Brauchen wir noch Kirchen? (Teil 1)

Warum eine Kirche mehr ist als nur ein Versammlungsraum

Von Pastor Manfred Stücker

Linie

Ich beginne mit zwei Erlebnissen aus dem vergangenen Jahr. Das erste Erlebnis war eine Messfeier zum Abschluss der Begegnung mit der kanadischen Diözese Sherbrooke am Sonntag, 21. Juli 2002, mit dem dortigen Bischof. Der Gottesdienst wurde draußen gefeiert, in dem großen Stadtpark. Eine überdachte Bühne war aufgebaut, darauf stand ein Tisch, der als Altar diente. Viele junge Menschen waren gekommen, die anschließend zum Weltjugendtreffen nach Toronto weiterfahren wollten.

Was mich wunderte, war der Umstand, dass dieser Gottesdienst nicht in der Kathedrale stattfand. Man hatte wohl mit weit mehr Teilnehmern am Gottesdienst gerechnet, mehr, als die Domkirche zu fassen vermocht hätte. Aber draußen, im Park, da gab es viele Menschen, die einfach ihren Freizeitbeschäftigungen nachgingen; weiterhin lenkten etliche Stände für Souvenirs, Erfrischungen und so weiter die Blicke der Besucher auf sich. Die Bühne wurde nach dem Gottesdienst, dessen Texte übrigens wegen der schwierigen Akustik schwer zu verstehen waren, für Konzertdarbietungen und Sketche weiter benutzt. Was kaum aufkommen konnte, war eine Atmosphäre der Sammlung und der Stille. Die Bühne sah irgendwie aus wie ein Stand, an dem etwas feilgeboten wurde.

Das zweite Erlebnis hatte ich in der Adventszeit im westfälischen Münster. In einem ziemlich reißerischen Zeitungsartikel wurde die Eröffnung einer "Jugendkirche" angekündigt. Neben verschiedenen spektakulären Aktionen wurde auch zu einer "Disco" eingeladen, die nach dem Eröffnungsgottesdienst (den ein Weihbischof feierte) "im Mittelschiff" stattfinden sollte. - Da ich nicht ganz glauben konnte, was die Zeitung da geschrieben hatte, fuhr ich selbst hin und musste feststellen: So war es wirklich. Eine ziemlich gut ausgestattete Band spielte in einem mit Laserstrahlen und dichtem Nebel effektvoll umgestalteten Kirchenraum, aus dem die Bänke vorher entfernt waren, und dazu tanzten und bewegten sich die Besucher, oder sie saßen auf dem Boden oder auf den Altarstufen und ließen die ungewohnte Szenerie auf sich wirken. Der Fairness halber muss man dazu sagen, dass nicht geraucht und auch nicht gegessen oder getrunken wurde. Dennoch habe ich mich gefragt: Kann das so richtig sein? Was haben die Initiatoren sich dabei gedacht? Und was haben sich eigentlich vor 800 Jahren die Menschen gedacht, die die Kirche erbaut haben?

Was tun wir in einer Kirche? Wenn ich unsere Kommunionkinder in der Schule besuche und wir unsere ersten gemeinsamen Wortgottesdienste in der nahe gelegenen Pfarrkirche feiern - ganz schlicht übrigens und mit ganz einfachen Gesten und Zeichen -, dann frage ich die Kinder zuerst: Was tun wir in einer Kirche? Wozu ist die Kirche eigentlich da? - Und in aller Regel kommen die Antworten wie aus der Pistole geschossen: Um zu beten - zu singen - um still zu werden. Die Kinder haben ein erstaunliches Gespür für das "Andere" einer Kirche, für ihre Besonderheit.

Wenn ich die Kinder dann auch frage, was sich in der Kirche nicht gehört, brauche ich ebenfalls nicht lange auf die Antworten zu warten: nicht schreien, nicht essen, nicht Fußball spielen, nicht prügeln ... auch hier ist den Kleinen klar, worum es in einer Kirche geht: Hier ist ein Ort, an dem der Mensch einfach nur da sein darf, wo er gut sein soll, nicht falsch und nicht sich verstellend; eben so, dass er den Anruf Gottes, gut zu sein, hört und versucht, darauf eine erste Antwort zu geben, eine Antwort, die sich natürlich fortsetzen muss im Alltag. - Erstaunlich, dass acht- und neunjährige Kinder das alles schon ziemlich genau wissen: Kinder, die selbst häufig nur spärliche Erfahrungen mit Kirche und Gottesdienst gemacht haben.

In den vergangenen Jahren war ich mehrmals in der Ukraine, um dort Spenden zu überbringen und Menschen zu begegnen, die nach dem Zusammenbruch des Kommunismus wieder anfangen, ihren Glauben öffentlich zu bezeugen und Gemeinden und Kirchen aufzubauen. In der Region Wolhynien, die wir besuchten, gab es einst viele katholische Kirchen, die seit Jahrzehnten verwahrlost sind oder zu profanen Zwecken entfremdet wurden, etwa als Sporthalle oder als Speicher. Und obwohl die Kirchengebäude meist in einem absolut beklagenswerten Zustand sind, ist da immer wieder der große Wunsch, neu aufzubauen und wieder herzustellen, was jetzt noch am Boden lag. Und da war auch die Frage: Geht das denn überhaupt - mit diesen einfachsten Mitteln, mit Gerüsten aus Holzstangen, meist ohne Maschinen, und lohnt sich denn das, was da angefangen wird? Wäre es nicht leichter, die Ruine liegen zu lassen und an anderer Stelle neu zu beginnen und einen Bau zu errichten, der irgendwie zweckmäßiger ist, zeitgemäßer? Warum der ganze Aufwand, warum die Mühen?

Die Antwort, die uns die Menschen gaben, die über Jahrzehnte hinweg gehindert wurden, ihren Glauben frei zu leben, habe ich heute noch im Ohr. Sie lautete: Die Kirche ist durch den Glauben und die Gebete vieler Menschen und vieler Generationen geheiligt. Darum bleibt sie Kirche - auch dann, wenn der äußere Bau zerfällt. Der Ort, auf dem die Kirche steht, ist ein heiliger Ort. Deswegen können wir nicht an anderer Stelle etwas neues aufbauen. Wir müssen es hier tun, wir müssen hier uns weiter versammeln, weiterbeten, weiter den Gottesdienst feiern. Etwas anderes geht für uns nicht.

Diese einfachen Menschen haben verstanden, worum es geht. Es muss einen Ort geben, der nicht für diesen oder jenen Zweck da ist, sondern der einfach herausgenommen wird aus aller menschlichen Geschäftigkeit und Berechnung. Es muss ein Haus geben, das allein Gott gehört ist und der Begegnung mit ihm, ein Haus, an dem ihm allein die Ehre gegeben wird, ungeteilt und ohne Hintergedanken. Ein solches Haus ist die Kirche. Wir sollten dankbar sein, wenn wir eine solche Kirche noch in unserer Nähe haben. Es gibt bereits Regionen in Europa, da beginnt man, Kirchen zu verkaufen - weil die Gläubigen fehlen, die die Kirche mit ihrem Gebet erfüllen. Wenn wir unsere Kirchen, die wir haben, neu beleben mit Gebet, Gottesdienst und Anbetung, dann sorgen wir dafür, dass die Kirchen das bleiben, was sie sind: Orte, an dem sich Himmel und Erde berühren.

Doch wie kann man das hier Gesagte noch genauer aus der Bibel begründen? Was sagt die Heilige Schrift des Alten und Neuen Bundes zum Thema "heilige Orte - heilige Räume"? Da gibt es für den, der genauer hinschaut, ein paar überraschende Entdeckungen! Darüber wird ein nächster Artikel berichten.

Linie
© redaktion@turibulum.de
Linie

« zurück