Warum lässt Gott das zu?

Oft verzweifeln wir über das Leiden in der Welt

Von Pastor Manfred Stücker

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Tote im Irak, im Nahen Osten. Krieg, Gewalt, Mord, Hungersnöte. Und dann Hunderttausende Tote bei der Flutwelle in Asien. Jeden Tag hören wir in den Nachrichten Schreckliches aus aller Welt. Als Christen fragen wir uns dann: "Warum lässt Gott das zu? Ist er ein grausamer Gott?"
Jens hat vor, demnächst für ein Jahr als Entwicklungshelfer nach Afrika zu gehen. Jetzt hat er erfahren: Viele Menschen in der Gegend, in der er arbeiten möchte, sind HIV-positiv, also mit Aids infiziert. Vor allem Kinder, die sich durch ihre Mutter angesteckt haben. Viele werden nicht überleben, wenn nicht bald etwas geschieht. Ganze Stämme, ja Landstriche sind durch diese furchtbare Krankheit dezimiert. Jens fragt sich: Ist das nicht sinnlos, da zu arbeiten? Gibt es da überhaupt noch eine Perspektive? Was ist mit mir? Werde ich mich auch anstecken? Jens hatte sich auf seine Arbeit gefreut. Jetzt fragt er sich: Was haben diese Menschen denn getan, dass sie so Furchtbares erleben müssen? Sie sind doch nicht schuldig! Wie kann Gott das zulassen?
Jens fasst sich ein Herz und geht zu einem Priester, den er gut kennt. Noch im vergangenen Jahr war Jens in der Leitung eines Ferienlagers dabei. Zu Kaplan Berger fand er schnell Kontakt. Nun sitzt er im Wohnzimmer des Kaplans. Kaplan Berger lässt sich Zeit, Jens zuzuhören. Er gibt zu: "Bislang habe ich davon nur am Rande etwas mitbekommen. Einmal hatte ich in einem Krankenhaus in einer Großstadt zu tun. Es gab dort eine Ordensschwester, die in der Seelsorge arbeitete. Sie wies mich auf einen Aidskranken hin, der dort lag. Ich sollte ihn doch einmal besuchen. Ich tat das, aber es kam kein Gespräch zustande. Der Kranke wollte allein sein. Es war wie eine Barriere zwischen uns beiden." Jens hört gut zu. Er überlegt: Wie werde ich wohl selbst umgehen mit Menschen, die ein solches Leid getroffen hat? Welche Hilfe kann ich ihnen geben?
Nun sieht der Priester auf seinem Schreibtisch ein Bild von Pater Maximilian Kolbe liegen. Einer, der selber sein ganzes Leben lang am eigenen Leibe spüren musste, was Leiden heißt. Im Ferienlager wurde in einer Messfeier das Beispiel dieses Heiligen behandelt. "Was hat das denn mit mir zu tun? Ich bin doch nicht so ein Heiliger!", kommt es aus Jens heraus, als Kaplan Berger das Bild nimmt und ihn daran erinnert. Alles kommt ihm irgendwie fremd vor. Geduldig erklärt der Kaplan: "Darum geht es mir jetzt auch gar nicht. Ich finde es nur sehr bemerkenswert, was Pater Kolbe einmal geschrieben hat. Möchtest du dir das nicht einmal anhören: ,Es gibt keinen Menschen unter der Sonne, der nicht das Glück suchte. Bei allem, was wir tun, haben wir das Glück in dieser oder jener Form als Ziel vor Augen und streben ihm von Natur aus zu. Das Glück aber, das nicht auf der Wahrheit gegründet ist, kann ebensowenig von Dauer sein, wie die Unwahrheit von Dauer ist. Allein die Wahrheit ist das zuverlässige Fundament des Glücks, für den einzelnen Menschen wie für die gesamte Menschheit.' - Was will Pater Maximilian damit wohl sagen?", versucht der Priester dem Jugendlichen deutlich zu machen. "Wenn Pater Kolbe von der Wahrheit spricht, hat er Gott selbst im Sinn. Gott und Wahrheit sind für ihn ein und dasselbe. Wir dürfen also zu Gott gehen, wenn wir das Glück suchen. Wir dürfen ihn ansprechen, wenn uns Böses und wenn uns Leiden betrifft." "Wenn Gott wirklich will, dass ich glücklich bin, warum sieht er dann zu, wie unschuldige Menschen diese Krankheit bekommen?", bemerkt Jens ziemlich schroff. "Das ist doch alles nur Gerede!"
Kaplan Berger überhört die letzte Bemerkung des Jungen. "Vielleicht musst du deine Vorstellung von Gott überdenken", fährt er vorsichtig weiter. "Vorstellung von Gott? Wie meinen Sie das?" Jens überlegt. "Nun, ich meine damit zuerst, wie Gott sich den Menschen gedacht hat", erklärt der Geistliche. "Nämlich als ein Wesen, das nie aufhört nachzudenken und darum auch ,Warum' und ,Wozu' zu fragen: ,Wozu ist das gut?' ,Warum geschieht das so und nicht anders?' Darin unterscheidet sich der Mensch von den Tieren. Auch ein Tier leidet; es spürt den Schmerz und schreit. Aber es ist unfähig, weiterzufragen. Aber ein Mensch kann fragen. Er kann fragen, welchen Sinn sein Leben hat. Und er kann fragen, ob seinem Leiden ein Sinn zugrundeliegt. Dass ein Mensch so fragt, kommt von Gott. Gott selbst lässt den Menschen fragen."
"Sie meinen doch wohl nicht im Ernst, so eine Krankheit, wie sie immer mehr Menschen haben, sei etwas besonders Sinnvolles?", begehrt Jens auf. "Es ist doch wohl das Sinnloseste überhaupt! Viele wissen ja noch nicht einmal, wem sie diese Sache überhaupt zu verdanken haben!", fügt er hinzu.
Der Kaplan versucht, darauf zu reagieren. "Nicht immer können wir sofort einen Sinn erkennen", gibt er zu bedenken. "Aber das heißt nicht, dass es keinen Sinn gibt. Gott will, dass der Mensch nach dem Sinn fragt, sagte ich vorhin. Ich glaube, dass Gott ein guter Gott ist. Wenn er den Menschen nur fragen ließe, aber es gäbe keine Antwort: nein, dann wäre Gott grausam. So ist Gott nicht. Gott gibt die Antwort. Hör mal, was Pater Kolbe noch sagt: ,Mitunter ist es wirklich schwierig im Leben, man meint, es gäbe keinen Ausweg mehr. Weil wir nicht alles wissen können, sehen wir den Zusammenhang nicht zwischen unserem eigentlichen Glück und den widrigen Umständen, die uns quälen. Was sollen wir also tun? Gott vertrauen.'"
Jens schaut den Priester mit großen Augen an. "Gott vertrauen? Das hört sich ja wohl fromm an, aber..." "Aber", fällt ihm der Kaplan diesmal ins Wort, "diese frommen Worte stammen von einem, der genau wusste, was er da sagte. Deshalb habe ich dir diese Stelle ja auch vorgelesen. Besser als der heilige Pater Kolbe hätte ich es auch nicht sagen können." Jens akzeptiert das. Der Priester fügt darum hinzu: "Pater Kolbe war wirklich einer, der mit Gott ununterbrochen hätte hadern können. Alle seine Pläne wurden ruiniert. Die Nazis zerstörten sein Lebenswerk, die Stadt Niepokalanow in Polen. Ihn selbst lieferten sie zuletzt im Vernichtungslager Auschwitz ein. Dort musste er unbeschreibliches Elend ansehen. Die Aufseher und Henker taten Dinge, die bis dahin nicht denkbar schienen. Und doch glaubte Kolbe an Gottes Größe und Treue."
Der Priester hält inne, als er bemerkt, wie in Jens eine Veränderung vor sich geht. "Gottes Größe und Treue!", stößt der Junge hervor. "Wenn ich das nur glauben könnte! Wenn das die leidenden Menschen in Afrika glauben könnten!"
"Auch da müssen wir mit den Worten behutsam umgehen", lenkt der Priester ein. "Gottes Größe meint nicht sofort das, was wir uns meistens darunter vorstellen. Wir dürfen uns Gott nicht nach eigenem Geschmack sozusagen verfügbar halten. Gottes Größe meint zunächst, dass wir über ihn nicht nach eigener Lust und Laune verfügen können. Wir können ihn nicht in unsere Gewalt zwingen. Aber er ist auch kein Despot oder Tyrann. Seine Größe und Allmacht besteht gerade darin, dass er gütig ist und allen Menschen mit Erbarmen entgegenkommt." Jens hört bei den folgenden Gedanken des Kaplans gut zu: "Gott ist so groß, dass er sich ganz klein und gering gemacht hat: in Jesus Christus. In Jesus finden wir die Wahrheit. In ihm finden wir, wie Gott wirklich ist. Gott ist in Wahrheit ein Gott, der tröstet und heilt, weil er in Christus unser Leben teilt - und zwar das ganze Leben, die Freude ebenso wie den Schmerz, den Jubel ebenso wie die Trauer, das blühende Leben ebenso wie das Sterben." "Vielleicht ist das ja gerade meine Aufgabe", teilt Jens seine Gedanken dem Priester mit. "Wenn ich den Menschen, die ich treffen werde, nur ein wenig Hoffnung und neuen Mut geben kann!" Der Kaplan meint: "Das ist schon eine ganz wesentliche Sache. Wir sind nicht allein. Und für den Christen ist das die Frohe Botschaft: dass Christus den ganzen Weg mitgeht. Auch den Weg des Leidens und des Sterbens. Und dass er uns die Tür zum Leben öffnet. Dies können wir jetzt schon erfahren. Aber die ganze Fülle erfahren wir erst nach der Auferstehung." Jens meint, das sei aber eine Vertröstung. Der Priester hält entgegen: "Vertröstung nicht, aber wohl ein Trost. ,Trost' heißt im übrigen in der Sprache der Bibel ,Rettung, Heil'. Wenn wir zulassen, dass Gott tröstet, rettet und heilt er auch." Er nimmt ein Wort des französischen Schriftstellers Paul Claudel zur Hand. "Schau mal, was der geschrieben hat! Ich finde das ein wunderbares Wort: ,Gott ist nicht gekommen, das Leid abzuschaffen, auch nicht, um es zu erklären, sondern um es mit seiner Gegenwart zu erfüllen.'" Als Jens sich verabschiedet, bedankt er sich bei Kaplan Berger für die Zeit, die er sich für ihn genommen hat: "Jetzt sehe ich schon viel klarer. Ich bin sicher, dass ich es nun doch tun werde. Ich werde versuchen, zu den Menschen zu gehen und ihnen zu helfen: mit meiner Arbeit, aber mehr noch mit meiner Zuversicht!

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