Von Dekan Ludwig Gschwind
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Als der frühere Bundeskanzler Willy Brandt 1970 Warschau besuchte, weilte er auch an dem Mahnmal für die Opfer des Warschauer Ghettos. Brandt war so erschüttert, dass er sich niederkniete. Dieses Bild ging um die Welt. Keine Rede hätte so viel ausgesagt wie diese Geste.
"Der deutsche Mann kniet nicht!" Das war ein Schlagwort der Nationalsozialisten. Wohin haben sie unser Volk geführt? Deutschland war zwölf Jahre später runiniert. Abertausende haben im Weltkrieg ihr Leben verloren, und Millionen waren ermordet. Deutschland, das nicht mehr knien sollte, wurde in die Knie gezwungen.
Der unvergessene Konzilspapst Johannes XXIII. hat in sein geistliches Tagebuch ein ganz anderes Wort geschrieben: "Nie ist der Mensch größer, als wenn er kniet." Das ist christliche Haltung! Was hat dieser kniende Übergangspapst nicht alles in Gang gebracht: Er ging auf die getrennten christlichen Brüder zu und suchte, Wege zur Einheit zu beschreiten. Er versuchte, die West-Ost-Spannungen überwinden zu helfen. Er verließ den Vatikan, besuchte die Gefangenen in Rom und machte eine Pilgerfahrt nach Loreto. Er berief das II. Vatikanische Konzil ein. Wieviel Gutes hat dieser Papst bewirkt!
Jesus selbst hat uns das Knien gelehrt. Er sagte nicht: "Wenn ihr betet, dann kniet euch nieder!" Aber am Ölberg sehen wir ihn knien und zum Vater flehen. Sein Beispiel war den Jüngern Vermächtnis, und so lesen wir mehrfach in der Apostelgeschichte: "Da kniete er (Petrus bzw. Paulus) nieder und betete."
Das Knien ist jedoch auch stärkster Ausdruck der Anbetung. In der Offenbarung des Johannes heißt es immer wieder: "Sie fielen vor dem Thron auf ihr Angesicht, beteten Gott an und sprachen..." Da die hl. Messe Bitte und Anbetung, neben Dank und Lobpreis, vereint, gibt es immer wieder Augenblicke, bei denen man hinkniet, so etwa nach der Präfation, wenn die hl. Messe im Hochgebet ihren Höhepunkt findet. Unvergessen ist mir das Bild von Mutter Theresa beim Katholikentag 1978. Die Teilnehmer haben sich von ihren Plätzen erhoben. Es ist Wandlung. Viele neigen ihr Haupt, aber Mutter Theresa kniet sich nieder. Sie achtet nicht darauf, ob ihr Ordenskleid beschmutzt wird. Sie spürt: "Hier kann man nur knien. Jesus ist in unserer Mitte. Ihn muss man anbeten."
Ähnlich ist es, wenn der Priester vor der hl. Kommunion den Leib Christi erhebt: "Seht das Lamm Gottes." Kann man da anders als niederknien? "O Herr, ich bin nicht würdig..." Auch wenn man die hl. Kommunion, den Leib des Herrn, stehend empfängt, sollte man nach dem Empfang niederknien, um den Herrn im Sakrament anzubeten. Wieviel haben wir dem Herrn zu sagen!
Es ist eine alte Tradition der Kirche, sich zum Segen niederzuknien. Der Diakon forderte in der frühen Kirche die Gläubigen sogar eigens dazu auf: "Kniet euch nieder!"
Das Knien ist keine Zumutung für mündige Christen, sondern Ausdruck seiner Bitte und der Anbetung: "Die Erkenntnis unserer selbst, unserer Nichtigkeit vor Gott; das Bewusstsein, dass wir Gott brauchen, ohne den wir immer sehr klein sind, wenn wir uns auch zur Größe von Giganten erheben."
Nächste Folge im September: "Das Sitzen"
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