Ablass vor dem Radio

Vom Ostersegen "Urbi et Orbi" zum Tischgebet

Von Andreas Wanka

Linie

Am Ostersonntag ist es wieder soweit. Nach der feierlichen Messe auf dem Petersplatz in Rom tritt der Heilige Vater auf die Loggia und spendet den Segen "Urbi et orbi" (der Stadt Rom und dem ganzen Erdkreis). Mit diesem päpstlichen Segen ist ein vollkommener Ablass verbunden (ein Nachlass aller zeitlichen Sündenstrafen), und zwar nicht nur für die zehntausenden Gläubigen in Rom, sondern auch für die Millionen, die zu Hause am Radio oder am Fernseher live die Übertragung verfolgen und den Segen in gläubiger Gesinnung empfangen. Dieser besondere Segen wird nur zweimal im Jahr gespendet, zu Weihnachten und zu Ostern. Aber im Laufe des Kirchenjahres kommen sehr häufig Segen vor, die meist mit einem alten Brauchtum verbunden sind: der Blasiussegen, die Segnung des Johannesweins, der Speisesegen an Ostern, die Kräutersegnung am Fest der Aufnahme Mariens in den Himmel oder die Segnung von Kirchen, Glocken, Altären oder Andachtsgegenständen wie Rosenkränzen oder Kreuzen. Wir segnen unsere Speisen mit dem Tischgebet. Beim Wettersegen bitten wir um ein gutes Gedeihen der Feldfrüchte. Wir segnen ein Haus oder eine Wohnung, erbitten den Reise- oder Krankensegen.
Ein Segen ist eine Sakramentalie und bereitet somit durch das Gebet der Kirche auf den Empfang der Gnade des Heiligen Geistes in den Sakramenten vor. Segnungen "sind zugleich Lobpreisungen Gottes um seiner Werke und Gaben willen und Bitte der Kirche für die Menschen, damit diese von den Gaben Gottes im Geist des Evangeliums Gebrauch machen können. Durch diese Zeichen werden die Menschen bereitet, die eigentliche Wirkung der Sakramente aufzunehmen; zugleich wird das Leben in seinen verschiedenen Gegebenheiten geheiligt." (Katechismus der Kath. Kirche). Darum ruft die Kirche bei jedem Segen den Namen Christi an. Viele Segnungen haben eine bleibende Wirkung. Durch sie werden Dinge oder Menschen aus dem Alltäglichen ausgesondert und ganz dem Gottesdienst geweiht. Dann spricht man meist von einer Weihe. Solche Priester-, Bischofs- oder Abtsweihen sowie Gewändersegnungen darf nur der Bischof spenden. Der sakramentale Segen mit dem Allerheiligsten oder der Schlusssegen in der Messe bleibt dem Priester vorbehalten. Aber jeder Getaufte ist berufen zu segnen, so segnet zum Beispiel die Mutter ihr Kind, wenn sie ihm ein Kreuzzeichen auf die Stirn zeichnet. Das Kreuzzeichen ist die eigentliche Geste bei jedem Segen, oft mit einem Ritual verbunden wie der Handauflegung, der Besprengung mit Weihwasser als Erneuerung der Taufe, oder den erhobenen Händen des Priesters. Zumindest beim Spender ist der Glaube Voraussetzung. Denn sonst wäre jeder Segen nicht mehr als eine magische Zauberformel.
Von den Personen aus der Bibel ist uns überliefert, dass sie von Gott gesegnet sind, dass der Geist Gottes auf ihnen ruht, kurz: dass sie gessegnet sind. Aber woher kommt eigentlich der Begriff "segnen"? In der lateinischen Sprache gibt es das Wort "signare", das soviel wie "bezeichnen", "bekreuzigen" heißt. Man erkennt schon an der Bedeutung des Wortes die christliche Wurzel. Und so wie in der christlichen Religion alles mit Gott zu tun hat, so muss sich auch der Segen auf ihn zurückführen lassen. In der Tat ist es so, dass Gott Spender des Segens ist und aller Segen, alles Heil von ihm ausgeht und seinen Ursprung in ihm hat. Als Spender des Segens zeigt er sich schon im Alten Testament, wo er die Geschöpfe - seine Schöpfung - Abraham, seine Nachkommen und das ganze Volk Israels segnet. Sie sind also die vom Herrn "Bezeichneten", im Neuen Testament sind es die von Jesus "Bekreuzigten".
Natürlich gibt es auch in anderen Religionen Segen. Im Hinduismus, Buddhismus und Naturreligionen glaubt man, dass der Segnende dem Gesegneten seine Kräfte übertragen kann oder dass er ihm den Beistand der Götter erflehen kann. Aber weil wir bekennen, dass es nur einen Gott, nämlich den Gott Jesu Christi, gibt und dass alles Gute und alles Heil nur von ihm ausgeht, können wir den Begriff "Segen" für solche Handlungen anderer Religionen nicht übernehmen. Aber auch im Judentum hat das Wort "Segen" schon bald mehrere Bedeutungen erhalten: Zuerst verstand man darunter das gesprochene Wort, den Segensspruch, dann folgte die von ihm ausgehende Kraft oder das ausgehende Heil, und schließlich galt jemand, der reich, kinderreich, angesehen usw. war, als gesegnet. Und weil von dem Segen eine Kraft ausging, weil Gott durch den Segen den Menschen nahe war, segneten die Menschen des Alten Bundes einander häufig. Denn Gott segnete nicht nur selber, sondern er wirkte auch Segen, wenn die von ihm eingesetzten Männer ihn spendeten. Aber immer war er es, der Segen spendete und Segen wirkte.
Und auch Jesus kam ja, um uns zu erlösen, um uns die Menschenfreundlichkeit und Liebe Gottes zu zeigen und zu bringen; durch Jesus kamen Heil und Segen in diese Welt. Und was tat er? Er segnete Kinder, Alte, Kranke, Ausgestoßene und die Apostel. Und auch uns fordert er auf zu segnen, sowohl unsere Freunde als auch die, die uns verfolgen, unsere Feinde. Und das tat die Kirche auch. Durch all die Jahrhunderte hindurch segnete er sie. Als es dann gerade im Mittelalter zu Auswüchsen an Segnungen und Weihen kam, sah sie sich gezwungen vorzugeben, wann, was und wie gesegnet wird. Es gab dazu die verschiedensten Bücher. Heute finden wir im "Benedictionale" alle von der Kirche erlaubten Weihen und Segen. Der Christ ist ein Mensch, der sich von Gott geliebt weiß, der diese Liebe zu den Menschen bringen soll. Gerade dies kann er nur, weil er ein von Gott Gesegneter ist.

Linie
© redaktion@turibulum.de
Linie

« zurück