turibulum-Interview

mit Bruder Achtelik, Weggefährte von Pater Kolbe

(Juli 1997)



Linie

 
1941 starb im Vernichtungslager Auschwitz Pater Maximilian Kolbe. Er gab sein Leben hin für einen Familienvater, den die Nazis ermorden wollten. In der Zeit von 1936 bis zu Kolbes Verhaftung lebte Bruder Ivo Achtelik zusammen mit Pater Kolbe im Kloster von Niepokalanow. Heute wohnt Bruder Ivo im Minoritenkloster in Uelzen. turibulum-Mitarbeiter Bernhard Müller sprach mit Ivo Achtelik, einem Weggefährten des Ordensbruder und Heiligen.

turibulum: Bruder Ivo, Sie haben den hl. Pater Maximilian Kolbe sehr gut gekannt. Wann haben Sie ihn zum ersten Mal gesehen?

Bruder Ivo: 1936, als Pater Kolbe von Japan wieder nach Polen zurückkehrte und Guradian in Niepokalanow wurde. Als ich ihn zum ersten Mal sah, war meine Überzeugung sofort: Ich habe einen großen Heiligen vor mir. Pater Kolbe war ein ganz bescheidener, liebevoller und guter Mensch. Mich hat seine Art und Gestalt vom ersten Augenblick an fasziniert. Und noch heute sind mir trotz meines hohen Alters viele Sätze von Pater Maximilian wortwörtlich im Gedächtnis haften geblieben.

turibulum: Vielleicht erzählen Sie uns etwas über Sie selber?

Bruder Ivo: Ich wurde 1909 in Bottrop geboren. Das nannte man damals Klein-Warschau, weil so viele Polen dorthin als Gastarbeiter gezogen waren. So waren auch meine Eltern ins Ruhrgebiet gekommen und hatten dort geheiratet. Nach dem Ersten Weltkrieg sind sie dann aber wieder zurück nach Oberschlesien übergesiedelt. Schon als Schuljunge hatte ich den Wunsch, einmal ins Kloster zu gehen, und 1935 faßte ich den Entschluß, in Niepokalanow einzutreten.

turibulum: Wie sind Sie auf Pater Kolbe gestoßen?

Bruder Ivo: Während meiner Zeit als Kumpel in einer schlesischen Kohlenzeche wohnte ich, ich glaube, es war 1929, in einer Privatpension. Dort kam mir die Zeitschrift "Ritter der Unbefleckten" in die Hand. Meine Vermieterin hatte sie abonniert. Mich hat der Inhalt sehr angesprochen, und es setzte sich in mir der Gedanke fest, dort einzutreten. Also bewarb ich mich und reiste am 29. April 1935 als 26jähriger zum ersten Mal nach Niepokalanow. Allerdings bekam ich Pater Kolbe da nicht zu sehen, zu dieser Zeit war er noch in Japan.

turibulum: Nach Ihrem Eintritt: Welche Aufgabe hatten Sie im "Pressekloster"?

Bruder Ivo: Ich war in der Druckerei beschäftigt. Die Druckplatten wurden damals durch Galvanotechnik hergestellt, ein sehr umständliches Verfahren. Meine Arbeit bestand darin, daß ich mit einer Bohrmaschine die Druckplatten reinigen mußte. Einmal ist mir unter den Augen von Pater Kolbe – wohl vor Aufregung – ein "Schiff" mit Bleisatz aus den Händen gefallen, ein Fehler, der eine Menge zusätzlicher Arbeit verursachte. Aber Pater Maximilian hat nur gelächelt und gemeint, es sei ja keine Absicht gewesen. Er hat niemanden gestraft. Auch sonst ging er über Fehler zwar nicht einfach hinweg, aber er wurde niemals nervös oder gar aufbrausend.

turibulum: Hat Pater Kolbe in seinem Kloster die 700 Mitbrüder auch geistlich geformt?

Bruder Ivo: Er hielt uns jede Woche eine sehr persönliche Ansprache, die uns immer sehr viel gegeben hat.

turibulum: Die Gestapo der Nazis hatte drei Häuser in Niepokalanow beeschlagnahmt und war nun ständig anwesend.

 

Bruder Ivo: Das stimmt. Daher kam ich auch häufig mit Pater Kolbe in seinem Arbeitszimmer zusammen, weil ich meistens als Dolmetscher zwischen ihm und den deutschen Soldaten fungieren mußte.

turibulum: Wie verhielt sich Pater Kolbe gegenüber den deutschen Soldaten?

Bruder Ivo: Er ging immer liebenswürdig mit ihnen um, auch wenn Soldaten persönliche Wünsche hatten. Ich erinnere mich an einen jungen Offizier aus Bayern, der von einem Künstler unter unseren Brüdern ein Immaculata-Bild malen lassen wollte, um es seiner Mutter zu schenken. Pater Maximilian hat zwanzig Minuten lang mit ihm gesprochen und ihm zugesagt, daß das Bild in sechs Wochen fertig sein werde. Als ich den jungen Leutnant dann zum Ausgang begleitete, sagte er zu mir: "Ihr habt aber einen netten Prior." Er ist dann etwa zwei Wochen später noch einmal gekommen und hatte den besonderen Wunsch um ein gemeinsames Foto mit Pater Maximilian. Auch dieser Wunsch wurde ihm lächelnd gewährt. Ich stand dabei ein wenig abseits. Aber Pater Maximilian rief mich herbei, ich sollte mit auf das Foto kommen. Noch heute trage ich dieses Bild ständig bei mir. Den Namen des jungen Leutnants kenne ich leider bis heute nicht. Ich habe nie mehr etwas von ihm gehört, wahrscheinlich ist er im Krieg gestorben.

turibulum: 1941 wurde Pater Kolbe dann von der Gestapo verhaftet und ins KZ Auschwitz gebracht.

Bruder Ivo: Wenige Tage vor der Verhaftung Pater Maximilians begegnete ich ihm bei der Rekreation. Während des Gesprächs sagte er: "Ich weiß, daß ich bald geholt werde." Als die Gestapo kam und an die Pforte des Klosters klopfte, mußte ich als Klosterdolmetscher bei Pater Maximilian anrufen. Ich sagte ins Telefon: "Pater, man will Sie verhaften." Vielleicht hätte Pater Kolbe fliehen können, doch er dachte anders. Nach einer kurzen Pause sagte er: "Es ist gut, sie mögen kommen." Er ging seinen Häschern entgegen wie Christus am Ölberg. Ich selber hielt mich während des mehrstündigen Verhörs, das die Gestapo mit Pater Maximilian anstellte, bereit, als Dolmetscher zu dienen. Aber die Nazis hatten ihren eigenen Dolmetscher mitgebracht und nicht nur ihn – sondern eine Liste von fünf Personen, die verhaftet werden sollten – die gesamte Leitung des Klosters.

turibulum: Warum wurde Pater Kolbe verhaftet?

Bruder Ivo: Da gibt es viele Vermutungen. Keine ist bewiesen. Ein deutscher Kollaborateur, der schräg gegenüber dem Kloster wohnte, soll ihn angezeigt haben, weil Niepokalanow sich gegen die Nazis verschworen habe. Jedenfalls erkannte man sehr wohl, wen Pater Maximilian meinte, wenn er in unserer Zeitschrift das Böse angriff, das über Polen hereingebrochen sei. Gleichzeitig existierte ja Hitlers Befehl, die gesamte Führerschaft Polens zu vernichten. Und Pater Kolbe war ein ausgezeichneter Menschenführer.

turibulum: Hatten Sie sich nach der Verhaftung Pater Kolbes an die Gestapo gewandt?

Bruder Ivo: Nachdem unsere Patres ein paar Tage verhaftet waren, kam Bruder Cherubim zu mir und sagte, es wäre vielleicht gut, wenn wir uns für Pater Kolbe opfern, um ihn aus dem Gefängnis herauszubekommen. Ich war sofort dafür. Und wir setzten ein Schreiben an die Gestapo auf, das ich ins Deutsche übersetzte. Darin boten wir uns und 20 unserer Brüder an, im Austausch gegen Pater Kolbe ins Gefängnis gehen zu dürfen. Die Gestapo hat diese Bitte von uns abgelehnt.

turibulum: Wann haben Sie vom Tod Pater Kolbes am 14. August 1941 in Auschwitz erfahren?

Bruder Ivo: Ich weiß nicht mehr ganz genau, wann das war, aber ziemlich bald, vielleicht zehn Tage später. Es war während des Abendgebetes. Wie ich das hörte, war mein erster Gedanke "Pater Maximilian, gedenke meiner..." Die offizielle Bestätigung erhielt das Kloster jedoch erst viel später, ich glaube am 20. Februar 1942.

turibulum: Heute, 56 Jahre nach seinem Tod, wie würden Sie Pater Maximilian beschreiben?

Bruder Ivo: Ich habe in meinem ganzen Leben keinen besseren Menschen kennengelernt, als es Pater Maximilian Kolbe war. Pater Kolbe war ein Mann der Tat, ein Organisator voller Begeisterung und Pläne. Er war energisch und dabei gütig. Von Herzen gütig. Und immer hilfsbereit. Persönlich habe ich ihn ja in seinen letzten fünf Lebensjahren aus nächster Nähe erlebt. Sein herzliches Lachen klingt mir noch heute in den Ohren.

turibulum: Sie haben noch Jahrzehnte nach Pater Kolbes Tod im Kloster Niepokalanow gelebt. Heute leben Sie in Uelzen. Wollen Sie noch einmal nach Niepokalanow zurück?

Bruder Ivo: Solange ich kann, bleibe ich hier. Aber wenn ich einmal nicht mehr kann, will ich zurück nach Niepokalanow. Das ist mein Wunsch. Ich will dort mein Lebensende haben, wo ich mit Pater Maximilian zusammengelebt habe, und auf dem Friedhof von Niepokalanow beerdigt werden.

turibulum: Wir danken Ihnen herzlich für das Gespräch.
 

Linie
© redaktion@turibulum.de
Linie

« zurück