Von Dekan Ludwig Gschwind
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Früher war das Sitzen in katholischen Kirchen verpönt. Man kniete nahezu während der ganzen hl. Messe. Der Gläubige betete in seinem Gebetbuch eine Messandacht. Und während man sich in vergangener Zeit nur zur Predigt setzte, sind die Haltungen beim Gottesdienst heute für die Gemeinde abwechslungsreicher. Es ist üblich geworden, sich gleich nach der kurzen Begrüßung des Herrn im Sakrament, die man kniend verrichtet, niederzusetzen. "Lasst die Leute sich lagern!", sagt Jesus vor der wunderbaren Brotvermehrung, und die vielen Leute ließen sich auf dem Gras nieder. Den ganzen Tag waren sie bei Jesus und hatten seinen Worten gelauscht, nun sollten sie ausruhen. Das Sitzen ist die Haltung des Ausruhens.
Wenn man sich zur Lesung hinsetzt, die aus dem Alten und Neuen Testament genommen ist, dann könnte man an Abraham denken, der den drei vorüberziehenden Männern seine Gastfreundschaft anbot und sie einlud, sich bei ihm niederzusetzen, um sich für den weiteren Weg zu stärken. Man könnte sich an das Volk Israel erinnern, das sich auf seiner 40-jährigen Wanderung immer wieder niederließ und von Gott gestärkt wurde. So viele Bilder des Alten Testamentes werden lebendig: etwa der Dulder Job, der in Staub und Asche sitzt, oder der Prophet Jona, der unter dem Ginsterstrauch auf den Untergang Ninives wartet, oder König David auf seinem Thron, dem der Prophet Natan seinen sündhaften Lebenswandel vorhält.
Erkennen wir in diesen Gestalten nicht uns selber als Menschen, die Gottes Wort brauchen, um weiter wandern zu können; als Menschen, die Leid bedrückt und nur alles Gott anheimstellen können; als Menschen, die für andere Gottes Gericht erwarten und selber wegen jeder Kleinigkeit mit Gott hadern; als Menschen, die Gottes Wort als ernste Mahnung erfahren, das eigene Leben zu ändern.
Das Sitzen ist die Haltung des Hinhörens und deshalb auch die Haltung bei der Predigt. So sehen wir den 12-jährigen Jesus, wie er im Tempel den zu seinen Füßen sitzenden Schriftgelehrten die Worte der Propheten deutet. Wir sehen Jesus, wie er in seiner Vaterstadt Nazareth den staunenden Hörern den Sinn der Schrift erschließt. Wir sehen Jesus bei der Bergpredigt, wie er den Menschen das Gebot und den Weg der Liebe verkündet.
Wenn man sich zur Gabenbereitung setzt, dann haben wir auch dafür Beispiele aus dem Leben Jesu: Jesus lässt sich zu Tisch laden von den Brautleuten in Kana, von dem Pharisäer Simon, von Zöllnern und Sündern. Bei der Hochzeit zu Kana wandelte Jesus Wasser in Wein. Bei der hl. Messe wirkt Jesus ein noch viel größeres Wunder: Brot und Wein werden in seniem Leib und sein Blut gewandelt. Jesus lässt sich von Sündern einladen, und was sind wir anderes?
Beim festlichen Hochamt kann man auch zum Gloria und Credo sitzen, wenn der Kirchenchor diese Teile singt. Damit soll wiederum das Hinhören ausgedrückt werden. Noch besser ist es freilich, die Texte im "Gotteslob" mitzubeten.
Mancherorts hat es sich eingebürgert, sich nach der Kommunion niederzusetzen, wie es auch Pfarreien gibt, in denen ganz auf Kniebänke verzichtet wurde. Man wird zugeben müssen, dass das Sitzen nicht die Haltung der Anbetung ist und sich in der hl. Schrift keine Belege dafür finden, dass jemand Jesus eine Bitte im Sitzen vorgetragen hat. Ich meine, wir sollten es uns nicht zu bequem machen. Ganz etwas anderes ist es, wenn jemand aus gesundheitlichen Gründen nicht so lange knien oder stehen kann. Dafür sollte jeder Verständnis haben. Leider aber muss man manchmal feststellen, dass gerade sportliche junge Menschen wenig Kondition im Knien und aufrechten Stehen haben, ob es da am Training liegt oder "nur" an einer religiösen Konditionsschwäche?
Nächste Folge im Oktober: "Wir klopfen uns an die Brust"
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