Immer häufiger kommt es vor, dass Kirchen geschlossen oder sogar verkauft werden müssen. Die Gemeinden oder Bistümer können das Geld für ihren Unterhalt einfach nicht mehr aufbringen. Das Geld ist natürlich nicht der einzige Grund: der Gottesdienst, zu dem die Kirchen ja errichtet wurden, zieht nicht mehr so viele Menschen an. Und vielerorts ist es einfach zu gefährlich, die Kirchen mit ihrer wertvollen Ausstattung tagsüber unbewacht zu lassen. Also schließt man sie ab. Das ist sicher sehr bedauerlich. Aber auch hier fehlen die Beter, die Menschen, die eine Kirche mit Glauben und Leben füllen.
In den Jahren nach dem 2. Vatikanischen Konzil, in denen viele Inhalte des Glaubens hinterfragt wurden, glaubten manche auch an das Ende des bisherigen Kirchenbaus. Sie meinten: Im Grunde ist die Kirche nichts anderes als ein Versammlungsraum. Dieser Raum muss zweckmäßig und am besten für mehrere Zwecke gleichzeitig geeignet sein. Es gibt nicht mehr den "heiligen" Raum und das "profane" Gelände. Diese Unterscheidung dürfe man seit Jesu Tod nicht mehr machen. Denn Jesus selbst sei ja außerhalb des Heiligtums, vor den Toren der Stadt, gestorben. Also sei von da an alles irgendwie "heilig" und es bräuchte kein besonderer Raum mehr für so etwas Exklusives wie den Gottesdienst abgegrenzt zu werden. - Was kann man dazu sagen?
Wenn man wirklich Jesus zum Maßstab nimmt - was ja sicher richtig und gut ist! - dann muss man es auch ganz tun. Dann muss man auch sehen, was Jesus selbst gesagt und getan hat und in welcher Tradition er sich selbst gesehen hat. Und dazu kann man wirklich einiges sagen! Denn hier kommen wir schnurgerade an einen riesigen Konflikt, an den Konflikt nämlich, der Jesus letztendlich ans Kreuz gebracht hat!
Dazu schlagen wir - im Jahr der Bibel - das vierte Evangelium auf. Das Johannesevangelium berichtet von einem dreimaligen Besuch Jesu im Tempel in Jerusalem. Schon beim ersten Mal kommt es zum entscheidenden Konflikt. Jesus vertreibt Händler und Marktleute aus dem Tempelinneren. "Macht das Haus meines Vaters nicht zu einer Markthalle!" ruft er (Joh 2,16). - Die Begründung, die Jesus für sein Tun angibt, ist sehr eigenartig. Er sagt:
"Reißt diesen Tempel nieder, in drei Tagen werde ich ihn wieder aufrichten" (Joh 2,19).
Für die Juden war dieses Wort völlig unverständlich. Und auch für uns, obwohl wir die Deutung kennen, die Johannes gibt, behält das Wort etwas Geheimnisvolles. Johannes erklärt dazu: "Er aber meinte den Tempel seines Leibes" (Joh 2,21). Geheimnisvoll bleibt dieses Wort für uns, weil wir im Zusammenhang mit dem Leib eines Menschen nicht von Aufbauen und Niederreißen sprechen würden. Jesus scheint noch etwas anderes im Blick zu haben als nur den Vergleich mit einem Bauwerk. Jesus vergleicht sich und seinen sterblichen Leib, der zur Unvergänglichkeit auferstehen soll, nicht einfach mit einem Bauwerk aus Stein. Er meint noch viel mehr. Dieses "Mehr" wird uns vom Evangelisten Johannes in einer etwas verschlüsselten Weise überliefert. Man muss den Schlüssel kennen und anwenden, dann versteht man vielleicht tiefer, was noch alles in diesem Wort steckt.
Der Schlüssel steckt, wie so oft bei Johannes, in einer Zahl. Die Juden sagen ja: "Sechsundvierzig Jahre wurde an diesem Tempel gebaut, und du willst ihn in drei Tagen wieder aufrichten?" (Joh 2,20). 46 Jahre, das wirkt sehr präzise. Aber historisch gesehen ist es das nicht. Historisch gesehen, ist diese Angabe nicht gerechtfertigt. Wir haben hierzu einen hintergründigen Hinweis, den uns der heilige Augustinus erklärt. Er deutet uns die Zahl 46. Diese Deutung beruht darauf, dass im Griechischen wie im Hebräischen jeder Buchstabe auch als Zahlenzeichen benutzt werden kann. Die 1 steht zum Beispiel für den ersten Buchstaben, für A. Die Zahl 46 nun kann man lesen als eine Summe verschiedener Zahlen, die alle für einen bestimmten Buchstaben stehen. 46 kann man lesen als die Summe von 1 und 4 und 1 und 40. - In Buchstaben ausgedrückt ergibt das: Alpha, also A, für die Zahl 1, und Delta, also D, für die Zahl 4. - Dann nochmals A und dann der Buchstabe My, also M, der das Zeichen für 40 ist. Zusammengenommen als Wort ergibt das A + D + A + M, das heißt Adam, der Mensch.
Nun kommt noch etwas Weiteres hinzu. Die Buchstaben A + D + A + M sind zugleich auch die Anfangsbuchstaben der griechischen Namen für die vier Himmelsrichtungen: Anatole (Osten), Dysis (Westen), Arktos (Norden) und Mesembria (Süden). Das entspricht dem Verständnis des Alten Testamentes und der Antike: der Tempel, das ist nicht einfach ein Versammlungsgebäude oder ein Denkmal, nein, er ist mehr. Er ist Symbol des ganzen Kosmos. Er ist Symbol des Makrokosmos: des Weltalls in seiner ganzen gewaltigen Ausdehnung und Größe, und er ist Symbol zugleich des Mikrokosmos: des Menschen, in dem Gott seine Größe und wunderbare Macht verherrlicht wissen will.
Der Tempel ist Bild des ganzen Kosmos, in dem sich - noch verborgen - der ganze Himmel auftut. Der Tempel ist Symbol des Kosmos in seiner Ursprünglichkeit, in seiner paradiesischen Schönheit und Vollkommenheit. Und diesen Tempel, sagt Jesus, zerstört ihr. Diesen Tempel habt ihr längst zerstört. Ihr habt daraus eine Markthalle gemacht. Einen Markt sich widersprechender Meinungen, Interessen und Konflikte. Und um diesen Tempel wieder heil zu machen, sagt Jesus, bin ich gekommen. Ich mache ihn heil durch meinen Leib, durch mich selbst, dadurch, dass ich mich verzehre und mich von euch niederreißen lasse. - Dieser Anspruch, den Jesus da äußert, er müsste uns den Atem rauben, wenn wir nicht glauben könnten, dass Gott selbst in diesem Menschen redet und handelt, wenn wir nicht glauben könnten, dass Jesus wahrhaftig der Sohn des lebendigen Gottes ist.
Mit diesem Eifer für das Haus Gottes, mit diesem Eifer für eine geheilte Welt, für eine Welt nach dem Plan und dem Bild Gottes, steht Jesus denen im Weg, die nur ihre eigenen Interessen verfolgen, denen es egal ist, ob sie mit ihren Machtansprüchen und Phantasien auch noch den letzten Rest des Paradieses zerstören. Denen steht Jesus im Weg. Darum muss Jesus weg. Das weiß er, und darum geht er sehenden Auges in seinen Untergang, der kein Untergang, keine Vernichtung ist, sondern ein Niederreißen durch Menschen, die schon längst das, was von Gott kommt, niedergerissen und zerstört haben. Sie haben es damals getan und sie sind auch heute dabei, ja noch mehr als je zuvor dabei, indem sie beispielsweise den Bauplan des Menschen, den Anfang des menschlichen Lebens, niederreißen und versuchen, in der Forschung mit menschlichen Embryonen und Stammzellen einen Markt aufzubauen, der vorgibt, doch so viel Gutes zu enthalten, der aber in Wahrheit nichts anderes ist und nichts anderes sein wird als eine gigantische und menschenverachtende Maschinerie des Profits und der Ausbeutung.
Die Menschen können den Tempel niederreißen. Sie können aus dem Paradies Gottes einen Markt machen. Sie können Jesus töten und seinen Eifer für das Haus Gottes zum Vorwand nehmen, um ihn der Gotteslästerung anzuklagen. Doch Gott lässt sich das Heft nicht aus der Hand nehmen. Er wird seinen Tempel wieder aufrichten. Jesus wird in der Kraft Gottes am dritten Tag von den Toten auferstehen und seinen Leib zu einem Tempel für alle Menschen machen. Jesu Auferstehung bewirkt, dass der Kosmos, der niedergerissen wurde durch die Hand von Menschen, durch die Hand Gottes wieder aufgerichtet und heil gemacht wird. Im Moment des Todes Jesu, während im Tempel in Jerusalem die Lämmer geschlachtet werden, zerreißt der Vorhang, der das Allerheiligste von der übrigen Welt abgetrennt hatte. In diesem Moment öffnet sich ein anderer Vorhang, und wir dürfen mit der Festversammlung der Engel und der Heiligen (vgl. Hebr 12,18-24) hinzutreten zum Mahl des Lammes, das geopfert wurde und das die Welt durch sein Blut neu gemacht hat.
Wir sehen, dass Jesus es nicht darum gegangen ist, einfach den Tempel abzuschaffen. Für ihn war und blieb der Tempel heilig, die Wohnstatt seines Vaters. Doch indem er sich selbst als Opfer darbringt, schafft er etwas Neues. Er schafft einen neuen Raum der Begegnung mit Gott. Dieser neue Raum ist nicht etwas Beliebiges und schon gar nicht etwas "Profanes", rein Weltliches. Was das nun für uns bedeutet und wie wir angemessen darauf antworten können, wollen wir in einem dritten Teil dieser Reihe bedenken.
(Link zu Teil 1)
(Link zu Teil 3)
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