Brauchen wir noch Kirchen? (Teil 3)

Die leere Kirche - der leere Abendmahlstisch

Von Pastor Manfred Stücker

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Wenn eine Kirche geweiht ist, wenn alle Riten, die den Raum zu einem heiligen Raum nachen, vollzogen sind, feiert der Bischof mit den Gläubigen die erste heilige Messe. Ohne die Messfeier wäre eine Kirchweihe nicht denkbar. Denn dazu ist ja die Kirche eine Kirche: damit sie das Gedächtnis dessen feiert, der in ihr lebt und wirkt. Damit derjenige gegenwärtig wird, der das Haupt der Kirche, ihr Ursprung und ihre Vollendung ist. Die heilige Messe ist der Quell und das Ziel aller kirchlichen Handlungen und Zeichen.
In Frankfurt am Main ist ein eigenartiges Bild zu sehen, das Ben Willikens von 1976 bis 1979 geschaffen hat. Da ist ein Raum dargestellt, bei dem man sofort an den Abendmahlssaal denkt. Die ganze Perspektive, die Aufteilung des Raumes, seine Gestaltung: alles ist so wie bei dem berühmten Bild von Leonardo da Vinci. Aber etwas ist anders. Bei Leonardo sehen wir den Tisch gedeckt mit den Zutaten des Abendmahles. Wir sehen Jesus mit seinen zwölf Aposteln. Unter ihnen können wir Johannes erkennen und Judas, der dabei ist, aufzustehen und den Verrat auszuführen. Bei dem Frankfurter Abendmahlsbild von Willikens sehen wir nichts von allem. Der Tisch ist zwar gedeckt mit einem großen, weißen Tuch. Doch ansonsten sind der Tisch und der Raum vollkommen leer.
Trotzdem hat der Künstler seinem Bild den Titel "Abendmahl" gegeben. Obwohl doch niemand da ist, der Abendmahl feiert. Nicht Jesus, nicht seine Jünger. Was bedeutet das? Was will der Künstler sagen? Bedeutet der leere Tisch, dass viele Menschen mit dem Geheimnis des Abendmahls, mit der heiligen Messe, nichts mehr anfangen können? Das Bild von Willikens und sein Entstehungszeitraum könnten das nahelegen: Vor 20, 30 Jahren begannen sich unsere Kirchen zu leeren. Auch unsere Familien leeren sich seit der Zeit. Viele haben nicht mehr den Mut, Ja zu sagen zum Kind und zu Kindern. Und mit vielen Tischen in den Häusern unserer Familien ist das ebenso: sie bleiben leer. Man trifft sich nur noch selten, kommt selten oder kaum zum gemeinsamen Essen zusammen. Und weil die Familie das erste Priesterseminar ist, sind auch die Seminare und Kollegien unserer Bistümer leer geworden. Der Priestermangel ist eine Folge des Gläubigenmangels.
Doch Willikens könnte mit dem Bild des leeren Tisches auch noch etwas anderes sagen wollen. Und zwar Folgendes: Wir stehen jetzt in der Erwartung. Jesus wird kommen! Er wird die sammeln, die geladen sind. Denken wir nur an das Gleichnis vom Festmahl: Viele waren geladen, keiner wollte kommen. Da ruft der König die zusammen, die nichts gelten (Mt 22,1-14). Mit ihnen füllt sich der Festsaal. Die zuerst Eingeladenen werden ausgeschlossen, die anderen, die sich rufen lassen, nehmen teil an der Freude des Festes.
Wenn das so ist, dann drückt der leere Tisch nicht nur Trauer aus, dass niemand gekommen ist, sondern Erwartung, dass Er kommen wird, Er, der zur Feier ruft, in der er sich selbst geben wird, seinen Leib und sein Blut zum Heil und zum Leben der Welt.
In eine Kirche zu kommen, die heilige Messe feiern, heißt, diese zweifache Perspektive gewinnen: Erneuerung und Vergegenwärtigung der Hingabe Jesu im Abendmahlssaal und am Kreuz und zugleich Ausblick auf die Vollendung im Festmahl der Freude mit Ihm, dem Auferstandenen, der wiederkommt.
In der Feier der heiligen Messe fassen wir all das zusammen, was uns mit Christus und der ganzen Kirche zusammenführt. Die Feier der heiligen Messe ist Dreh- und Angelpunkt unserer Gemeinden und aller ihrer Aktivitäten. Auch für uns muss gelten, was der heilige Benedikt für seinen Orden als Grundsatz ausgegeben hat: Dem Gottesdienst darf nichts vorgezogen werden. (Link zu Teil 1) (Link zu Teil 2)

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