Der Rosenkranz

Nicht nur Gemurmel für alte Frauen

Von Pastor Manfred Stücker

Linie

Vor einigen Jahren erschien in deutscher Sprache ein Buch, das unter Historikern viel Aufsehen erregte. Es stammt aus der Feder einer amerikanischen Wissenschaftlerin und trägt den Titel: „Der ferne Spiegel. Das dramatische 14. Jahrhundert“. Dieser eigenartige Titel „Der ferne Spiegel“ kommt daher, dass die Autorin zu beweisen versucht, das 14. Jahrhundert lasse sich in vielen Dingen mit unserem 20. Jahrhundert vergleichen - ja, es sei so etwas wie ein „ferner Spiegel“, also eine Zeit, in der wir unsere Zeit mit ihren Fragen und Problemen wiedererkennen können.
In dieser Zeit, dem 14. Jahrhundert, lebte auch ein Student namens Adolf von Essen. Dieser junge Mann musste mit ansehen, wie das christliche Europa von Krisen geschüttelt wurde. Es traten Gegenpäpste auf. Die beiden Großmächte England und Frankreich bekämpften sich aufs Blut. Die Pest entvölkerte ganze Landstriche. Die Mohammedaner stellten eine kriegerische Gefahr für das ganze Abendland dar.
Adolf von Essen trat, nicht aus Weltflucht, sondern ganz im Bewusstsein, was hier vor sich ging und was auf dem Spiel stand, in Trier in das Kloster der Kartäuser ein. Ein strenges Kloster mit hohen religiösen und geistigen Ansprüchen und einer enormen Disziplin.
Um das Jahr 1400 herum veröffentlichte dieser Kartäusermönch ein kleines Buch, das eine gewaltige Wirkung haben sollte. Es ging in diesem Buch um das Beten des Rosenkranzes. Dies war eine neuartige Gebetsart, die von nun an unzähligen Menschen vertraut und wertvoll werden sollte. Aus dem Gebetsschatz der Kirche ist der Rosenkranz seitdem nicht mehr wegzudenken.
Der Monat Mai gilt als Marienmonat, daher wird viel der Rosenkranz gebetet. Vielen ist der Rosenkranz vertraut, vielen lieb geworden, manchen ist er fremd. Etliche meinen, nur ältere Leute könnten damit etwas anfangen. Mit diesem Vorurteil habe auch ich eine Zeitlang gelebt, bis ich andere Erfahrungen machen konnte. Mit Gleichaltrigen, die aus verschiedenen Ländern stammten, den Rosenkranz zu beten, ihn allein zu beten, zum Beispiel auf langen Fahrten, während des Unterwegsseins, die Bibel und das Leben Jesu besser kennen- und verstehen lernen... Diese und manche andere Erfahrungen haben mir dieses Gebet erschlossen. Es ist für mich zu etwas geworden, ohne das ich mein Leben mit Gott nicht mehr vorstellen kann.
Zwei Einwände stehen im Raum, die gegen das Rosenkranzbeten und gegen das Beten überhaupt immer wieder genannt werden. Einwand Nummer eins: „Ich habe aber keine Zeit“ – So sagt „man“ heute sehr schnell. Eine sehr bequeme Entschuldigung. Aber wie ist es da mit der Ehrlichkeit? Woher kommt denn die Zeit? Haben wir Zeit oder hat die Zeit uns? Eins ist sicher: Zeit ist ein Schatz, mit dem man sorgfältig umgehen muss. Zeit kann man nicht machen. Es gibt ein schönes Wort, das hierhin passt. Es lautet: „Der Liebende hat immer Zeit“ – eben für den Menschen, den er liebt. Er schaut nicht sofort auf die Uhr – er freut sich, dass der andere da ist. Und diese Zeit, die erfüllt ist, kann auch das Leben umwandeln. Wenige erfüllte Augenblicke genügen, um eine ganze Zeit zu verwandeln. Zeit, die ich an jemanden verschenke, ist nie verlorene Zeit. Für uns ist Gott nicht ein Etwas, sondern ein Jemand. Wir sehen Gott in Jesus Christus. Von ihm haben wir das doppelte Gebot der Liebe gehört: „Gott lieben und den Nächsten wie sich selbst, ist mehr als alle Brandopfer und anderen Opfer“ (vgl. Mk 12,33) – also mehr als alle Heldentaten und Ersatzleistungen. Dies doppelte Gebot zu erfüllen ist leicht und schwer zugleich. Wer betet, schenkt als Liebender Zeit – für Gott – und empfängt Segen – für sich selbst.
Einwand Nummer zwei: „Es ist doch egal, wie und was ich bete. Der Rosenkranz besteht nur aus Wiederholungen. Das ist aber langweilig.“ Es stimmt, dass der Rosenkranz von der Wiederholung lebt. Aber ist etwas, was sich wiederholt, schon deshalb langweilig? Alle Menschen haben ein Gesicht, bei dem sich die gleichen Merkmale jedesmal wiederholen: der Mund, die Nase, die Augen, die Ohren undsoweiter. Aber ist ein Mensch deswegen langweilig? Das wäre nicht wahr. Es kommt auf die inneren Werte an. Jeder Mensch hat seine Geschichte. Das macht ihn interessant.
Was wiederholt wird, hat einen tiefen Sinn. Wenn zwei Menschen zueinander sagen: „Ich liebe dich!“ und das oft wiederholen, wird das nie langweilig, obwohl sie immer wieder dasselbe sagen. Genauso ist es mit dem Beten. Wenn im Rosenkranz das „Gegrüßet seist du, Maria“ wiederholt wird, stellt sich Ruhe ein. Diese Ruhe ist nötig, um zum Wesentlichen zu kommen. Die gleichbleibenden Gebetsworte sind sozusagen der „Untergrund“, auf dem sich dann etwas weiteres aufbauen kann: der Lobpreis, der Dank, die Bitte. Das Wesentliche auch beim Rosenkranz ist, Jesus zu finden und sein Leben immer besser zu verstehen.
Jeder von uns kann Rosenkranz beten. Es ist ein einfaches, aber tiefes Gebet. Warum nehmen wir uns nicht vor, wenigstens ein Gesätz mit den zehn „Gegrüßet seist du, Maria“ zu beten? Wenn es möglich ist, jeden Tag. Es ist ein Gebetsgruß, den wir auch für andere weitergeben können. Wir grüßen Maria nicht allein von uns persönlich, sondern auch von den Menschen, die wir kennen und lieben und die unser Gebet nötig haben. Und damit tun wir einen schönen Dienst, der uns nicht viel abverlangt, aber vor Gott ungemein wertvoll ist.

Linie
© redaktion@turibulum.de
Linie

« zurück