"Da hast du aber einen guten Schutzengel gehabt", heißt es, wenn jemand heil aus einer brenzligen Situation gekommen ist. Meist soll dies nicht mehr heißen als: "Glück gehabt!" Dass es, wie die Kirche lehrt, Schutzengel wirklich gibt, dass jeder einen eigenen hat, wissen heute viele leider nicht mehr.
Das erzählt Bob, ein amerikanischer Geschäftsmann, gern: "Als Kind war ich begeisteter Ballspieler. Einmal, ich war wohl fünf, sechs Jahre alt, rollte mein Ball aus dem Vorgarten auf die Straße und von dort in den Kanal. Da ich sehr an ihm hing und ihn nicht verlieren wollte, rannte ich sofort hinterher. Gerade als ich mich über das Wasser beugen und den Arm nach dem Ball ausstrecken wollte, erschien ein großer, leuchtend weißgekleideter Engel, trat mir in den Weg und sagte mit einem entschiedenen Kopfschütteln: 'Nein!' Ich gehorchte. Hätte ich es nicht getan, wäre ich mit aller Wahrscheinlichkeit in den Kanal gefallen und ertrunken."
Bob glaubt seither an Engel - besonders an seinen Schutzengel, dessen Existenz er hautnah erfahren durfte. So wie Bob geht es vielen. Nicht jeder sieht zwar seinen Engel, aber zahllose Menschen beschwören, mindestens seine Gegenwart und seine wunderbare Hilfe erfahren zu haben.
Man kann sagen, es war Zufall, wenn aus einem total demolierten Auto die Insassen unverletzt aussteigen. Man kann sagen, es war pures Glück, wenn Kinder wie von Geisterhand aus gefährlichen Situationen herausgeführt werden - oder man glaubt an Schutzengel. Wissenschaftlich beweisen lassen sie sich natürlich nicht. Wo bliebe sonst der Glaube?
Aber die Zahl der Skeptiker sinkt. Immer mehr Menschen glauben an die Existenz von Engeln. Dazu trägt unter anderem auch die Esoterik-Welle bei. Dort existieren Engel wie selbstverständlich, wenn auch nicht immer nach katholischem Verständnis. Laut kirchlicher Lehre sind Engel ein wichtiges Element des Glaubens. Sie sind Geistwesen, die am Throne Gottes wirken. In neun Engelchöre, so die Überlieferung, sind die Abertausenden dieser himmlischen Wesen eingeteilt. Für den Menschen spielen die Schutzengel aus dem neunten Chor eine besondere Rolle. Sie sind dazu da, den Menschen sein Leben lang zu schützen und mahnend zu begleiten und ihm im Tod beizustehen. Menschen, die dem Tod sehr nahe waren, bestätigen diese Lehre. Tausende berichten übereinstimmend, im Niemandsland zwischen Diesseits und Jenseits, zwischen Leben und Tod, einer Lichtgestalt begegnet zu sein. Auch die bekannte Psychologin Elisabeth Kübler-Ross ist überzeugt: "Was die Kirche den kleinen Kindern hinsichtlich ihrer Schutzengel erzählt, beruht auf Tatsachen. Jeder Mensch hat solche Begleiter, ob sie daran glauben oder nicht."
Der hl. Augustinus bekannte ganz selbstverständlich: "Wenn Gott die Menschen so sehr geliebt hat, dass er seinen Sohn in die Welt gesandt hat, warum soll er nicht seine Engel schicken?"
Schon die Urchristen waren davon überzeugt, dass es Schutzengel gibt. Ist doch die Bibel voll von diesen Lichtgestalten, die dem Menschen beistehen, ihn ermahnen und schützen. Allein die Frage, wer denn alles einen Engel habe, erregte große Diskussionen. Das Konzil von Trient (1545 bis 1563) erklärte schließlich: Jeder Mensch hat einen Schutzengel. Die Verehrung der Schutzengel setzte erst im ausgehenden Mittelalter richtig ein.
Aufgabe der Schutzengel ist es, so der alte Katechismus, "uns zu schützen (besonders vor den Mächten des Bösen) und auf dem Weg des Heils zu leiten." Freilich, auch die Boten Gottes können sich nicht über die Freiheit des Menschen, das Böse zu wählen, hinwegsetzen. Und wenn Gott Leid und Unglück im Leben eines Menschen zulässt, steht dem "auch der Schutzengel ohnmächtig" gegenüber.
Was die himmlischen Schutzgeister aber sonst so alles anstellen, um ihren Schützlingen zu helfen, berichtet ein Missionar aus Afrika. Er musste eines Tages einen weiten einsamen Weg gehen, um eines seiner Gemeindemitglieder zu besuchen. An einer Stelle lauerten ihm Raubmörder auf. Aber der Angriff fand nicht statt, weil zwei in Weiß gekleidete Männer den Priester begleiteten und die Diebe sich deshalb vor einem Angriff fürchteten. Die Räuber erzählten später in einer Kneipe von diesem "Begleitschutz". Der Wirt, der die Geschichte dem Priester berichtete, war erstaunt, als ihm der Gottesmann versicherte: "Ich war allein unterwegs!"
Einem anderen Missionar passierte Folgendes: Er musste mit seinem Jeep weit ins Land fahren, um den verstreuten Gemeinden die Sakramente zu bringen. Es regnete seit Tagen, und dann stockte plötzlich der Wagen und blieb stehen. Nichts ging mehr vorwärts. Der Pater schaute nach. Alles war in Ordnung: Benzin, Zündkerzen, Hebel. Da sah er plötzlich, wie etliche Meter vor ihm der Regen die Straße hinter einer Kurve in den Abgrund gespült hatte. Wäre er im normalen Tempo weitergefahren, hätte er nicht mehr bremsen können und wäre abgestürzt. Nachdem er das Unheil gesehen hatte, stieg er in seinen Wagen, und der lief wieder ohne jedes Problem. Reiner Zufall? Der Pater war sich jedenfalls sicher: Hier wirkte sein heiliger Schutzengel.
Dies glaubt auch die Schwedin Karin Schubbriggs: Als zehnjähriges Mädchen machte sie mit ihren Eltern eine Radtour. Sie fuhr voraus und ließ sich dann an einem Flußufer nieder, um auf die Eltern zu warten. Nicht weit von der Stelle lag en Boot. Das Mädchen kletterte hinein und wollte von da aus in ein Kanu springen. Doch sie rutschte aus und fiel ins Wasser. Die Strömung war stark. Karin konnte nicht schwimmen. Sie zappelte verzweifelt und schrie, doch der Sog zog sie hinunter. In diesem Augenblick kamen die Eltern. Der Vater stürzte sich sofort ins Wasser, doch seine Tochter war schon untergegangen. In seiner Not rief er ein Stoßgebet zum Himmel, damit sein Kind gerettet würde. Dann geschah etwas Unglaubliches: Das Kind tauchte plötzlich wieder aus dem Wasser auf und schwamm ans rettende Ufer. Wie war das möglich? "Ich hatte auf einmal das Gefühl, dass jemand neben mir war, aber unsichtbar. Seine starken Hände haben mich an Armen und Beinen gepackt und sie so bewegt, dass ich geschwommen bin. Ich hatte nicht das Gefühl, dass ich selbst geschwommen bin", berichtet Karin Schubbriggs.
So unterschiedlich Schutzengelerfahrungen sind, so unterschiedlich ist auch die Erscheinungsweise der helfenden Wesen. Während viele Heilige berichten, regelmäßig mit ihrem Schutzengel gesprochen und ihn in meist männlichem Geschlecht gesehen zu haben, gibt es viele Berichte, nach denen die Engel die Gestalt von Kindern hatten. Vor allem Kindern helfe ihr Schutzengel oft in Kindsgestalt, damit sie nicht erschrecken.
Ein bekannter Arzt aus Amerika, so eine Begebenheit, wurde eines Nachts vom Klopfen an der Tür geweckt. Ein kleines Mädchen flehte ihn an, mit zur kranken Mutter zu kommen. Es war eine kalte und verschneite Nacht. Der Arzt folgte dem Kind und stellte nach einer Untersuchung fest, dass die Mutter eine schwere Lungenentzündung hatte. Er gab ihr die Medizin und sagte: "Sie haben eine tapfere Tochter." Die Mutter erklärte traurig: "Meine Tochter ist vor einem Monat gestorben." Sie zeigte den Mantel im Schrank. Und der Arzt erkannte: Es war der Mantel des Mädchens, das ihn geholt hat. Aber der Mantel war trocken.
Der hl. Don Bosco berichtet, sein Schutzengel habe, um ihn vor Überfällen zu schützen, die Gestalt eines Hundes angenommen. Wenn er nachts an ein Sterbebett gerufen wurde, sei stets "Grigio" - so nannte er den Vierbeiner - aufgetaucht, um ihn zu verteidigen. Er fraß nie etwas, er tauchte aus dem Nichts auf und verschwand so geheimnisvoll, wie er gekommen war. Mehr als 31 Jahre lang - mit Unterbrechungen von manchmal mehreren Jahren - war er an der Seite des großen Heiligen.
Während der vergangenen Jahrzehnte wurden Engel - allen voran die Schutzengel - häufig als Überbleibsel vorchristlicher Kulturen oder als Auswüchse innerer Triebe und Sehnsüchte gedeutet und ins Reich der Fabeln verwiesen. Doch nicht nur der Glaube der Kirche lehrt es: Auch immer mehr Menschen, selbst solche, die nie geglaubt haben, beschwören auf Grund von Engelerlebnissen die Existenz dieser himmlischen Wesen. Leute, die gelernt haben, oft an ihren Schutzengel zu denken, behaupten, die Gegenwart und Hilfe des göttlichen Boten deutlich zu spüren. Sie ermuntern deshalb ihre Mitmenschen, die Schutzengel anzurufen. "Seit ich um meinen Schutzengel weiß, bin ich viel ruhiger", erzählt eine junge Frau. "Gott schenkt mir einen schützenden Begleiter, und ich brauche keine Angst mehr zu haben. Über eine Engel-Erfahrung habe ich auch wieder gelernt zu beten und an Gott zu glauben." Das Beispiel dieser jungen Frau ist kein Einzelfall. Immer wieder berichten Menschen, wie sie auf wunderbare Weise von schweren Unglücken, Tod und Schrecken bewahrt wurden und dadurch zum Glauben zurückfanden.
Heute könnte die Kirche, die sich in den letzten Jahrzehnten oft scheute, über Engel, Teufel und Heilige zu reden, gerade über diese Themen Menschen gewinnen. Engel, die wahren Boten Gottes, bilden neue Brücken zum Glauben.
Der italienische Pater Eugenio Ferrarotti rät den Gläubigen, sich in allen Lebenslagen an die Engel zu halten: "Wann immer man sich in einer schwierigen Lage befindet, muss man an den Engel denken, ihn anrufen und sich ihm empfehlen. Ich tue das oft, vor allem, wenn mir ein Gespräch mit schwierigen, wenig zugänglichen Menschen bevorsteht oder wenn ich ein besonders kompliziertes Problem zu lösen habe. Ich befehle mich in seine Hände und bitte ihn, zum Engel der jeweiligen Person zu gehen und die Angelegenheit in Ordnung zu bringen! Es funktioniert! Darauf bin ich allerdings nicht selbst gekommen, ich habe diesen Trick von Papst Pius XI. gelernt. Einmal offenbarte er nämlich Monsignore Roncalli, dem späteren Papst Johannes XXIII., dass er vor jeder schwierigen Begegnung seinen Schutzengel vorausschicke, damit er für ihn das Terrain vorbereite. Ich kann nur jedem empfehlen, es selbst auszuprobieren! Also noch einmal: Man muss an den Engel denken, ihn anrufen, ihm Aufträge erteilen, ihn beschäftigt halten, denn er offenbart sich vor allem demjenigen, der ihn anruft."
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