Nur Äußerlichkeiten?

Vor Gott allein beuge ich meine Knie (Folge 6)

Von Dekan Ludwig Gschwind

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Zu den hohen Auszeichnungen dieser Erde zählt es, bei der englischen Königin eingeladen zu werden. Besonders aufregend ist eine solche Einladung für die Damenwelt, denn während es bei den Herren der Schöpfung genügt, wenn sie einen tiefen Diener machen, wird von den Frauen der Hofknicks erwartet. Nicht jeder Dame gelingt es, vor der Königin auf graziöse Weise in die Knie zu sinken, aber das wird man eher der Aufregung als mangelnder Übung zurechnen müssen.
Es soll freilich auch Leute geben, die es ablehnen, der höfischen Etikette zu folgen, und zur Begründung sagen: "Ich beuge meine Knie nur vor Gott und nicht vor irgendeinem Menschen." Dabei sind die englischen Könige die letzten sakralen Könige, die noch gesalbt werden und sich als Könige "von Gottes Gnaden" verstehen.
Vor nicht zu langer Zeit, als man die Bischöfe noch mit "Exzellenz" anredete und die Äbte mit "Euer Gnaden", beuge man die Knie, wenn man dem kirchlichen Würdenträger den Ring küsste, allerdings beugte man das linke Knie, weil das rechte Knie Gott allein vorbehalten war.
Trotzdem sollte man solche Feinheiten nicht als "Firlefanz" abtun, denn die Regeln der Höflichkeit sind mehr als nur eine Anstandsform. Sie sind Ausdruck der Ehrerbietung und Hochschätzung. Man mag die Übertretung für mutig halten, aber sie stellt eher ein Armutszeugnis aus.
"Vor Gott allein beuge ich meine Knie." Wo ist Gott mir so nahe, so gegenwärtig, dass nicht nur ein Akt der Ehrfurcht, sondern ein Akt der Anbetung erforderlich ist? Für den katholischen Christen ist es selbstverständlich, dass er vor dem Tabernakel, in dem das Allerheiligste aufbewahrt wird, eine Kniebeuge macht. Es ist ein Bekenntnis des Glaubens, dass Jesus Christus in der Brotsgestalt wahrhaft gegenwärtig ist.
Vor keiner so wertvollen Figur, vor keinem Marien- oder Heiligenbild beugen wir anbetend die Knie, auch nicht vor dem Altar, sondern nur vor dem im Sakrament des Altares gegenwärtigen Herrn. Eine Ausnahme bildet die Kreuzverehrung am Karfreitag, bei der wir dem toten Heiland, unserem Erlöser, die Reverenz erweisen. Am gleichen Karfreitag werden wir bei den großen Fürbitten aufgefordert: "Beuget die Knie! Erhebet Euch!" Während der Priester sich sonst nach dem "Lasset uns beten" still sammelt und sein Haupt neigt, soll am Karfreitag das Flehende auch in den Gebärden Ausdruck finden. Wohl selten ist der Bogen fürbittenden Betens so weit gespannt wie an diesem Tag. Auch bei der Kreuzwegandacht beugen wir das Knie bei jeder der 14 Stationen, wenn wir beten: "Wir beten dich an, Herr Jesus Christus, und preisen dich, denn durch dein heiliges Kreuz hast du die Welt erlöst."
Im "Gotteslob" ist beim großen Glaubensbekenntnis vermerkt: "Zu den folgenden Worten verbeugen sich alle - an Weihnachten und am Hochfest der Verkündigung kniet man nieder." Es handelt sich dabei um die Worte: "...hat Fleisch angenommen durch den Heiligen Geist von der Jungfrau Maria und ist Mensch geworden." Das Bekenntnis zur Menschwerdung Gottes, das wir beim "Engel des Herrn" ebenfalls ablegen ("Und das Wort ist Fleisch geworden und hat unter uns gewohnt") kann auch hier durch eine Kniebeuge geehrt werden, wenigstens aber klopft man sich an die Brust.
Eine richtige Kniebeuge geht bis zum Boden. Das rechte Knie wird zur linken Ferse geführt. Die Augen schauen geradeaus, der Körper bleibt aufrecht. Niemals aus dem Gehen heraus eine Kniebeuge machen oder "Anlauf" nehmen, sondern vorher immer kurz stehenbleiben. (Das gilt übrigens auch für Wendungen usw.) Auch sieht es unschön aus, wenn man wie ain alter Mann die Hände auf das Knie oder den Boden stützt. So schwer ist es eigentlich nicht, eine rechte Kniebeuge zu machen. Trotzdem kann man alle möglichen Formen von Hopsern oder Knixen sehen, die nur sehr entfernt mit einer Kniebeuge zu tun haben. Denken wir bei der Kniebeuge daran: Wir geben Gott die Ehre.

Nächste Folge im Juni: "Das Stehen"

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