Jesus ja - Kirche nein?

Man kann nicht nur mit der Bibel glauben

Von Pastor Manfred Stücker

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Auf der Ostseeinsel Gotland, die zu Schweden gehört, haben die katholischen Christen einen Anteil an der gesamten Bevölkerung von gerade einmal einem halben Prozent: eine kleine Minderheit also. Ihre kleine Kirche befindet sich im Zentrum der Hauptstadt Visby. Wenn man in sie eintritt, fällt einem als erstes auf, dass der Raum halb unterirdisch ist. Der untere Teil der Außenmauern besteht aus alten Quadern, die von einem früheren Bau stammen müssen. Das kam so: Als der Plan für eine Kirche fertig war und man mit dem Aushub für die Fundamente begann, fanden sich noch Reste von alten Mauern in der Erde. Sie waren von einer Kapelle übriggeblieben, die damals bestanden haben muss. Die Lage und die Größe der alten Mauern stimmte genau mit dem neuen Plan der neuen Kirche überein. So konnte man auf dem alten Fundament den Neubau errichten.
Überall im Leben ist es so, dass wir nicht erst am Nullpunkt anfangen müssen, sondern auf einem Fundament aufbauen können. Wir brauchen die Schrift und die Worte nicht neu zu erfinden. Wir übernehmen zum Beispiel die Musik oder die Dichtung von unseren Vorfahren. Ob wir damit sofort etwas anfangen können, ist etwas anderes. Aber wir haben uns damit auseinanderzusetzen. Wenn es Werte sind, auf die man aufbauen kann, ist es klug, sie nicht zu vergessen. Warum dieser Vergleich? Nun - die Kirche ist im doppelten Sinn ein "Gebäude". Einmal so, wie wir sie kennen, ein Bauwerk für den Gottesdienst. Und sie ist auch so etwas wie der "Aufbewahrungsort" für alles das, was mit Jesus Christus zu tun hat. Die Kirche ist kein Selbstzweck. Sie ist ein Dreifaches: Gedächtnis - Gemeinschaft - Geheimnis. Warum kann man das so sagen?
Das erste ist: Ohne die Kirche wüssten wir nicht, was wir an Jesus haben. Wir wüssten wohl nicht einmal, dass er überhaupt gelebt hat. Von Jesus wissen wir, was Zeugen uns überliefert haben. Diesen Zeugen glauben wir, weil sie glaubwürdig sind: Sie haben das, was sie sagten, mit dem Zeugnis ihres Lebens bekräftigt. Diese Zeugen sind "Kirche". "Kirche = Ekklesia" kommt von "herausrufen": Jesus ruft Menschen, die ihn vor den anderen Menschen bezeugen. Ohne Zeugnis kein Wissen von Jesus. Ohne Zeugnis kein Glaube an ihn. Jesus könnte, wenn er wollte, ein großes Wunder wirken: Alle Menschen wüssten, wer er ist; sie würden empfangen, was er gesagt hat, und sie würden tun, was er will. Dieses Wunder könnte Jesus auf der Stelle wirken. Daran glaube ich fest. Aber ich erfahre, dass er es nicht tut. Er legt seine Wirksamkeit in die Hände schwacher Menschen. Er hat es damals getan, als er die Apostel berief und sie in die Dörfer schickte, und er tut es auch heute, wenn er Menschen in Dienst nimmt, die auch ihre Fehler haben.
Das Buch, das die verschiedenen Konfessionen als das maßgebliche Zeugnis über Jesus Christus anerkennen, ist die Bibel. Würde nicht dieses Buch allein genügen, um an Jesus glauben zu können? Diese Frage geht an den Fakten vorbei. Die Bibel ist nicht vom Himmel gefallen. Nicht sie war zuerst da, sondern die Kirche. Als die Apostel am Pfingsttag in Jerusalem auf die Straße gingen und anfingen zu predigen, gab es bereits die Kirche, aber noch keine Bibel (bzw. Neues Testament). Gott hat sein Wort der Kirche anvertraut. Wie ein Licht soll die Kirche diese Botschaft zu allen Menschen bringen und zugleich darauf achten, dass die Botschaft nicht verfälscht oder entstellt wird.
Reizwort Kirche: Nicht jeder macht mit der Kirche die besten Erfahrungen. Was kann man da alles hören: Klagen über eintönige Gottesdienste mit nichtssagenden Predigten, über Pfarrer, die scheinbar lieber etwas bauen als Zeit haben für die Gemeinde. Gremien, in denen viel geredet und wenig bewegt wird... Standardvorwürfe: Die Kirche (besser müsste man sagen: manche ihrer Vertreter) habe immer wieder versagt - zumindest nach einem weit verbreiteten Urteil, das vom bequemen Sessel aus gefällt wird ... - Ob man es sich da nicht etwas zu einfach macht? Wer den Slogan "Jesus ja - Kirche nein!" wenigstens ernst nähme, schaute er erst einmal genau hin, wie es denn bei Jesus selbst war.
Wer zu Jesus Ja sagen will, muss auch Ja sagen zu seiner Kirche. Jesus hat die Kirche gewollt; er hat Jünger um sich gesammelt. Es war ganz und gar nicht die perfekte Gemeinschaft, mit der Jesus da zu tun hatte. Einige Jünger waren anscheinend ganz von dem Gedanken erfüllt, sie würden demnächst eine besondere Machtposition besetzen (Mk 10,37). Was mag es wohl für Jesus bedeutet haben, mit einem Judas zusammenzusein, der ihn schließlich verraten sollte und von dem man wusste, dass er das Geld veruntreute (Joh 12,6)! Das können wir nur ahnen. Und im entscheidenden Moment, als Jesus verhaftet wird, laufen seine Jünger alle weg (Mk 14,50). Jesu Jünger - alles Versager? Was sich unter den Jüngern abgespielt hat, sollte sich noch viele Male in der Geschichte der Kirche wiederholen - leider! Dennoch verspricht Jesus: "Ich bin bei euch alle Tage bis zum Ende der Welt" (Mt 28,20). Jesus gab den Aposteln viel Zeit zu begreifen, welche Aufgabe sie für ihn zu erfüllen hatten. Er ließ es zu, dass sie zweifelten, Angst hatten, von Misserfolgen heimgesucht wurden und sich sogar zeitweilig voneinander trennten (Apg 15,39). Von Anfang an blieb der Kirche nichts an menschlichen Fehlschlägen erspart, aber das führte letztlich immer dazu, dass der Glaube fester wurde (z.B. Apg 5,1-11).
Wollte die Kirche nur Menschen in ihrer Mitte dulden, die frei sind von Fehlern und Schwächen, wäre sie eine Sekte. Und wenn jeder nur für sich allein an Jesus glauben wollte, hätte Jesus nicht ein Mensch zu werden brauchen. Es hätte genügt, bestimmte Ideen und gute menschliche Haltungen (zu anderen gut sein, auf Gottes Güte vertrauen...) in die Praxis umzusetzen. Jesus wollte aber mehr. Er ist ein Mensch geworden und war ein Mitglied menschlicher Gemeinschaften: einer Familie, eines Volkes. Gleichzeitig lebte er "alternativ": Er wollte eine neue Familie (Mk 3,33-35) und ein neues Volk (Mt 28,19; Apg 2,5-12) begründen. Und schon sehr bald wusste man, dass die Gemeinschaft der Kirche organisch verbunden ist wie ein Leib. Dieser hat viele Glieder, und an ihm ist Christus das Haupt (1 Kor 12,12-27; Eph 2,15-16; Kol 1,18). In der Kirche wird es immer sehr menschlich zugehen. Noch im Abendmahlssaal kam es unter den Jüngern zu einem sinnlosen Streit (Lk 22,24) - gerade hatte Jesus noch die Eucharistie eingesetzt und seinen nahe bevorstehenden Tod angekündigt. Das ganze Werk wäre von Anfang an zum Scheitern verurteilt gewesen, wäre nicht der Heilige Geist Garant für die Echtheit. Der Pharisäer Gamaliel hat Recht mit seinen Worten: "Wenn dieses Vorhaben oder dieses Werk von Menschen stammt, wird es zerstört werden; stammt es aber von Gott, könnt ihr es nicht vernichten" (Apg 5,38-39).
Über die Kirche sollte man eigentlich nicht allzuviel reden. Die Kirche muss man erleben, feiern, bekennen und mittragen. Wer einmal bei einem Weltjugendtag mit dem Papst dabei war oder Lourdes gesehen hat, der weiß, wie das gemeint ist. Wer nur nörgelt, der hat nichts begriffen. Wer sich mit der Kirche auf den Weg macht, der hat alles begriffen.

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