(November 1998)
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Kardinal Lustiger: Die wichtigste Aufgabe des
Bischofs ist zugleich auch die wichtigste Aufgabe der Kirche überhaupt:
Christus verkündigen und die Christen zum Gebet und zum Glauben zu
erziehen, damit sie wirklich fähig werden, Zeugen für Christus
zu sein. Das ist das wichtigste.
Es ist oft schwierig für
die Leute, denn viele leben oberflächlich und sind es nicht gewohnt,
in die Tiefe zu gehen und zur Herzmitte des Glaubens vorzustoßen;
eine wirkliche Umkehr des Herzens und des Geistes, ja des ganzen Lebens
zu wagen.
turibulum: Worin sehen sie die wichtigsten Unterschiede zwischen der Situation der Kirche in Deutschland und in Frankreich?
Kard. Lustiger: Es gibt viele Unterschiede, aber ich möchte hier nur auf eine Sache hinweisen: Es gibt in Deutschland noch ein christliches Volk. Ich meine, es gibt viele Menschen, die noch etwas über Christus wissen und auch christlich leben. Und das sind gute Leute. Aber ich weiß nicht, was geschehen wird, wenn sie ihre Gewohnheiten ändern. Wenn beispielsweise jemand vom Land in die Großstadt umzieht, besteht die Gefahr, daß er in der neuen Umgebung nicht mehr so leicht Anschluß findet an die Kirche, daß er nicht mehr zur Hl. Messe geht und nicht mehr betet. Das liegt daran, daß solche Menschen wie ein Stück Holz sind, die auf einem Fluß davongetragen werden. Sie tun das, was alle tun.
turibulum: Würden Sie sagen, daß es in Frankreich kein christliches Volk mehr gibt?
Kard. Lustiger: Ja, das ist so. Es gibt kein christliches Volk mehr, wie es noch in Deutschland der Fall ist. Es gibt Christen in Frankreich, die wirklich tätig und gläubig sind. Aber sie sind jetzt eine Minderheit. Der größte Teil der Bevölkerung gibt z.B. bei Umfragen an, katholisch zu sein. Aber gleichzeitig geben sie an, nicht mehr an Gott, an Christus zu glauben. Man könnte sagen, daß sie noch kulturell zum katholischen Glauben gehören. Aber sie haben keine persönlichen Glaubenserfahrungen mehr.
turibulum: Bei uns kommen viele Menschen nur noch zur Kirche, wenn ein Kind getauft werden soll, wenn sie heiraten wollen oder anläßlich einer Beerdigung...
Kard. Lustiger: In Frankreich gab es diese
Entwicklung vor 15 oder 20 Jahren. Aber heute ist auch das sehr stark zurückgegangen.
Ich glaube, das ist eine
Katastrophe für das Land und für die Menschen. Sie sind wirklich
Heiden. Viele sind verzweifelt. Sie wissen nicht, warum und wofür
sie leben. Wir müssen den Kontakt zu diesen Menschen halten. Das haben
wir nicht immer genug geschätzt...
Wir müssen den Christen
helfen, Christen zu werden. Wir müssen die Menschen wachrütteln,
damit sie Beten lernen und das Evangelium lesen. Wir müssen
ihnen sagen, wie man betet, was Gebet, was Glaube ist, was es bedeutet,
mit Christus zu leben.
Das gilt vor allem für
die Jugendlichen. Sie haben meistens etwas Geld, sie haben materielle Dinge,
oft geben die Eltern alles, nur keine Liebe. Sie wissen nicht, wofür
sie leben sollen, warum sie da sind. Manche denken, sie seien zufällig
hier und eigentlich von den Eltern gar nicht gewollt. „Ich bin ein Zufallskind“
- das habe ich selbst einmal gehört. Schrecklich! Wenn ein Junge so
etwas sagt...
turibulum: Die Menschen wachrütteln, ihnen Christus verkündigen, sie beten lehren - das sind auch die Punkte, die der Hl. Vater im Sinne einer Neuevangelisierung fordert.
Kard. Lustiger: Das ist genau der Punkt.
Unsere Aufgabe ist es, den Menschen wieder eine christliche Weltanschauung
zu geben:
Die Schaffung der Erde hat
einen Sinn. Sie ist dem Menschen gegeben, weil der Mensch als Ebenbild
Gottes geschaffen ist. Deshalb ist der Mensch zur Freiheit berufen. Und
er muß wieder neu lernen, was das bedeutet; er muß wieder lernen,
was Freiheit eigentlich ist. Und er muß auch wieder lernen, was Sünde
bedeutet. Man kann nicht wissen, was Sünde ist, wenn man Gottes Liebe
nicht kennt. Viele Menschen denken, Sünde bestehe nur darin, den Gesetzen
nicht zu gehorchen, etwas Verbotenes zu tun. Sünde hat aber eine viel
tiefere Dimension. Die Sünde zu kennen, das ist eine Befreiung - denn
ich kenne nur dann die Sünde, wenn ich wirklich erkenne, daß
Gott mich liebt, und daß ich Ihn lieben kann. Dann bin ich traurig,
weil ich Ihn nicht geliebt habe. Darin besteht das Wesen der Sünde.
Dann will ich mich auch wieder aufmachen, Gottes Liebe zu suchen.
Ein anderes Beispiel. Das
Familienleben. Ich weiß nicht, wie die Situation in Deutschland ist,
aber in Frankreich weiß die jüngere Generation, daß zwei
Drittel aller Ehen nach drei Jahren wieder geschieden werden. Deshalb wollen
viele gar nicht mehr heiraten. Viele sind gar nicht bereit, gar nicht in
der Lage, sich als Mann und Frau wirklich zu lieben. Sobald die ersten
Schwierigkeiten in der Beziehung auftreten, geht die Ehe zugrunde. Man
kann diese Schwierigkeiten nur dann überwinden, wenn man christlich
lebt. Man weiß im voraus, daß es solche Schwierigkeiten geben
kann und man muß sich darin einüben, sie gemeinsam bewältigen
zu können. Sonst ist die Liebe unmöglich.
Und doch können die
Menschen nicht ohne Liebe leben. Das ist ganz dumm, ganz verrückt!
turibulum: Glauben Sie, daß es einen Zusammenhang gibt zwischen dem Dienst als Ministrant und der Berufung zum Priestertum?
Kard. Lustiger: Es kann sein. Denn die Eucharistie
ist das Herz des christlichen Lebens und das Herzstück des priesterlichen
Dienstes. Er ist berufen, die Heilige Messe für das Volk zu zelebrieren.
Dafür wurde er zum Priester geweiht!
Es ist etwas anderes, ob
ein Ministrant bei der Feier der Hl. Messe dem Opfer ganz nahe sein darf,
oder ob er hinten in der Kirche, hinter einer Säule steht.
Besonders, wenn Ministranten
den Priester als Betenden erleben, wenn sie erleben, wie er als Stellvertreter
Christi handelt, können sie erkennen, daß es möglich ist,
daß auch sie berufen sein können.
turibulum: Können Sie unseren Lesern einen Wunsch mit auf den Weg geben?
Kard. Lustiger: Sie sollen daran denken,
daß sie glücklich sein dürfen, dem Altar, der Eucharistie
so nahe zu sein.
Sie sollen auch selbst beten.
Ich fürchte immer, daß Ministranten nur darauf achten, daß
sie alles richtig machen. Ministranten sollen ganz geübt sein, damit
sie während der Feier der Hl. Messe nicht nur darauf achten, alles
richtig zu machen, damit sie mit ganzem Herzen, mit Leib und Seele, mit
dem Priester und den Menschen beten können.
Meßdiener zu sein,
das ist ein Privileg! Dem Altar so nahe zu sein, ist ein Privileg!
turibulum: Eminenz,
wir danken Ihnen für das Gespräch.
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