glaubens- und Sittenlehren verkündet.

Tatsächlich wäre eine so falsch verstandene Unfehlbarkeit auch dem Papst nicht zuzumuten. Wenn er als Privatperson Ansichten äußert, etwa über das Wetter oder über den Ausgang eines Fußballspiels, dann kann er genauso daneben tippen wie jeder von uns. Selbst noch, wenn er in einer Predigt als "privater Lehrer" spricht - vor kleinerem Kreis etwa oder aus dem Stegreif, wenn es notwendig ist - dann kann ihm durchaus ein Fehler unterlaufen, genauso wie jedem anderen Prediger. Ja, wir wissen, daß es Päpste gegeben hat, die in ihrem persönlichen Leben leider alles andere als unfehlbar gewesen sind.

Aber darum geht es überhaupt nicht, wenn wir von der "Unfehlbarkeit des Papstes" sprechen. Seine privaten Ansichten über die Politik, seine Fehler beim freien Sprechen oder seine persönliche Meinung über diese oder jene Einzelentscheidung stehen nicht zur Diskussion. Als das I. Vatikanische Konzil im Jahr 1870 als Zusammenfassung einer jahrtausendealten kirchlichen Glaubensüberzeugung die Unfehlbarkeit des Papstes feierlich erklärte, hat es nämlich folgendes gesagt:

"Wenn der römische Bischof ex cathedra spricht, das heißt wenn er in Ausübung seines Amtes als Hirt und Lehrer aller Christen kraft seiner höchsten apostolischen Amstgewalt endgültig entscheidet, daß eine Glaubens- oder Sittenlehre in der gesamten Kirche festzuhalten ist, so besitzt er auf Grund des göttlichen Beistandes, der ihm im hl. Petrus verheißen ist, jene Unfehlbarkeit, mit welcher der göttliche Erlöser seine Kirche in der endgültigen Entscheidung über eine Glaubens- oder Sitten-lehre ausgestattet wissen wollte. Daher sind solche endgültigen Entscheidungen des römischen Bischofs aus sich selbst, nicht auf Grund der Zustimmung der Kirche, unabänderlich."

Der Papst ist also nur unfehlbar, wenn eine Reihe von Bedingungen gegeben sind: 1. Wenn er in Ausübung seines Amtes als Hirt und Lehrer aller Christen spricht 2. und er als solcher kraft seiner höchsten apostolischen Amts-gewalt endgültig entscheidet 3. über eine Frage, die die Glaubens- und Sittenlehre betrifft.

Die Unfehlbarkeit kommt also ausschließlich dann zustande, wenn der Papst verbindlich für die ganze Kirche etwas für immer klären will, das entweder mit einer Glaubenswahrheit oder mit einem Gebot der christlichen Moral in Zusammenhang steht. Dann aber ist der Papst auch unfehlbar, wenn die Kirche, das heißt die Bischöfe, die Priester und die Gläubigen, nicht befragt worden sind und sogar, wenn sie nicht zustimmen. Diese ganze Wahrheit hat das II. Vaticanum in seinem Dokument über die Kirche feierlich bestätigt.

Solche unfehlbaren Entscheidungen sind naturgemäß sehr selten. Die letzte, die in aller Form getroffen wurde, betrifft die leibliche Aufnahme der Jung-frau Maria in den Himmel. Papst Pius XII. hat am 1. November 1950 mit der Apostolischen Konstitution "Munificentissimus Deus" unfehlbar als von Gott geoffenbarte Glaubenswahrheit (Dogma) erklärt, daß die Gottesmutter "nach Vollendung ihres irdischen Lebenslaufes mit Leib und Seele zur himmlischen Herrlichkeit aufgenommen worden" ist. Auch damit hat er eine viele Jahrhunderte in der Kirche lebendige Überzeugung nur endgültig als zum Glauben gehörig festgestellt.

Es ist überhaupt eine Gewohnheit der Päpste, obwohl sie auch ohne Zustimmung der Kirche die Unfehlbarkeit genießen, diese nicht willkürlich zu handhaben. So gehen allen unfehlbaren Lehrentscheidungen außer theologischen Untersuchungen auch noch entweder große Kirchenversammlungen (Konzilien) oder doch wenigstens Befragungen der Hierarchie (Bischöfe, Priester, Diakone) und der Gläubigen voraus, durch die herausgefunden werden soll, in welcher Form die betreffende Glaubenswahrheit in der Kirche lebt und wie sie dogmatisiert (unfehlbar verkündet) werden soll.

Daran können wir erkennen, daß die Unfehlbarkeit des Papstes ebenso wie der Universalprimat des Papstes (das ist seine Stellung als oberster Hirt der ganzen Kirche und als Quelle aller kirchlichen Regierungsvollmacht wie auch sein Recht, in jeder Diözese eine "wirkliche bischöfliche Vollmacht" auszuüben), der eng mit der Unfehlbarkeit zusammenhängt, in erster Linie ein Dienst an der ganzen Kirche ist. Im Lukasevangelium spricht der Herr zu Petrus, dem ersten der Apostel und dem ersten Papst: "Simon, Simon, der Satan hat verlangt, daß er euch wie Weizen sieben darf. Ich aber habe für dich gebetet, daß dein Glaube nicht erlischt. und wenn du dich wieder bekehrt hast, dann stärke deine Brüder" (Lk 21, 31-32). Zusammen mit der berühmten Stelle Mt 16, 18-19: "Du bist Petrus (der Fels), und auf diesen Felsen werde ich meine Kirche bauen, und die Mächte der Unterwelt werden sie nicht überwältigen. Ich werde dir die Schlüssel des Himmelreiches geben; was du auf Erden binden wirst, das wird auch im Himmel gebunden sein, und was du auf Erden lösen wirst, das wird auch im Himmel gelöst sein", wie auch dem dreimaligen Auftrag Jesu an Petrus: "Weide meine Lämmer! Weide meine Lämmer! Weide meine Schafe!" (Joh 21, 15-17), erkennen wir daran den Willen des Herrn, den Petrus und seine Nachfolger zu Hirten und Lehrern der ganzen Kirche zu machen. Wenn der Nachfolger Petri nicht unfehlbar wäre, dann hätte der wahre Glaube längst aufgehört, er könnte seine Brüder, das heißt die ganze Kirche, nicht richtig führen, und die Kirche wäre schon von den "Pforten der Unterwelt", also den Mächten des Bösen, verschlungen worden.

Immer notwendiger wurde in den Wirren der Geschichte diese Ausübung des göttlichen Geschenkes der Unfehlbarkeit durch die Nachfolger des Apostelfürsten. Entsprechend wuchs auch die deutliche Erkenntnis dieser Wahrheit an, die schon den Kirchenvätern (den ersten großen und auch heiligen Theologen) bekannt war (zum Beispiel Ignatius von Antiochien, Hieronymus, Augustinus usw.). Der größte Theologe der Kirche, der hl. Thomas von Aquin, hat die Unfehlbarkeit dem Inhalt nach gelehrt, und über verschiedene Streitigkeiten hinweg entwickelte sich die klare Lehre davon bis zum bereits erwähnten Dogma des I. Vatikanischen Konzils.

Es ist dieser Unfehlbarkeit, die der Herr der Kirche und besonders ihrem irdischen Haupt garantiert hat, zu danken, daß die Einheit der katholischen Kirche im Glauben über nun fast 2000 Jahre auf der ganzen Erde bestehen geblieben ist. Ohne die Unfehlbarkeit wäre in den vergangenen Jahrtausenden die in vielen Irrlehren geschüttelte Kirche längst in viele hundert Sekten zerbrochen. Da jeder Mensch recht behalten will, hätten wir so viele Päpste wie Gläubige, weil alle ihre unmaßgebliche "Meinung" für die alleinseligmachende hielten. Die Unfehlbarkeit des Papstes rettet uns vor solcher Selbstherrlichkeit. Wenn wir den Papst hören, dann hören wir Christus, der mit der Stimme seiner Kirche spricht und so ihre Glaubenseinheit aus allen Kämpfen rettet.

Deshalb ist es gut, auch dann der Stimme des Papstes zu folgen, wenn er nicht ausdrücklich unfehlbar lehren will. Denn abgesehen davon, daß er sowieso den besseren und weiteren Überblick über alle kirchlichen Fragen besitzt, hat ihm Jesus durch sein Amt auch eine Gnade geschenkt, die seine Worte immer zum Wegweiser für die Gläubigen werden lassen.

Die Unfehlbarkeit des Papstes und auch seine normale Lehrtätigkeit als oberster Hirt der Kirche sind also keine Zumutung an uns und noch viel weniger ein Instrument der Unterdrückung. Sie sind vielmehr logische Notwendigkeiten, die sich aus dem allgemeinen Heilswillen Gottes für uns Menschen herleiten. Gott will, daß alle Menschen durch die der Kirche anvertrauten Wahrheit gerettet werden. Deshalb muß diese Wahrheit unversehrt bewahrt werden. Das aber garantiert die Unfehlbarkeit des Papstes und der Kirche. Danken wir Gott dafür! .

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