turibulum-Interview

mit dem Apostolischen Nuntius Giovanni Lajolo

(September 1997)



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turibulum: Als Nuntius sind Sie Priester und Diplomat in einer Person. Was genau ist Ihre Aufgabe?

Bischof Lajolo: Der Priester ist eingesetzt, die Einheit zwischen dem Menschen und Gott wiederherzustellen und zu stärken und somit auch die Einheit unter den Menschen in dem einen Leib Christi zu fördern. Auch die Diplomaten sind Menschen der Einheit: Sie sind berufen, unter den Völkern Bande der Verständigung, der Freundschaft und des gegenseitigen Austausches zu schaffen. Dabei haben sie nach den Regeln des Völkerrechts die Würde aller Völker – auch der kleinsten – zu achten. Wie Sie sehen, sind die Aufgaben eines Priesters und die eines Diplomaten wohl verschieden, aber beide grundsätzlich von demselben Geist der Einheit getragen, der aus Gott stammt. Der Apostolische Nuntius in Deutschland ist zudem Doyen (Wortführer, Anm. d. Red.) des Diplomatischen Korps. In dieser Aufgabe obliegt es ihm, die Botschafter in ihrer Gesamtheit als Sprecher zu vertreten und allgemein für eine gute Atmosphäre in den Beziehungen zwischen dem Gastgeberland und den diplomatischen Vertretungen Sorge zu tragen.

turibulum: Wie sieht denn ganz praktisch Ihre Aufgabe aus?

Bischof Lajolo: Die praktische Arbeit besteht darin, die Person des Heiligen Vaters zu vertreten, und zwar zuerst gegenüber der Kirche in Deutschland – wobei dem Nuntius auch eine besondere ökumenische Verantwortung zukommt – und zudem bei der deutschen Bundesregierung und auch bei den Landesregierungen.

 

turibulum: Müssen Sie dem Papst regelmäßig Bericht erstatten?

Bischof Lajolo: Selbstverständlich gehört es zu den Aufgaben des Nuntius, den Papst und seine Mitarbeiter mit sachgemäßen, ausgewogenen und zuverlässigen Informationen über die verschiedenen Aspekte des Lebens der Kirche zu versorgen. Als Quellen seiner eigenen Information benutzt er amtliche Veröffentlichungen, qualifizierte öffentliche Quellen, Informationen, die ihm von einzelnen zukommen – bei denen er sich, wenn deren Seriosität fraglich ist, zur Vergewisserung mit Nachfragen an Bischöfe, Priester oder qualifizierte Laien wendet.

turibulum: Welche Aspekte der Situation der deutschen Kirche interessieren den Papst besonders?

Bischof Lajolo: Der Papst ist das Prinzip der sichtbaren Einheit der Kirche. So interessiert ihn am meisten, was die Einheit der Kirche betrifft. Dabei ist er in besonderem Maße an den Fragen interessiert, die die Ausdrucksformen des Glaubens betreffen.

 

turibulum: Viele in Deutschland sehen in den Kirchen nur noch soziale Institute und Wohlfahrtseinrichtungen, die gerne Krankenhäuser unterhalten, sich aber nicht ins Privatleben einmischen sollen...

Bischof Lajolo: Hier stehen wir heute vor einer Entwicklung, die jener des Liberalismus entgegengesetzt ist. Damals wollte man die Kirche ganz in die Privatsphäre zurückdrängen. Daß die Kirche im Sozialbereich tätig ist, entspricht ganz dem Prinzip der Inkarnation, der Menschwerdung Christi. Die Kirche ist aus ihrem Wesen heraus geistlich und gesellschaftlich, sie lebt nicht nur aus dem Glauben, sondern zugleich aus der Liebe. Sie hat die Aufgabe zu lehren und zu heilen. So kann sie sich nicht von den Problemen des Menschen zurückziehen. Sie hat sich ihnen zu stellen entsprechend der Sendung des Herrn, die religiös ist – nicht politisch – und innerhalb dieser Sendung.

turibulum: Vor einigen Jahren hat Rom Ministrantinnen erlaubt. Wie kam es dazu?

Bischof Lajolo: Eine authentische Auslegung des Kanon 230 § 2 des Kirchlichen Gesetzbuches seitens des Päpstlichen Rates zur Auslegung der kirchlichen Gesetze hat festgestellt, daß mit den "Laien", die nach dieser Bestimmung zu den liturgischen Diensten zugelassen werden können, nicht nur Männer, sondern auch Frauen gemeint sind.

Wenn man sich vergegenwärtigt, daß schon vorher auch Frauen, zum Beispiel als Lektorinnen während des Gottesdienstes die Lesung vortragen durften – was eine sehr gehobene liturgische Funktion ist – wird man nicht überrascht sein, daß jetzt auch der Ministrantendienst für Mädchen und Frauen geöffnet wurde. Es ist sicher sehr schön und angebracht, wenn schon Jungen und Mädchen am Alter den Ministrantendienst ausüben, doch soll man nicht vergessen, daß dieser Dienst an sich ein Erwachsenen-Dienst ist.

turibulum: Sehen Sie einen Zusammenhang zwischen dem Ministrantendienst und der Berufung zum Priestertum?

Bischof Lajolo: Indem man als Ministrant in eine besondere Nähe zum Geheimnis der Eucharistie kommt, empfängt man auch von dieser Urquelle des kirchlichen Lebens besondere Gaben und auch die Freude, sich engagiert auf die Nachfolge Christi einzulassen. Wenn ein Junge eine Berufung zum Priestertum in sich trägt, kann der Dienst am Altar eine wichtige Hilfe bei der Reifung der Berufung sein.

 

turibulum: Waren Sie früher selbst Ministrant?

Bischof Lajolo: Ja, und es hat mir immer Freude gemacht, beim Heilsgeschehen am Altar in dieser Weise tätig zu sein. Die verschiedenen Dienste insgesamt haben mir Freude gegeben, jeder hat seine Eigenart und seinen besonderen Reiz. Als junger Kaplan in Rom hatte ich eine beträchtliche Schar von Ministranten, die in verschiedene Gruppen aufgeteilt war. Damit hatte ich zugleich die Möglichkeit, sie in ihrem Glauben weiterzuführen und mit ihren Familien in Verbindung zu treten.

turibulum: Was würden Sie den Ministranten in Deutschland mit auf den Weg geben?

Bischof Lajolo: Die Eucharistie ist die Quelle und der Höhepunkt allen christlichen Lebens, das heißt Christus in seiner Fülle: Leib, Blut, Seele und Gottheit. Er ist da in einer unübertrefflichen Nähe und in seiner unvergleichlichen Freundschaft. Seid Euch dessen immer bewußt! Betet und lebt immer aus diesem Bewußtsein!

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