Bei dem Wort "Tapferkeit" denken wohl viele an Tapferkeitsmedaillen, Auszeichnungen für militärische Leistungen, an außergewöhnliche Rettungsaktionen, wie sie aus den Medien bekannt sind. Aber ist damit das Wesen der Tapferkeit, wenn wir sie im Sinne der christlichen Tapferkeit als Grundtugend begreifen wollen, schon erfasst? Tapferkeit bedeutet mehr als nur Verwegenheit, Mut und Ausdauer. Sie ist auch nicht eine Haltung, die nur zu einem bärenstarken Draufgänger passen würde. Aber was ist die Tapferkeit dann?
In der christlichen Kunst finden wir Beispiele für die Tapferkeit in der Gestalt des heiligen Georg, des Drachentöters. Der Drache ist die zum Ungeheuer mutierte Schlange, die wiederum ein Inbegriff des Bösen ist. Wer es damit aufnimmt, hat Mut und beweist Tapferkeit. Doch um tapfer zu sein, muss man heute keine Lanze und keine Rüstung tragen. Tapferkeit entsteht, und das ist ein erster wichtiger Gedanke, aus der Einsicht, dass das Gute in der Welt sich normalerweise nicht von allein durchsetzt. Es braucht vielmehr Menschen, die dem Guten zum Durchbruch verhelfen, die das Gestrüpp und das Gespinst des Bösen, der Lüge, der Verführung durchstoßen. Und dabei sind sie bereit, im Extremfall auch ihr eigenes Leben dafür einzusetzen.
Wenn wir etwa an das Beispiel der Geschwister Scholl in München in der Nazizeit denken, die durch ihre Flugblätter das Gewissen der Menschen aufrütteln wollten, die versucht haben, die Parolen der Mächtigen als Verführung und Lüge zu entlarven, und die schließlich dafür mit dem Leben bezahlen mussten - da können wir eine Ahnung davon bekommen, dass Tapferkeit nie billig zu haben ist, auch wenn es uns nicht wie Sophie und Hans Scholl und ihren Freunden sofort an den Kragen geht, sondern vielleicht nur unsere Bequemlichkeit oder auch unser Ansehen in einer Wohlstands- und Spaßgesellschaft auf dem Spiel steht.
Das Gute setzt sich nicht von allein durch, und derjenige, der tapfer für das Gute arbeitet und kämpft, setzt unter Umständen sein Leben dafür ein. Das ist der zweite Gedanke: die Tapferkeit setzt voraus, dass der Tapfere verletzlich ist. Er ist kein "Superman", dem überirdische Kräfte verliehen sind, sondern er ist ein Mensch aus Fleisch und Blut wie alle anderen Menschen auch. Und diese Verletzlichkeit macht erst die wahre Tapferkeit aus.
Der wirklich Tapfere ist in aller Regel nicht der strahlende Held, der gefeiert wird, sondern oft der Schwache, der nicht verstanden wird, ja dem man zum Vorwurf macht, dass er seine Chancen gar nicht richtig einsetzt, sondern verspielt um der Wahrheit willen, die ja doch nur relativ sei - und wer könnte schon sagen, dass er die Wahrheit im Ganzen erkannt hätte? Ein Beispiel dafür ist der heilige Thomas Morus, unter König Heinrich VIII. in England der zweite Mann als Lordkanzler seiner Majestät, des Königs. Als der König alle im Land verpflichtet, ihn als rechtmäßiges Haupt nicht nur des Staates, sondern auch der Kirche anzuerkennen, tut Thomas Morus - einfach nichts. Er schweigt. Auch nach massiven Repressalien und Drohungen ist er nicht zu bewegen, seine Meinung zu dieser unerhörten Anmaßung des Königs zu sagen. Die Tapferkeit dieses Heiligen besteht also gerade nicht in einer heldenhaften Tat, sondern in seinem Schweigen, das natürlich umso beredter ist, je mehr der Schweigende bedrängt wird, doch endlich zu reden. Thomas Morus zeigt: Der Tapfere untersteht nur seinem Gewissen, das aber seinerseits der Wahrheit verpflichtet ist. Das Gewissen relativiert nicht die Wahrheit, sondern bringt sie zum Leuchten. Und so wie die Wahrheit verletzlich ist, ist auch der tapfere Mensch ein überaus verletzlicher Mensch.
Der tapfere Mensch ist einer, der der Wahrheit und nur ihr allein dienen will. Er weiß, dass vieles von ihm abhängen kann und dass viele Menschen auf ihn schauen, und das gibt ihm Kraft. Und zugleich weiß er auch: Sein Tun ist nicht alles. Er kann Gott das Ende überlassen. Er kann zulassen, dass Gott vollendet, was der Mensch in seiner Tapferkeit beginnt und bewirkt. Das bedeutet: zur Tugend der Tapferkeit muss die Tugend der Geduld kommen. Wer wirklich tapfer sein will, muss nicht sofort alles übers Knie brechen. Das ist ein dritter wichtiger Gedanke, und der scheint heute besonders wichtig zu sein. Als Christ in heutiger Zeit braucht man viel Geduld: mit anderen, die man nicht ändern kann, es sei denn man fängt bei sich selber an. Der tapfere Mensch ist vor allem einer, der sich selbst richtig einschätzen kann und darum auch Geduld mit sich selbst haben kann. Dann wird er zu einem Zeugen für das Reich Gottes, das tapfere und zugleich kluge Menschen braucht, damit es in unserer Welt Wirklichkeit wird.
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