Mohammed, Moses, Jesus, Buddha: Namen, die heute oftmals auf gleicher Stufe nebeneinandergestellt werden. Manchmal hört man, dass es eigentlich gleichgültig sei, welchem dieser Führer man folge. Diese Namen sind wie Wegweiser. Die Frage ist nur: Welcher weist zum richtigen Ziel?
Das bedeutet, dass wir, die wir uns irgendwann aufgrund unserer Herkunft oder aufgrund persönlicher Überzeugung für Jesus Christus entschieden haben, uns immer wieder neu die Frage stellen müssen: Wer ist dieser, dass er mich wirklich zum Ziel führen kann? Das ist eine lebenswichtige Frage. Alle anderen Fragen der Menschheit, die unsere Zeit quälen - von den Umweltproblemen über den Frieden, die Arbeitslosigkeit und so vieles mehr - verlieren ihre Bedeutung ganz und gar im Augen-blick des Todes. Aber die Frage nach Jesus Christus und die Antwort, die darauf zu geben ist, entscheidet über unser ewiges Schicksal.
Die Frage ist also: Haben wir, wenn wir uns auf Jesus Christus gründen, auf Felsen oder auf Sand gebaut? Selbst wenn wir für uns persönlich diese Frage längst entschieden und begründet haben, müssen wir dennoch immer wieder neu darüber nachdenken - schon um der Menschen willen, die uns nach dem Grund unserer Hoffnung und nach dem Grund für unseren Glauben fragen, damit wir ihnen den Weg weisen können.
Wo ist die Antwort anders zu finden als in den Evangelien? Nicht umsonst ehrt die Kirche die Heilige Schrift mit Weihrauch und Leuchtern, wenn sie bei der Feier der göttlichen Geheimnisse daraus vorliest. Nicht umsonst: Denn es ist das Wort Gottes, es ist die Wahrheit schlechthin. Aber seit etwa 200 Jahren geschieht es im protestantischen Raum und seit 50 Jahren auch im katholischen Bereich, dass man an diese Evangelien nicht mehr mit Leuchtern und Weihrauch herantritt, um sie zu ehren, sondern dass man sie einer "historischen Kritik" unterwirft. Sicherlich ist das Bemühen, gewissenhaft mit allen Mitteln menschlichen Wissens und menschlicher Erkenntnis der Frage nach den Evangelien auf den Grund zu gehen, mehr als berechtigt und notwendig. Aber der Geist, in dem man das tut, ist entscheidend. Man kann das Evangelium mit Ehrfurcht betrachten, genau betrachten, wissenschaftlich betrachten, nüchtern betrachten als Wort Gottes, als Zeugnis der Geschichte; ich kann aber auch das Evangelium auseinandernehmen wie eine tote Ratte. Dann allerdings ist das Ergebnis erschreckend und sieht etwa so aus: Die Evangelien sind Jahrzehnte, wenn nicht hundert Jahre nach dem Tod Jesu von begeisterten Anhängern seiner Lehre geschrieben worden. In diesen 50 oder 100 Jahren hat sich um die Gestalt des Zimmermanns aus Nazareth ein dichtes Gewirr von Legenden und Sagen gewoben, dessen Ergebnis uns in schriftlicher Form in Gestalt des Evangeliums vorliegt. Die Evangelien sind also - so sagt die kritische Richtung - nichts anderes als eine Sammlung frommer Geschichten.
Das Ergebnis einer kritischer Durchleuchtung dieser Texte ergibt dann, dass Jesus von Nazareth nur der Sohn Josefs des Zimmermanns ist; dass die Behauptung, er sei vom Heiligen Geist durch Maria, die Jungfrau, empfangen, nicht anders zu bezeichnen ist als Mythologie. In Nazareth ist er geboren, nicht in Bethlehem, heißt es da. Die Geburt in Bethlehem habe man nur fingiert, weil er ja als Messias aus dem Hause und Geschlechts Davids dargestellt werden sollte. Was dann gar den Zug der Magier aus dem Osten hin zur Krippe unter Führung des Sterns betrifft, so sagt man, trage diese Erzählung allzu deutlich die Züge märchenhafter Dichtung. Die Engel wird der gebildete Evangelien-Kritiker für literarische Stilelemente halten, die Spannung erzeugen sollen. Auch das Wandeln Jesu auf dem See und seine Totenerweckungen stuft er als Legenden ein, als Ausdruck des Glaubens seiner Anhänger an seine göttliche Macht. Und was auf Golgotha geschehen ist, war ein tragisches Scheitern, kein Sühnetod für das Heil der Welt. Die Auferstehung interpretiert man so: Jesus ist in seine Botschaft hinein auferstanden. "Seine Sache" lebt weiter, er ist in seinen Jüngern lebendig. Aber das Grab ist nicht leer. Es war nie leer nach dem Karfreitag. Wenn man dies alles zusammenfasst, was für ein Bild bleibt übrig von Jesus? Viele werden sagen: Er war einer der großen Frommen Israels, ein Rabbi, sanftmütig, gütig, freundlich, hilfsbereit und voller Erbamen mit den Leidenden. Andere werden in ihm einen Sozialrevolutionär sehen, der sich radikal auf die Seite der Armen, der Unterdrückten gestellt hat. Und schließlich gibt es natürlich noch die politische Version, die in Jesus einen Anführer der nationalistischen jüdischen Rebellion gegen die römische Besatzungsmacht erblickt. Fürwahr ein erschreckendes Bild, das uns hier vor Augen tritt.
Die Frage ist: Wie kommt es denn dazu, dass man Jesus in dieser Weise sehen und darstellen kann, dass man die Evangelien in einer solchen Weise deuten und verfälschen kann? Die Ursache dafür ist eine Denkweise, die nichts anderes für wahr und möglich hält, als was die menschliche Vernunft zu erkennen imstande ist. Man nennt dies Rationalismus. Nun liegt die Folgerung nahe: All das, was in den Evangelien gesagt wird kann gar nicht so gewesen sein. Denn es gibt grundsätzlich nichts, was die Vorstellung des Menschen übersteigen könnte. Die Evangelisten erscheinen unter diesen Umständen als Phantasten oder Betrüger.
Lassen wir uns aber nicht verblüffen: Wer spricht denn so? Das ist eine Wissenschaft, die sich selbst für absolut hält, die glaubt, dass sie alles Wissbare wisse, alles Denkbare denke und alles Wirkliche erkenne. Gehen wir aber einmal in die großen Bibliotheken der Universitäten. Was sind denn diese Bibliotheken außer Fundorte für Wahres, Gutes und Schönes denn noch? Sie stellen sich uns auch als gewaltige Hypothesen-Friedhöfe dar! Tausende von Büchern enthalten Erkenntnisse, Ergebnisse, die man im Augenblick des Erscheinens dieses Buches für wahr und unwiderlegbar gehalten hat. In der Zwischenzeit sind sie längst überholt und vergessen. Wenige nur kennen noch die Namen derer, die sie geschrieben haben. Wie auf einem Friedhof! Das ist das Schicksal einer Wissenschaft, die alles zu sehen glaubt, nur ihre eigenen Grenzen nicht.
Wir müssen endlich erkennen, dass Gott mit seinem unendlichen Sein und seiner unfassbaren Macht nicht hineinpasst in die kleinen Streichholzschächtelchen unserer Begriffe und unserer Wörter. Wir müssen anerkennen, dass wir Gott niemals ganz begreifen werden! Wenn Gott sich entschließt, mit uns in Verbindung zu treten, sich uns zu offenbaren, dann müssen wir wohl damit rechnen, dass dies auch in unfassbaren, überraschenden, unsere Erfahrungen sprengenden Formen geschieht. Das heißt: Wir müssen auch mit dem Wunder rechnen! Wenn wir das tun und dann mit wissenschaftlicher Methode an die Evangelien herangehen, werden wir in ihnen Zeugnisse der Offenbarung Gottes erkennen. Dann werden wir nicht mehr zurückschrecken, wenn darin von Dingen die Rede ist, die in unserem Alltag nicht vorkommen: nämlich Wunder und Zeichen.
Lassen wir uns von der Wissenschaft nicht allzu sehr imponieren! Theorien, Meinungen, Philosophien kommen und gehen. Eines bleibt - seit 2000 Jahren: Es ist die heilige Überlieferung der Kirche. Sie bewährt sich in ihrem Ursprung. Denn das Evangelium wurde am Anfang Menschen gepredigt, die all die Ereignisse, von denen berichtet wird, selbst miterlebt hatten. Oft waren die Zuhörer bei den erzählten Ereignissen selbst dabei gewesen. Und umgekehrt: Was wäre geschehen, wenn die Apostel und die frühen Jünger in ihren Berichten von Jesus Märchen erzählt, Lügen aufgetischt, maßlos übertrieben hätten? Der Protest wäre doch nicht ausgeblieben, das Gelächter! Die Menschen hätten sich doch solchen Märchenonkeln nicht zu- sondern abgewandt. Wenn das Grab wirklich nicht leer gewesen wäre, dann wäre die Botschaft von der Auferstehung in einem Hohngelächter untergegangen. Jeder hätte sagen können: "Komm, schau, da liegt er doch drin!" Keiner hat es sagen können.
Bei Wissenschaftlern setzt sich immer mehr die Erkenntnis durch, dass Matthäus, Markus, Lukas und Johannes nicht in großer zeitlicher Entfernung vom Leben Jesu geschrieben haben, sondern dass die Evangelien noch vor dem Untergang Jerusalems im Jahr 70 n.Chr. fertig waren. Es gibt Hinweise, die sehr ernst zu nehmen sind, dass das Markus-Evangelium sogar bereits um das Jahr 50 n. Chr. geschrieben war. Das bedeutet, dass die Annahme, in der Zeit zwischen dem Tod Jesu und der Entstehung der Evangelien, hätten sich die Legenden um die Gestalt Jesu gebildet, nicht mehr zu halten sind.
In den vergangenen Jahren ist eine Reihe von Büchern erschienen, die aufgrund der in Qumram am Toten Meer gefundenen Schriften beweisen wollen, dass Jesus nicht so gelebt hat, wie es in der Bibel steht. Zu nennen sei nur das Buch "Verschlußsache Jesus". Dass davon über 400.000 Exemplare verkauft werden konnten, ist ein Beweis für die Leichtgläubigkeit und Kritiklosigkeit des sogenannten "gebildeten Publikums". Was in diesen Büchern - es wären noch einige andere zu nennen - geboten wird, ist ein einziges Gewebe von Lügen, Entstellungen und böswilligen Verzerrungen, das der wissenschaftlichen Kritik in keiner Weise standhält und längst als Sensationsjournalismus entlarvt ist.
Das Zweite Vatikanische Konzil sagt über die Bibel: "Am apostolischen Ursprung der vier Evangelien hat die Kirche immer und überall festgehalten und hält daran fest."
Wenn wir die Heilige Schrift aufschlagen, dann haben wir das Zeugnis derer vor Augen, die Jesus gesehen und gehört, die sein Leben, sein Leiden und Sterben miterlebt haben und dem Auferstandenen begegnet sind. Dieses Zeugnis ist so kostbar, dass es durch kein anderes übertroffen werden kann. Greifen wir nach dem Evangelium! Ist es oftmals knapp an Worten, karg und nüchtern: Es ist das, was der Herr uns von sich hat mitteilen wollen
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