(Mai 2000)
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Der Freiburger Professor Joseph Schumacher ist ein anerkannter New-Age-Experte. Bereits 1991 warnte er in turibulum Nr. 5 vor der Bewegung, die er als "Herausforderung an das Christentum" bezeichnete. Neun Jahre später fragten wir den Priester und Wissenschaftler: Ist die Gefahr gebannt?
turibulum: Wie gefährlich ist heute noch die New-Age-Bewe-gung?
Prof. Joseph Schumacher: Das New Age hat sich ausgebreitet in diesen Jahren. Daran gibt es keinen Zweifel. Genaue Zahlen hier anzugeben, ist jedoch schwer, weil das New Age sich einerseits als "sanfte Verschwörung" versteht und weil es andererseits keine zentrale Leitung hat, obwohl es organisiert ist, ja, sogar vielfältig. Vor sechs Jahren schrieb ich in meinem Buch "Esoterik - die Religion des Übersinnlichen", dass das New Age in Deutschland 3.000 Organisationen und Zentren hat, die als missionarische Agenturen zu verstehen sind, und dass im deutschen Sprachraum schätzungsweise 20.000 Personen ausschließlich vom New Age leben.
turibulum: Kann man sagen, wie viele Anhänger es in Deutschland gibt?
Prof. Schumacher: Die Zahl der festen Mitglieder schätzte man schon vor einigen Jahren in Deutschland auf 500.000. Das sagt jedoch wenig aus über den Einfluss dieser Bewegung. Dem New Age-Bewusstsein und der Ausbreitung des New Age verschreiben sich zahlreiche Institutionen und Einzelpersonen, bewusst, zum Teil aber auch unbewusst. Sehr mächtig ist das New Age durch seine Netzwerke. Jeder, der die "heilenden" Wirkungen des New Age erfahren und sich das neue Bewusstsein angeeignet hat, versteht sich ganz selbstverständlich als Missionar. Es gibt aber auch Institutionen und Einzelpersonen, die hauptamtlich im Dienst der New Age-Mission stehen. Die Zahl der Menschen, die im Einflussbereich des New Age leben, übersteigt die Zahl der hauptamtlichen und der ehrenamtlichen Missionare um ein Vielfaches. Das ist sicher. Das Gedankengut des New Age findet immer mehr Resonanz im öffentlichen Leben, und seine Missionare werden immer offensiver. Auch innerhalb der Kirche wächst der Einfluss des New Age, oft ohne dass die Betroffenen oder die Verantwortlichen darum wissen. Das ist merkwürdig angesichts der Tatsache, dass sich das New Age als Alternative zum Christentum versteht. Es ist eine Tatsache, dass unsere Seelsorge vielfach verfremdet ist durch esoterische Elemente, das heißt: durch Elemente des New-Age-Denkens und der New-Age-Praxis. Das gilt noch mehr für die Bildungsprogramme der Pfarreien, aber auch für die Bildungsarbeit der Kirche im größeren Stil. Hier gibt es sicher viel Ahnungslosigkeit. Aber es kommt auch vor, dass man das esoterische Denken und die esoterische Praxis gewollt an die Stelle der authentischen Glaubensverkündigung setzt, denke ich, weil man meint, so könnte man die Menschen eher erreichen und in Bewegung halten - auf lange Sicht gesehen sicherlich ein Irrtum. Oder man hat sich tatsächlich zu einem esoterischen Christentum bekehrt oder hält das Christentum für vereinbar mit der New-Age-Bewegung.
Die "sanfte Verschwörung des Wassermanns" schreitet also voran. Die Gedanken des New Age liegen in der Luft, und sie interessieren viele. Sie geben eine Antwort auf die Bedürfnisse der Menschen. Deshalb werden zunächst die jungen Menschen vom New Age angesprochen. Sie sind in erster Linie Kinder ihrer Zeit. Und schließlich wollen sie auf der Höhe der Zeit sein. Aber auch bei älteren Menschen finden New-Age-Gedanken und New-Age-Verhaltensweisen in größerem Umfang Gehör, mehr und mehr. Das New Age sagt und lehrt, was angenehm ist und was viele im Stillen erwarten. Es bietet dem Einzelnen emotionale, intellektuelle, spirituelle und wirtschaftliche Unterstützung. Es verspricht Gesundheit, berufliche Erfolge, Selbstvervollkommnung, Lebensqualität und vor allem das Glück. Immerfort ist im New Age die Rede von einer unbeschreiblich schönen Zukunft. Dabei erhält der Einzelne die Segnungen des New Age zu einem geringen Preis, nicht unbedingt materiell - die Kurse und Seminare sind im allgemeinen teuer - aber ideell, das heißt: ohne sittliche Anstrengung.
turibulum: Was zeichnet denn dieses "Neue Zeitalter" aus?
Prof. Schumacher: Das New Age empfiehlt sich dadurch, dass es die überkommene Moral auf den Kopf stellt oder liquidiert. Das Neue Zeitalter kennt nur noch ein Gesetz, nämlich die Gesetzlosigkeit. Demnach gilt hier: Tu, was du willst! Oder: Gut ist, was gefällt! Die Freiheit des Einzelnen wird extremisiert im New Age. Dabei macht sich das New Age zum Herold unserer "Spaßgesellschaft". Deshalb verficht man im New Age auch die Freigabe der Drogen, der weichen und harten, und auch der exzessive Gebrauch des Alkohols und des Nikotins darf hier nicht geächtet werden - um der Freiheit des Einzelnen willen.
Sehr wirksam ist heute das dem Neuen Zeitalter entsprechende neue Lebensgefühl, das sich in allen Lebensbereichen auswirkt. Man schwört auf die New-Age-Kleidung, auf den New-Age-Sport, auf die New-Age-Küche, auf die New-Age-Medizin, auf das New-Age-Todesverständnis, auf die Reinkarnation, auf die Astrologie, auf das weibliche Prinzip und auf die Zusammenführung aller Religionen zu einer Welteinheitsreligion. Dabei verbindet sich im New-Age-Denken und auch im New-Age-Handeln das Richtige mit dem Falschen so eng und so sympathisch, dass man das Falsche oft nur noch schwerlich als solches erkennen kann.
Auch die Tatsache, dass heute die Vernunft immer mehr dahinschwindet, zeigt die Ausbreitung des New-Age-Denkens an. In wachsendem Maße machen wir gegenwärtig die Erfahrung, dass uns Menschen begegnen, die Absurdes behaupten, gleichzeitig aber den Anspruch erheben, das sei vernünftig. Das heißt: Das Gefühl ergreift mehr und mehr die Herrschaft über die Vernunft, und die Meinungen verdrängen die Wahrheit. Auch die häufig zu vernehmende Berufung der Menschen auf das Gewissen gegen das Gesetz gründet letztlich in der New-Age-Ideologie.
turibulum: Ist der New-Age-Trend abgeflaut? Sind entsprechende Bücher in den Buchhandlungen immer noch Verkaufsrenner?
Prof. Schumacher: Die New-Age-Konjunktur ist keineswegs abgeflaut. Im Gegenteil. Die Zahl der Bücher, die geschrieben werden über New-Age-Themen ist eher gewachsen als zurückgegangen in den letzten drei Jahren. Die New-Age-Literatur überschwemmt die Buchmessen. Und die Esoterik-Abteilungen finden mehr Zuspruch in den Buchhandlungen als die anderen Abteilungen, vor allem als jene, die christliche Literatur anbieten. Man kann schon sagen: Die Religion des New Age ist weithin die Religion der Massen geworden. Das ist nicht zuletzt dadurch bedingt, dass das New Age unendlich vielfältig und einsatzfreudig ist. Es bietet sich an durch Ausstellungen und Kongresse, durch Reisen, und Freizeiten. Da gibt es spirituelle Lebensberatung, Kreativ-Pädagogik, geistiges Heilen, spirituelle Körpertherapie, Reinkarnationstherapie, Offenbarungstherapie, Märchentherapie und Atemtherapie. Da empfehlen sich Schulen für Magie, für psychologische Astrologie und Seminare für Yoga, für östliche Meditation, für spirituelles Körperbewusstsein, für Astrosoma, für ganzheitliches Leben oder ganz einfach für "Power" und Kurse für Kinesiologie, für Avatar, für Tarot und für Tantra. Ja, selbst die merkwürdige Idee von den "fliegenden Untertassen" wird hier ernst genommen. Das alles strömt ein in das Vakuum des schwindenden Glaubens der Christen. Es gibt inzwischen nicht wenige Zeitungen und Zeitschriften, die sich ausschließlich in den Dienst der Werbung für die Aktivitäten des New Age und für die Inhalte dieser neuen Weltanschauung stellen.
turibulum: Interessiert man sich im Zeitalter von Internet und Multimedia noch für Esoterik?
Prof. Schumacher: Internet und Multimedia werden in Dienst genommen durch die "sanfte Verschwörung des Wassermannes". Ich selber erhalte regelmäßig New-Age-E-mails, manchmal täglich, die werben und informieren. Auf die modernen Massenmedien hat das New Age von Anfang an sein Interesse gerichtet, wenn es nicht gar seine Hand darauf gelegt hat, besonders auf das Fernsehen. Aber die New-Age-Propaganda lässt es dabei nicht bewenden. Sie ist erfinderisch. Und sie setzt alles ein: die Schulen, die Universitäten, die Politik, die Kunst, die Literatur und nicht zuletzt die Institutionen der Freizeit, die heute ein wichtiger Faktor sind, weil die Freizeit der Menschen wächst und weil vor allem auch die Zahl der Rentner immer größer wird. Ihnen widmet das New Age heute seine besondere Aufmerksamkeit. Die Strategie des New Age ist die der Unterwanderung. Diese Unterwanderung macht nicht Halt vor der Kirche, vor ihren Gemeinschaften und Orden und vor der Theologie. Warum sollte sie es auch?
Ich denke, hinsichtlich der In-Dienst-Nahme der modernen Massenmedien können wir von den New Agern lernen. Aber nicht nur da. Auch in der Konsequenz, mit der sie sich in den Dienst der Bewusstseinsveränderung der Menschen stellen. Undiskutabel ist für uns jedoch die Strategie des New Age, die Methode der "sanften Verschwörung". Für uns als Christen gibt es nur den direkten Weg im Respekt vor den Menschen und ihrer Freiheit. Unser Glaube gebietet uns, mit offenen Karten zu spielen.
turibulum: Man könnte das Gefühl haben, dass in einer säkularisieren Welt selbst für Ersatzreligionen kein Platz mehr ist. Ein falscher Eindruck?
Prof. Schumacher: Mit Sicherheit ist das ein falscher Eindruck. Auf die Ersatzreligionen kann der Mensch nicht verzichten. Das Religiöse gehört zum Mensch-sein des Menschen. Wo der Glaube zur Tür herausgeht, steigt der Aberglaube durch das Fenster herein. Der Aberglaube ist heute sehr verbreitet, der Aberglaube und auch die Bereitschaft zu ihm. Auch in der Kirche. Das zeigt sich nicht zuletzt in den immer neuen Marienerscheinungen und himmlischen Botschaften, von denen man berichtet. Man muss seinen Blick schärfen für die verschiedenen Formen der Ersatzreligionen heute. Das New Age ist eine Religion, in der Tat, eine neuheidnische Religion, so kann man sagen. Das New Age ist eine unverbindliche Religion oder besser: Es ist Religiosität, und zwar verflachte, letztlich unernste, auseinanderfließende und diesseitige Religiosität. Mit Recht hat man das New Age als eine vielgestaltige weltliche Heilslehre bezeichnet, denn es verspricht das Paradies auf Erden. Tatsächlich bringt es jedoch den totalen Zusammenbruch, das Chaos, den Untergang.
Das New Age ist als Religion ohne Konturen, und es ist für eine Vermischung der Religionen. Deshalb dürfte überall da, wo ein fest umschriebener Glaube verdächtigt wird, die Ideologie des New Age am Werk sein. Auch etwa der Ruf nach der Interkommunion, der Ruf nach dem gemeinsamen Abendmahl von Protestanten und Katholiken, der in letzter Zeit immer lauter ergeht, ist wohl inspiriert von der New-Age-Ideologie.
turibulum: Gibt es einen Zusammenhang zwischen New-Age-Bewegung und Okkultismus?
Prof. Schumacher: Der Okkultismus, das Vertrauen auf die Magie, ist eine tragende Säule des New Age. Im New Age nennt man das im allgemeinen Mystik. Das klingt besser. Richtiger müsste es jedoch heißen Mystizismus. Der Mystizismus ist falsche Mystik. Die echte Mystik begegnet uns im Leben der Heiligen und begnadeter Menschen. Sie ist ein Geschenk Gottes. Die falsche Mystik aber ist Menschenwerk, und sie gründet im Aberglauben. Es ist bezeichnend, dass es kaum ein Wort gibt, das soviel im Munde geführt wird im New Age wie das Wort "Mystik". Diese Mystik ist indessen eine Imitation der echten Mystik. Dabei ist sie zuweilen nur schwerlich zu entlarven. Intensiv wird sie indessen propagiert durch eine wachsende Zahl von Schriften, nicht zuletzt durch die Schriften des vor kurzem verstorbenen deutschen Schriftstellers Michael Ende ("Momo", "Die unendliche Geschichte", Anm. der. Red.), wiederum in der Strategie der "sanften Verschwörung", also unmerklich. Wir müssen uns klar machen: Für das New Age ist der ganze Kosmos von Geistern belebt und durchwirkt, mit denen man angeblich in Kontakt treten kann. Besondere Formen solcher Geistkontakte sind die Geistheilung und das Geist-Diktat. Geistheilung und Geist-Diktat sind beliebte Themen in den inzwischen zahlreichen New-Age-Zeitschriften.
turibulum: Spielt die Jahrtausendwende eine Rolle im New Age?
Prof. Schumacher: Sie wird im New Age nicht so thematisiert, wie das etwa in der Kirche der Fall ist. Sie spielt aber insofern eine gewisse Rolle im New Age, als man mit dem neuen Jahrtausend das Wassermann-Zeitalter verbindet, das das 2000-jährige Fische-Zeitalter ablösen und wieder rund 2.000 Jahre dauern soll. Den Beginn legt man nicht so genau fest. Das Fische-Zeitalter wird dabei dem Christentum und der Kirche zugeordnet und in den dunkelsten Farben gezeichnet. Um so heller zeichnet man das Wassermann-Zeitalter, steht es doch in der Sicht der New-Age-Ideologie im strahlenden Glanz der absoluten Freiheit und der allgemeinen Menschheitsbeglückung.
turibulum: Wie kann die Kirche auf die Herausforderung reagieren?
Prof. Schumacher: Das Erste ist, dass sie sich und die Gläubigen informieren muss über die "sanfte Verschwörung" und ihre Inhalte. Das geschieht nicht. So mein Eindruck. Im Gegenteil, man ist ahnungslos. Sodann muss die Kirche besorgt sein, dass sie sich nach innen hin orientiert und dass sie ihr Ureigenes betont: die Glaubensinhalte, das Glaubensleben und das Gebet. Ich sagte, dass das New Age in das Vakuum der Kirche und des Christentums einströmt. Folglich muss die Kirche sich darum bemühen, das entstandene Vakuum selber wieder auszufüllen. Sie hat unendlich viele Reichtümer, die Kirche, aber vielfach wissen das nicht einmal mehr die Verantwortlichen in der Kirche. So rennen sie mit heraushängender Zunge dem Zeitgeist nach. Dieser Zeitgeist aber ist der Geist des New Age. Sie machen es anders mit turibulum. Sie wissen noch um die Reichtümer des Christentums und der Kirche. Ich denke, die Seelsorge würde weithin erfolgreicher sein, wenn sie bei Ihnen in die Schule gehen würde!
turibulum: Herzlichen Dank, Herr Professor, für dieses Gespräch!
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