Vor einigen Jahren erschien
in deutscher Sprache ein Buch, das unter Historikern viel Aufsehen erregte.
Es stammt aus der Feder einer amerikanischen Wissenschaftlerin und trägt
den Titel: „Der ferne Spiegel. Das dramatische 14. Jahrhundert“. Dieser
eigenartige Titel „Der ferne Spiegel“ kommt daher, dass die Autorin
zu beweisen versucht, das 14. Jahrhundert lasse sich in vielen Dingen mit
unserem 20. Jahrhundert vergleichen - ja, es sei so etwas wie ein „ferner
Spiegel“, also eine Zeit, in der wir unsere Zeit mit ihren Fragen und Problemen
wiedererkennen können.
In dieser Zeit, dem 14.
Jahrhundert, lebte auch ein Student namens Adolf von Essen. Dieser junge
Mann musste mit ansehen, wie das christliche Europa von Krisen geschüttelt
wurde. Es traten Gegenpäpste auf. Die beiden Großmächte
England und Frankreich bekämpften sich aufs Blut. Die Pest entvölkerte
ganze Landstriche. Die Mohammedaner stellten eine kriegerische Gefahr für
das ganze Abendland dar.
Adolf von Essen trat, nicht
aus Weltflucht, sondern ganz im Bewusstsein, was hier vor sich ging
und was auf dem Spiel stand, in Trier in das Kloster der Kartäuser
ein. Ein strenges Kloster mit hohen religiösen und geistigen Ansprüchen
und einer enormen Disziplin.
Um das Jahr 1400 herum veröffentlichte
dieser Kartäusermönch ein kleines Buch, das eine gewaltige Wirkung
haben sollte. Es ging in diesem Buch um das Beten des Rosenkranzes. Dies
war eine neuartige Gebetsart, die von nun an unzähligen Menschen vertraut
und wertvoll werden sollte. Aus dem Gebetsschatz der Kirche ist der Rosenkranz
seitdem nicht mehr wegzudenken.
Der Monat Mai gilt als
Marienmonat, daher wird viel der Rosenkranz gebetet. Vielen ist der Rosenkranz vertraut, vielen lieb geworden, manchen ist er fremd. Etliche meinen, nur ältere Leute könnten
damit etwas anfangen. Mit diesem Vorurteil habe auch ich eine Zeitlang
gelebt, bis ich andere Erfahrungen machen konnte. Mit Gleichaltrigen, die
aus verschiedenen Ländern stammten, den Rosenkranz zu beten, ihn allein
zu beten, zum Beispiel auf langen Fahrten, während des Unterwegsseins,
die Bibel und das Leben Jesu besser kennen- und verstehen lernen... Diese
und manche andere Erfahrungen haben mir dieses Gebet erschlossen. Es ist
für mich zu etwas geworden, ohne das ich mein Leben mit Gott nicht
mehr vorstellen kann.
Zwei Einwände stehen
im Raum, die gegen das Rosenkranzbeten und gegen das Beten überhaupt
immer wieder genannt werden. Einwand Nummer eins: „Ich habe aber keine
Zeit“ – So sagt „man“ heute sehr schnell. Eine sehr bequeme Entschuldigung.
Aber wie ist es da mit der Ehrlichkeit? Woher kommt denn die Zeit? Haben
wir Zeit oder hat die Zeit uns? Eins ist sicher: Zeit ist ein Schatz, mit
dem man sorgfältig umgehen muss. Zeit kann man nicht machen.
Es gibt ein schönes Wort, das hierhin passt. Es lautet: „Der
Liebende hat immer Zeit“ – eben für den Menschen, den er liebt. Er
schaut nicht sofort auf die Uhr – er freut sich, dass der andere da
ist. Und diese Zeit, die erfüllt ist, kann auch das Leben umwandeln.
Wenige erfüllte Augenblicke genügen, um eine ganze Zeit zu verwandeln.
Zeit, die ich an jemanden verschenke, ist nie verlorene Zeit. Für
uns ist Gott nicht ein Etwas, sondern ein Jemand. Wir sehen Gott in Jesus
Christus. Von ihm haben wir das doppelte Gebot der Liebe gehört: „Gott
lieben und den Nächsten wie sich selbst, ist mehr als alle Brandopfer
und anderen Opfer“ (vgl. Mk 12,33) – also mehr als alle Heldentaten und
Ersatzleistungen. Dies doppelte Gebot zu erfüllen ist leicht und schwer
zugleich. Wer betet, schenkt als Liebender Zeit – für Gott – und empfängt
Segen – für sich selbst.
Einwand Nummer zwei: „Es
ist doch egal, wie und was ich bete. Der Rosenkranz besteht nur aus Wiederholungen.
Das ist aber langweilig.“ Es stimmt, dass der Rosenkranz von der Wiederholung
lebt. Aber ist etwas, was sich wiederholt, schon deshalb langweilig? Alle
Menschen haben ein Gesicht, bei dem sich die gleichen Merkmale jedesmal
wiederholen: der Mund, die Nase, die Augen, die Ohren undsoweiter. Aber
ist ein Mensch deswegen langweilig? Das wäre nicht wahr. Es kommt
auf die inneren Werte an. Jeder Mensch hat seine Geschichte. Das macht
ihn interessant.
Was wiederholt wird, hat
einen tiefen Sinn. Wenn zwei Menschen zueinander sagen: „Ich liebe dich!“
und das oft wiederholen, wird das nie langweilig, obwohl sie immer wieder
dasselbe sagen. Genauso ist es mit dem Beten. Wenn im Rosenkranz das „Gegrüßet
seist du, Maria“ wiederholt wird, stellt sich Ruhe ein. Diese Ruhe ist
nötig, um zum Wesentlichen zu kommen. Die gleichbleibenden Gebetsworte
sind sozusagen der „Untergrund“, auf dem sich dann etwas weiteres aufbauen
kann: der Lobpreis, der Dank, die Bitte. Das Wesentliche auch beim Rosenkranz
ist, Jesus zu finden und sein Leben immer besser zu verstehen.
Jeder von uns kann Rosenkranz
beten. Es ist ein einfaches, aber tiefes Gebet. Warum nehmen wir uns nicht
vor, wenigstens ein Gesätz mit den zehn „Gegrüßet seist
du, Maria“ zu beten? Wenn es möglich ist, jeden Tag. Es ist ein Gebetsgruß,
den wir auch für andere weitergeben können. Wir grüßen
Maria nicht allein von uns persönlich, sondern auch von den Menschen,
die wir kennen und lieben und die unser Gebet nötig haben. Und damit
tun wir einen schönen Dienst, der uns nicht viel abverlangt, aber
vor Gott ungemein wertvoll ist.
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