Nur Äußerlichkeiten?

Das lateinische Kreuzzeichen (Folge 5)

Von Dekan Ludwig Gschwind

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Wenn wir mit den Fingern der gestreckten rechten Hand Stirn, Brust, die linke und rechte Schulter berühren, spüren wir geradezu, wie dieses Kreuzzeichen den ganzen Menschen umspannt. Zu Jesus wollen wir gehören. Als die Muttergottes Bernadette das erste Mal in Lourdes erschien, da zog das Mädchen seinen Rosenkranz heraus und bezeichnete sich mit dem Kreuz, und sie sah, wie auch Maria das Kreuz schlug. Die Tochter des himmlischen Vaters, die Mutter des göttlichen Sohnes, die Braut des Heiligen Geistes gab damit zu erkennen, welche Bedeutung man im Himmel diesem Zeichen beimisst. Sooft wir dieses große Kreuzzeichen machen, erneuern wir unsere Zugehörigkeit zu Jesus Christus. Indem wir die Stirn berühren, wollen wir sagen: Ich will Jesus Christus gehören mit meinem ganzen Denken und sinnen. Ich will ihn vor der Welt bekennen. Indem wir die Brust berühren, wollen wir ausdrücken: Ich will Jesus Christus gehören mit meinem ganzen Herzen, mit meinem Fühlen und Lieben. Indem wir die Schultern berühren, wollen wir zu erkennen geben: Ich will Jesus Christus gehören mit meinem ganzen Wollen und Handeln.
Als die Kommunisten in Vietnam jede religiöse Bekundung unter strenge Strafen stellten, da lehrte ein Katechist seine Mitchristen ein unsichtbares Kreuzzeichen. Er sagte zu ihnen: "Stellt euch Jesu Kreuz in Gedanken vor. Ein Tropfen seines Blutes fällt auf meine Stirn. Es dringt in meine Gedanken ein, um sie zu erleuchten. Im Namen des Vaters. Es rinnt langsam nach unten ins Herz, um es zur Liebe zu entflammen. Und des Sohnes. Es dringt von da in die Schultern ein, um ihnen Kraft zu geben, das Kreuz zu tragen. Und des Heiligen Geistes. Amen." Können wir uns vorstellen, dass diese Christen selbst in Gedanken das Kreuzzeichen schlampig und oberflächlich machen?
Es ist geradezu peinlich, wenn gestanden Mannsbilder, wenn gebildete Leute das große Kreuzzeichen nicht richtig machen können, wenn Mütter dieses Kreuz falsch machen, wie man es immer wieder erleben kann. Der große englische Schauspieler Sir Alec Guiness erzählt in seinen Erinnerungen folgende Begebenheit: Nach einer Theateraufführung sei ein Pfarrer zu ihm in die Garderobe gekommen: "Ich bin nur gekommen, um Ihnen mitzuteilen, dass Sie sich nicht korrekt bekreuzigt haben. Sie sollten es folgendermaßen tun: Von der Stirn auf die Brust und dann von links nach rechts." Zur Illustration bekreuzigte er sich, dann verschwand er.
Wie sehr ein Kreuzzeichen zum Bekenntnis werden kann, erlebte man bei der Beerdigung des sowjetischen Staatspräsidenten Tschernenko, als seine Witwe sich am Sarg vor den Augen der Weltöffentlichkeit bekreuzigte. Nicht die Trostworte der Funktionäre, nicht das Ritual des Staatsbegräbnisses, sondern allein das Kreuz Christi gab ihr Halt.
Der russische Dichter Alexandr Solschenizyn, der mit seinem Buch "Archipel Gulag" das Elend und die Verzweiflung russischer Straflager darstellte, wurde vor seiner Ausbürgerung verhaftet. Die Polizisten wollten ihn rasch zur Tür seiner Wohnung hinauszerren. "da hatte ich noch die Kraft 'Geduld' zu sagen, und langsam machte ich das Kreuz über meine Frau und sie über mich. " Welche Kraft, welcher Segen geht vom Kreuz aus!

Nächste Folge im Juni: "Die Kniebeuge"

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