Nur Äußerlichkeiten?

Das kleine Kreuzzeichen (Folge 4)

Von Dekan Ludwig Gschwind

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Viel älter als das große Kreuzzeichen, das erst im 14. Jahrhundert aufkam, ist das kleine Kreuzzeichen, von dem Tertullian (gest. 220) in seiner Schrift "Vom Kranz des Soldaten" schreibt: "Bei jedem Schritt und Tritt, beim Kommen und beim Gehen, beim Anziehen der Kleider und Schuhe, beim Waschen und beim Essen, beim Lichtanzünden und beim Schlafengehen, beim Niedersetzen und jeder sonstigen Tätigkeit, die wir verrichten, machen wir Christen auf die Stirne das Zeichen des Kreuzes." Es ist dies ein Bekenntnis zu Jesus, dem Gekreuzigten. Es soll gegen den bösen Feind schützen, der vor dem Kreuz flieht. Es soll den Gläubigen segnen.
Bei der hl. Taufe bezeichnen Priester, Eltern und Paten den Täufling mit einem Kreuz auf die Stirn, auch die Salbung mit Chrisam erfolgt im Zeichen des Kreuzes. Bei der hl. Firmung salbt der Bischof den Firmling ebenfalls mit dem Chrisam die Stirn in Kreuzesform. Bei der hl. Priesterweihe werden die Innenflächen der Hände des Weihekandidaten mit Chrisam gesalbt, und wieder ist es ein Kreuz, das der Bischof dabei macht. Bei der Krankensalbung zeichnet der Priester mit dem Krankenöl ein Kreuz auf Stirn und Hände. Das Kreuz begleitet so den ganzen Lebensweg des Christen. Im Kreuz ist Heil, weil Jesus uns am Kreuz erlöst hat. Im Kreuz ist Hoffnung, weil der Sieg Jesu am Kreuz uns den Himmel geöffnet hat. Im Kreuz ist Leben, weil alle, die sich zu Jesus bekennen, gerettet werden.
Die Eltern werden ihrem Kind nicht bloß bei der hl. Taufe das Kreuz auf die Stirne zeichnen, sondern jeden Morgen, wenn sie es aus seinem Bettchen nehmen, jeden Abend, wenn sie es ins Bett bringen. Auf diese Weise rufen sie beständig Gottes Segen auf ihr Kind herab. Seinem Schutz empfehlen sie es an.
Irgendwann wird das Kind, das dies Tag für Tag erlebt und sieht, wie auch die Eltern sich selber bekreuzigen, sagen: "Ich!" und die Mutter erlebt, wie der Kleine etwas unbeholfen und ungelenk im Gesicht herumfährt, wenn man mit dem Tischgebet beginnt. Da weiß die Mutter: Jetzt will er es selber machen. Sie nimmt seine Hand, lässt ihn seinen Daumen strecken und führt ihn zur Stirn: Von oben nach unten und von links nach rechts. Manchmal wird es ihm wieder misslingen, aber mit der Zeit kann er es wie die Großen. Wenn die Eltern das Kind zur hl. Messe mitnehmen, sieht es, dass der Priester beim Evangelium das gleiche Kreuz auf Stirn, Mund und Brust macht. Ob die Mutter ihm auch erlärt hat, warum man Stirn, Mund und Brust mit dem Kreuz bezeichnet? Warum man dazu spricht: "Im Namen des Vaters und des Sohnes und des Hl. Geistes. Amen"?
Das Kreuz auf die Stirn lässt uns an den Vater im Himmel denken, der alles erschaffen hat: die Sonne, den Mond, die Sterne, die Berge und Seen, die Blumen und Vögel, den Menschen, mich selber. Dem Vater im Himmel verdanke ich mein Leben. Das Kreuz auf den Mund lässt uns an den Sohn Gottes, Jesus, unseren Heiland, denken. Er ist das Wort, das der Vater in die Welt gesprochen hat. "Das Wort ist Fleisch geworden und hat unter uns gewohnt." Jesus hat uns vom Vater im Himmel erzählt und uns gesagt, was wir tun müssen, um in den Himmel zu kommen.
Im Evangelium hören wir, was uns Gott durch seinen Sohn sagen will. Das Kreuz auf den Mund erinnert uns an Jesus, der durch seinen Tod am Kreuz uns alle erlöst hat. Das Kreuz auf die Brust lässt uns an den Hl. Geist denken, der uns heilig machen will. Wie die Apostel am Pfingstfest, erfüllt vom Hl. Geist, hinausgingen, um für Jesus Zeugnis abzulegen, so müssen wir Christus den Heiland vor den Menschen bekennen. Der Hl. Geist soll auch unser Herz erfüllen, damit wir Gott danken, ihn loben und preisen.
Als die Hl. Agnes, die mit 14 Jahren vor dem heidnischen Richter stand, von diesem gedrängt wurde, doch den Göttern zu opfern, sie brauche nur etwas Weihrauch, ein paar Körner, auf die die Glut zu streuen, da hat sie nach langem Widerstreben gerufen: "Nehmt die Fesseln von meinen Händen!" Der Richter ließ sie nun, in der Erwartung, sie werde opfern, vor das Götterbild führen und befahl, ihr die Fesseln abzunehmen. Kaum aber hatte Agnes ihre Hände frei, machte sie das Kreuzzeichen und betete laut: "Im Namen des Vaters und des Sohnes und des Hl. Geistes." Damit war ihr Leben besiegelt. Agnes musste einen grausamen Martertod sterben, aber sie wusste, dass der Himmel ihr Lohn sein wird, "denn wer mich vor den Menschen bekennt, zu dem werde auch ich mich vor meinem Vater im Himmel bekennen."

So geht das kleine Kreuzzeichen: Die linke Hand liegt mit gestreckten und aneinandergelegten Fingern auf der Brust; Finger und Daumen der rechten Hand sind gestreckt, der Daumen wird im rechten Winkel zu den Fingern gehalten und zeichnet ein kleines Kreuz auf Stirn, Mund und Brust. Das kleine Kreuzzeichen wird immer zum Evangelium gemacht zum Zeichen dafür, dass das Wort Gottes in den Gedanken, auf den Lippen und im Herzen getragen werden soll.

Nächste Folge im Mai: "Das große Kreuzzeichen"

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