Ministranten gibt's schon lang

Ein Blick in die Geschichte der Messdiener

Von Thomas Marschler

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Es war eine kleine Gruppe, die sich in dem dunklen, engen Raum um den Altar versammelt hatte, an dem der Priester gerade damit begann, den Kelch für die Opferung zu bereiten. Mit den Kännchen voll Wein und Wasser in den Händen trat ich hinzu, wie ich es schon so viele Male vorher getan hatte. Der Ort, an dem diese hl. Messe gefeiert wurde, lag in den Domitilla-Katakomben tief unter dem Boden der Ewigen Stadt Rom. An diesem Ort, wo die ersten Christen des damaligen Weltreichs ihre Gottesdienste gefeiert und ihre Toten begraben hatten, schoss es mir plötzlich durch den Kopf: So, wie du jetzt die Gaben für das hl. Opfer zum Altar bringst, hat dies vielleicht genau an dieser Stelle schon ein Knabe im zweiten Jahrhundert getan. Vielleicht hast Du schon einmal etwas Ähnliches gespürt wie ich während meiner ersten Romfahrt: das große Erlebnis zur unzählbaren Schar der Ministranten aller Zeiten zu gehören.
Vieles von dem, was wir als Messdiener heute tun, können wir nur verstehen, wenn wir in diese bald 2000jährige Geschichte einmal zurückblicken. Ministranten, "Diener" beim Gottesdienst, gibt es in gewissem Sinne schon in der Bibel. Bereits das Alte Testament kannte eine komplizierte Gottesdienstordnung, die neben den Priestern zahlreiche Kultdiener, etwa die Leviten, vorsah. Wir wissen zum Beispiel von Samuel, dass er schon als Knabe im Zelt des Herrn beim Priester Eli "den Dienst versah vor dem Angesicht des Herrn" (1 Sam 2, 18).
Als Christus im Abendmahlssaal die Opfer der Vorzeit vollendete, fungierten die zwölf Jünger sozusagen als die ersten Ministranten: Sie waren es, die auf die Weisung Christi hin alles zum Paschamahl vorbereiteten (Lk 22, 7-13) und ihm auch während der Feier zur Hand gingen (Lk 22, 17). Über den christlichen Gottesdienst der ersten Jahrzehnte besitzen wir nur wenige Nachrichten. Die Apostelgeschichte (2, 43-47) erzählt uns von den frühen Christen, dass sie in ihren Häusern "das Brot gebrochen" haben, und dabei werden sich im Lauf der Zeit ganz von selbst auch bestimmte Dienste herausgebildet haben. Als die Trennung der christlichen Gemeinde vom jüdischen Leben im zweiten Jahrhundert endgültig vollzogen war, bildeten sich für die Kirche und ihren Gottesdienst feste Strukturen heraus, die im Wesentlichen bis heute unverändert geblieben sind. Neben Bischöfen, Priestern und Diakonen entstanden schon wenige Jahrzehnte später vier "niedere" Ämter, die ebenfalls durch eine Weihe übertragen wurden. Papst Cornelius nennt in einem Brief aus dem Jahre 251 ihre Namen: Subdiakone, Exorzisten, Lekto-ren und: Akolythen.
Hier sind wir nun am eigentlichen Ursprung des christlichen Ministrantendienstes angekommen. Die Akolythen, also Geistliche mit einer niederen Weihe, waren es nämlich, die im altkirchlichen Gottesdienst genau das zu tun hatten, was heute Aufgabe der Messdiener ist - sie sind sozusagen deren "Urahnen". Die Akolythen brachten die hl. Hostie von der Messe des Bischofs in die Häuser der Gläubigen, die nicht selbst teilnehmen konnten.
Wie kam man aber nun dazu, den ursprünglich nur jungen Männern vorbehaltenen Altardienst auch Knaben zu übertragen? Schuld daran war deren schöne helle Stimme! Ab dem 5. Jahrhundert nämlich wurde es üblich, dass Bischöfe oder Pfarrer Knaben in ihrem Haus versammelten, die als "Schola" den Gottesdienst gestalteten und den Klerikernachwuchs der Diözese bildeten. Aus diesem Grunde erteilte man ihnen schon früh etwa die Weihe zum Lektor. So kamen sie langsam dazu, auch andere Dienste in der Liturgie zu übernehmen. Trotzdem war es von diesen "Sängerknaben" bis zu den Messdienern, wie wir sie heute kennen, noch ein langer Weg. Während der gesamten Zeit des Mittelalters nämlich achtete man den Wert des Altardienstes so hoch, dass immer wieder Vorschriften ergingen, nur geweihte Kleriker dafür zuzulassen. Allerdings konnte dieses Ideal schon im 12. oder 13. Jahrhundert kaum noch erfüllt werden, da für die Privatmessen der zahlreichen Priester nicht genügend Kleriker als Ministranten zur Verfügung standen.
Auf der anderen Seite aber war mindestens ein Teilnehmer bei der Messe vorgeschrieben - wer sollte sonst auf Anreden und Gebete antworten? So bürgerten sich langsam aber sicher die Messknaben ein. Waren sie zuerst noch "Notlösung", so wurden sie mit der Zeit zur Normalität. Zwar sprach sich auch noch das Konzil von Trient im 16. Jahrhundert gegen die Laienministranten aus, doch mit der Einführung von Priesterseminarien durch dasselbe Konzil verschwanden die jungen Kleriker endgültig aus den Pfarreien, und die Ministranten, wie wir sie heute noch kennen, setzten sich durch.
Vor dem Zweiten Weltkrieg war der Andrang zum Altardienst in größeren Pfarreien meist so stark, dass nur besonders ordentliche Jungen zugelassen wurden; sie mussten sich einer strengen Ausbildung unterziehen, die nicht zuletzt darin bestand, die früher bei der hl. Messe zu sprechenden lateinischen Gebete auswendig zu lernen, was manchen kleinen Kopf zum Qualmen brachte. Der eine oder andere Großvater wird darüber sicherlich noch zu erzählen wissen. Damals wurde vielerorts auch eine so genannte "Ministrantenweihe" eingeführt, die in ihren Texten an das Akolythat der Urkirche anknüpfte und die neuen Messdiener feierlich in die Gemeinschaft der Altardiener aufnahm.
Die liturgischen Vorschriften des II. Vaticanums haben beträchtliche Veränderungen für die Zelebration des Gottesdienstes mit sich gebracht, und seitdem hat auch für die Messdiener eine neue Epoche begonnen.
Auf der einen Seite hat das Konzil in seiner Liturgiekonstitution durch die Aussage, dass auch die Ministranten "einen wahrhaft liturgischen Dienst" vollziehen (SC 29), deren Tun in bisher einzigartiger Form aufgewertet. Auf der anderen Seite sind die Messdiener in der erneuerten liturgischen Praxis nicht selten eher etwas ins Hintertreffen gedrängt worden, je mehr man anderen Laien diejenigen Dienste - zum Beispiel Vortragen der Lesung oder Herbeibringen der Gaben - übertragen hat, die früher nur ihnen zustanden. Heute geben alle Anwesenden die Antworten der Messe in der Volkssprache.
Eine der augenfälligsten Neuerungen der vergangenen Jahre ist nicht nur in Deutschland die weitgehende Einführung weiblicher Altardiener. Unser Blick zurück in die Geschichte dürfte gezeigt haben, dass dies mit dem Ursprung des Ministranten aus dem Weiheamt des Akolythen eigentlich kaum vereinbar ist. Wievielen Messdienern ist nicht in ihrem "kleinen Dienst" die Berufung zum "großen Dienst" des Priesters deutlich geworden! Und wenn deshalb auch nicht jeder Ministrant Priester wird - so war doch fast jeder Priester einmal Ministrant.
Mag sich in der langen Geschichte der Ministranten auch Einiges geändert haben, das Zentrum dieser Aufgabe ist gestern wie heute gleich geblieben: die Bereitschaft "vor Gott zu stehen und ihm zu dienen", wie es im Zweiten Hochgebet der Messe heißt. Wenn Du als Ministrant versuchst, in diesem Sinne Deinen Beitrag zur Liturgie der Kirche zu leisten, so wirst Du auch in unserer Zeit spüren, welch große Berufung es ist, vor den "ewigen, leben-digen und wahren Gott" mit Kerze und Weihrauch, Gebet und Gesang treten zu dürfen - in der Schar der Ministranten aller Jahrhunderte. Und wie sie wirst Du erfahren, dass Dein Auftrag noch lange nicht erfüllt ist, wenn der Schlusssegen der Messe verhallt, sondern dass Dein ganzes Leben ein "Ja" zu Christus werden soll, "dem zu dienen Herrschen ist".

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