Als am 16. Oktober 1978 weißer Rauch aus dem improvisierten Kamin der Sixtinischen Kapelle aufsteigt und Kardinal Felici auf den Balkon tritt, um zu sagen: "Ich verkünde euch eine große Freude: Wir haben einen Papst!", ahnt wohl noch niemand, was für eine glückliche Wahl die Kardinäle getroffen haben. Felici fährt fort: "Cardinalem... Wojtyla" - und er spricht den unbekannten Namen so fehlerhaft aus, dass selbst die anwesenden Polen auf dem Petersplatz zunächst ihren Karol Wojtyla nicht erkennen.
Weltweit herrscht Überraschung: "Wer ist dieser neue Papst aus Polen?", "Wie wird er die Kirche führen?", "Ist er liberal oder konservativ?". Soviel ist klar: Der erste slawische Papst überhaupt und der erste Nicht-Italiener seit 455 Jahren hat soeben auf dem Stuhl Petri Platz genommen.
Familienangehörige können sich nicht mehr mit ihm freuen. Denn schon im Alter von acht Jahren verliert der kleine Karol seine Mutter. Seine Schwester Olga stirbt bald nach der Geburt, und auch sein einziger Bruder, Edmund, Arzt in Bielitz, stirbt, als Karol noch keine zwölf Jahre alt ist. So verbringt er die Kindheit in seiner Geburtsstadt Wadowice (bei Krakau) allein mit dem Vater, der als ehemaliger Berufssoldat und von tiefer Religiösität geprägt, seinen Sohn Gewissenhaftigkeit, Fleiß und Disziplin lehrt, der aber auch ein warmherziger Mann ist, für Karol kocht, Kleider flickt und ihn durch all die Jahre bis zum Abitur begleitet.
In dieser Zeit trifft man Lolek, wie Karol Wojtyla gerufen wird, entweder in der Kirche, auf dem Sportplatz oder beim Theaterspielen am Gymnasium. Er betet viel und kein Tag vergeht, an dem er nicht den Heiland und die Muttergottes in der Kirche besucht, die gleich neben dem Elternhaus steht. Im Jahre 1941, seine Heimat ist bereits von den Deutschen besetzt, verliert er auch seinen Vater, die zentrale Bezugsperson seines Lebens, was ihn in eine tiefe seelische Krise stürzt.
Doch Karol findet Halt im Glauben. Und nur ein Jahr später, er arbeitet in einem Steinbruch, um nicht als Zwangsarbeiter nach Deutschland deportiert zu werden, reift in ihm der Entschluss, Priester zu werden. Er verwirft seinen bisherigen Berufswunsch "Schauspieler" und folgt seiner Berufung. Während der Jahre der deutschen Besatzung verliert Karol Wojtyla mehrere jüdische und polnische Freunde in den KZs der Nazis. Das prägt ihn entscheidend. Unweit von Krakau, wo er seit 1939 lebt, liegt das größte Massenvernichtungslager der Welt: Auschwitz.
In einem geheimen Priesterseminar bereitet sich der überaus intelligente Vollwaise auf die Priesterweihe vor und wird nach Kriegsende am 2. November 1946 zum Priester geweiht. Nach zweijährigem Romaufenthalt nimmt Karol Wojtyla Vikarstellen an, bevor er weiter studieren kann. Er wird Professor, doziert an zwei Universitäten, und als er 1958 zum Krakauer Weihbischof ernannt wird, ist er der jüngste Bischof Polens. 1964 steigt er zum Erzbischof von Krakau auf, und 1967 ernennt ihn Papst Paul VI. zum Kardinal. Der polnische Bischof, der all die Jahre fleißig Sprachen gelernt hat, unternimmt verschiedene Auslandsreisen und gewinnt so erste Freunde auch außerhalb Polens. In seinem Heimatland steigt seine Popularität stetig. Die freundliche, offene Art, wie er auf Menschen eingeht, macht ihn zu einem beliebten Seelsorger. Mal fährt er mit Jugendgruppen in die Berge und campt mit ihnen, mal sitzt er im Kajak oder spielt Gitarre. Eine Frau aus New Hampshire/USA erinnert sich, dass ihr einmal, als sie sich in Polen beim Skilaufen ein Bein brach, eine Gruppe von Skikameraden im nahegelegenen Hospital ein Ständchen brachte. Erst später erfährt sie, dass der Gitarrenspieler Bischof Wojtyla war. So viele sportliche und "jugendliche" Unternehmungen der Priester, Bischof und dann Kardinal auch unternimmt, immer sind Kreuz, Klappaltar, Brevier und Rosenkranz dabei. Immer wird auch gebetet, wird über Gott und die Welt gesprochen und nach dem Sinn des Daseins gefragt.
Indes: Polen ist nach Ende des Zweiten Weltkrieges in den Machtbereich der Sowjets gefallen und wird von einem kommunistischen Regime regiert. Da haben es Gläubige, zumal kirchliche Würdenträger, nicht einfach. Mutig und doch klug agiert der Kardinal. Er fordert unermüdlich die Achtung der Menschenrechte, die Aufhebung der Zensur und Freiheit für Kirchenbau und Religionsunterricht. Eindrucksvolles Beispiel ist die Kirche in Nova Huta. Die Trabanten-Vorstadt Krakaus soll nach den Vorstellungen der Regierung eine rein sozialistische Stadt werden. Doch das Volk protestiert und zusammen mit ihrem Bischof Karol Wojtyla erzwingen sie den Bau einer Kirche in Nowa Huta, die noch heute als Zeichen der Freiheit und des Widerstandes gegen Unterdrückung und Drangsalierung steht.
Das Jahr 1978 wird für den inzwischen 58-jährigen Kardinal zum Wendepunkt seines Lebens. Zweimal reist er im Spätsommer dieses Jahres nach Rom. Beim zweiten Mal wird er für lange Zeit nicht mehr zurückkehren. Die 111 Kardinäle wählen ihn, den weithin Unbekannten, beim zweiten Konklave innerhalb nur eines Monats zum Nachfolger Christi auf den Stuhl Petri. Wojtylas Vorgänger, Papst Johannes Paul I., war nach nur 33 Tagen Pontifikat im Vatikan überraschend gestorben.
"Habt keine Angst! Öffnet, ja reißt die Tore weit auf für Christus!", ruft der neue Papst den Massen auf dem Petersplatz bei seiner offiziellen Amtseinführung zu. Und es wird sein Programm bleiben: Für alle Menschen die Tore aufzureißen, damit Christus Platz gewinnen kann. In seiner ersten Weihnachtsbotschaft bittet er, mit ihm für die Würde des Menschen und den Frieden zu streiten. Schon drei Monate nach seinem Amtsantritt unternimmt er die erste seiner inzwischen über 100 Pastoralreisen ins Ausland. Er fliegt nach Mexiko, um dort seine "Liebe zu den Armen" zu bekunden, gleichzeitig aber daran zu erinnern, dass die Kirche die "Zuflucht zur Gewalt" ablehnt. Während seines Pontifikats wird er noch zweimal nach Mexiko reisen, um seine Lieblingsmadonna zu besuchen: Die Jungfrau von Guadalupe.
Seine erste von inzwischen 13 Enzykliken veröffentlicht Papst Johannes Paul II. am 4. März 1979. Sie trägt den Titel: "Erlöser des Menschen" und zeigt das Programm dieses Papstes: "Der Mensch ist der Weg der Kirche, weil Christus der Weg des Menschen ist."
Zu Beginn seines Pontifikats zählt die weltweite Gemeinschaft der Katholiken 750 Millionen Gläubige. Zur Jahrtausendwende ist die Milliardengrenze überschritten. Vieles hat sich durch diesen Papst verändert. Gleich auf dutzenden Feldern bringt er Bewegung in die festgefahrenen Strukturen. Er stärkt wie kein Papst vor ihm die neuen "Geistlichen Bewegungen". Denn als einer, der die Ziele des II. Vatikanischen Konzils, an dem er selbst teilgenommen hat, in richtiger Weise umgesetzt sehen möchte, bewundert er die Fähigkeit der neuen Bewegungen, geistlichen Traditionalismus und das Wirken auf die Welt im Sinne einer Identität zu verbinden, die dazu fähig ist, mit allen Mitteln in die moderne Gesellschaft einzudringen. Er vollzieht mehr Heilig- und Seligsprechungen als alle Päpste des 20. Jahrhunderts vor ihm zusammen. Damit möchte er den Gläubigen unserer säkularisierten Gesellschaft vermitteln: Es ist möglich und erstrebenswert, "heilig" zu werden. Gleichzeitig schafft er dadurch an vielen Plätzen der Welt neue Orte des Gebetes und des religiösen Kultes.
Ende der 80er Jahre führt er die zweijährlich stattfindenden Weltjugendtage ein und begeistert mit seinem Charisma und seiner Glaubwürdigkeit Millionen junger Menschen aus aller Welt für den Glauben. Auch die christlichen Familien sind zentrales Anliegen seiner Pastoral. Die "Neuevangelisation" wird Leitmotiv seines Wirkens. Seinen Urlaub verbringt Johannes Paul II. in der Sommerresidenz der Päpste, in Castel Gandolfo, wohin er regelmäßig hochrangige (nicht nur gläubige) Akademiker aus aller Welt einlädt, um wichtige wissenschaftliche Themen zu erörtern. Dabei ist er ganz Zuhörer, dem die Versöhnung von Wissenschaft und Glaube wichtig ist.
Als Sohn des leidgeprüften polnischen Volkes, als einer, der die Unfreiheit unter einem kommunistischen Regime am eigenen Leib erfahren hat, kämpft er aus christlicher Sicht entschieden für Freiheit und Menschenrechte. "Das Recht auf Leben" wird für ihn zu einem zentralen Anliegen, das er überall in der Welt einfordert. Mutig und unermüdlich bleibt sein Einsatz gegen Abtreibung, Todesstrafe, soziale Ungerechtigkeit und kriegerische Auseinandersetzungen.
Er wird durch die Pastoralreisen in seine Heimat und die Unterstützung für die Gewerkschaftsbewegung Solidarnoc zum Auslöser einer "Revolution im Osten", an deren Ende der Zusammenbruch des Kommunismus steht. Als er sich 1989 mit dem letzten Präsidenten der Sowjetunion, Michail Gorbatschow, trifft, ist das Werk schon fast vollbracht. Doch er fühlt sich auch enttäuscht von dem, was an die Stelle der alten Parteiapparate tritt. Das Vakuum im Osten wird gefüllt von wildem Kapitalismus und westlichem Konsumdenken. Nutznießer der "neuen Freiheit" sind weniger die Kirchen als vielmehr die Vertreter eines westlichen Hedonismus und Materialismus, den der Papst in Enzykliken, Ansprachen und bei Empfängen geißelt. Damit macht er sich im Westen nicht nur Freunde.
So gerät der Papst, den Millionen bejubeln, immer mehr in die Schusslinie von Gegnern und Spöttern. Mit seinem entschiedenen Kampf gegen eine "Kultur des Todes", seinem Bekenntnis zum tradierten katholischen Glauben, schafft er sich Feinde. Nachdem die römische Glaubenskongregation mehreren Theologen die kirchliche Lehrbefugnis entzieht, weil sie grundlegende Wahrheiten des Glaubens verleugnen, fällt auch ein Großteil der westlichen Presse über ihn her und projiziert ein durch und durch negatives Papstbild in die Gesellschaft. Er fordere zwar Demokratie und Freiheit überall in der Welt, im eigenen Haus aber herrsche er wie ein Diktator, wird ihm vorgeworfen. Dieser Papst, der wie kein anderer für die Armen und Entrechteten eintritt, der selbst unter der Diktatur der Nazis zu leiden hatte, er und seine Kirche werden plötzlich für den Hunger in der Welt, die Überbevölkerung, ja sogar für die Verbrechen Hitlers verantwortlich gemacht. Und auch innerkirchlich wird er angegriffen. Von "rechts" durch den Traditionalistenbischof Marcel Lefebvre, der die offene Hand des Papstes zurückweist und mit der illegalen Weihe von vier Bischöfen einen schmerzlichen Bruch mit Rom herbeiführt, und von "links" durch die Angriffe "progressiver" Theologen, die die Kirche mit Forderungen nach Frauenpriestertum, Abschaffung des Zölibats und Lockerung der kirchlichen Sittenlehre radikal verändern wollen.
Doch der Papst bleibt sich und seiner Sendung treu. Er verteidigt weiterhin offen die Würde des Menschen gegenüber einer Gesellschaft, in der Egoismus, Macht und Rücksichtlosigkeit im Vormarsch sind. Und auch im Glauben bleibt er standhaft: Er gibt einen Weltkatechismus in Auftrag, der die Lehre der Kirche für unsere Zeit zusammenfasst und begründet.
Vor allem aber greift er das Ärgernis der Spaltung unter den Christen und die Existenz von Feindseligkeiten unter den Religionen auf. Als erster Papst besucht er die evangelischen Glaubensbrüder in ihrer Kirche in Rom und als erster Nachfolger Petri betritt er sowohl eine Moschee als auch eine Synagoge. 1986 lädt er in Assisi zum "Interreligiösen Treffen", wo er mit zahllosen Führern christlicher, moslemischer, indianischer und asiatischer Religionen betet. Er ist der erste Papst, der Interviews gibt, er schreibt Bücher und gibt eine Lied-CD heraus.
Unentwegt ist Johannes Paul II. für das Heil der Menschen unterwegs. 1983 ruft er aus Anlass des Gedenkens an Christi Tod vor 1950 Jahren ein "außerordentliches Heiliges Jahr" aus und führt die Kirche mit der Öffnung der heiligen Pforten zu Beginn des "Heiligen Jahres 2000" gleichsam ins neue Jahrtausend. Noch einmal setzt er historische Zeichen: Gegen den Widerstand auch aus eigenen Reihen bekennt er am Beginn der Fastenzeit des Jahres 2000 öffentlich die Schuld und die Vergehen, die Glieder der Kirche im Laufe der 2000-jährigen Geschichte des Christentums begangen haben. Und auch seine Pilgerreise im März 2000 ins Heilige Land wird zu einer historischen Friedensfahrt.
Als er am 18. Mai 2000 seinen 80. Geburtstag feiert, unken viele, dies werde wohl sein letzer sein. Gezeichnet von Krankheit und Alter, von Schmerzen und Wunden des fehlgeschlagenen Attentats vom 13. Mai 1981, scheint der Heilige Vater sein Amt nur noch unter großen Mühen verrichten zu können. Doch die Spekulanten irren: Obwohl körperlich gebrechlich, sind sein Geist und Wille doch hellwach. Der Papst reist weiter, predigt die Gebote Gottes, trifft die Jugend der Welt und steht ungebrochen ein für Friede und Gerechtigkeit. "Nie wieder Krieg!" ruft er einer friedlosen Menschheit zu und wird zum "Gewissen der Welt". Er, der seine Autobiografie zum 50. Jahr seiner Priesterweihe "Geschenk und Geheimnis" nennt, ist selbst zu einem Geschenk geworden. Zurecht fragen viele: Hat es in der 2000-jährigen Geschichte des Christentums je einen Pontifex gegeben, der mehr für die Kirche bewegte als dieser Mann aus Wadowice, dessen Mutter einmal sagte: "Mein Karol wird ein großer Mensch!"
Unaufhörlich redet Papst Johannes Paul II. den Mächtigen unserer Zeit ins Gewissen, Hunger und Armut, Ungerechtigkeiten und Menschenrechtsverletzungen aus der Welt zu schaffen. Er beschwört sie, ihre Waffen schweigen zu lassen und stattdessen mit friedlichen Mitteln Wege aus den internationalen Krisen zu suchen. Wie kein anderer Großer auf der Weltbühne des 20. Jahrhunderts ist er zum Symbol eines Friedensmannes, eines Versöhners und Freundes aller Menschen geworden.
Für Johannes Paul II. ist Fatima ein Stück Lebensschicksal geworden. Dreimal besucht er während seines 25-jährigen Pontifikats diesen großen portugiesischen Marien-Wallfahrtsort, um der Madonna von Fatima für seine Rettung zu danken. Als ihn am 64. Erscheinungstag der Muttergottes von Fatima, am 13. Mai 1981, bei einem Attentat des Türken Ali Agca auf dem Petersplatz in Rom mehrere Schüsse treffen, rettet ihm Maria das Leben. Davon ist der Papst zutiefst überzeugt. Die Kugel, die ihm damals in den Bauch dringt und nur um Millimeter die Hauptschlagader verfehlt, was seinen sicheren Tod bedeutet hätte, lässt Johannes Paul II. in die Krone der Madonna einfügen. Und beim dritten Fatima-Besuch, am 13. Mai 2000, legt er der Madonna den Ring als Geschenk zu Füßen, den ihm der polnische Primas Kardinal Jozef Wyszinski im Oktober 1978 zu seinem Amtsantritt als Papst mit den Worten schenkte: "Du wirst die Kirche ins neue Jahrtausend führen". Johannes Paul II. ist überzeugt davon, dass Maria es war, die ihn beschützte und die Erfüllung dieser Verheißung somit erst ermöglichte. Nur wer weiß, was Johannes Paul II. dieser Ring bedeutet, kann verstehen, was er mit dieser Geste an die Gottesmutter ausdrücken will.
Und der Papstattentäter Ali Agca hat wohl recht, wenn er meint, Papst Johannes Paul II. hätte das Attentat auch überlebt, wenn 1.000 Schüsse auf ihn abgefeuert worden wären, denn er habe unter dem Schutz der Jungfrau Maria gestanden. Ganz bewusst unter diesen Schutz stellt sich dieser Papst zu Beginn seines Pontifikats selbst: "Totus Tuus" (Ganz dein) erkürt er 1978 zu seinem Wahlspruch. In sein Papstwappen lässt er ein M für Maria sticken ... Und so etwas vergisst die Muttergottes nicht.
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