turibulum-Interview
mit dem Grabtuch-Experten Oswald Scheuermann
Viermal schon wurde in diesem Jahr in den öffentlich-rechtlichen Anstalten des deutschen Fernsehens ein Beitrag ausgestrahlt, in dem das Turiner Grabtuch als Fälschung des Kunst-Genies Leonardo da Vinci "enttarnt" wurde. Unser Redakteur Bernhard Müller befragte zu dieser angeblichen Auflösung des Geheimnisses um die größte Reliquie der Christenheit den Grabtuch-Experten Oswald Scheuermann, Mitglied der Association of Scientists and Scholars International for the Shroud of Turin.
turibulum: Was sagen Sie zu der Theorie, das Turiner Grabtuch sei nicht mehr als ein Fälschungsfoto des italienischen Malers Leonardo da Vinci, der auch das Bildnis der Mona Lisa schuf?
Oswald Scheuermann: Die in einem mehrfach ausgestrahlten Fernsehfilm aufgestellte These lautet, das Tuchbild, das den Leichnam Jesu zeigt, habe da Vinci, der ja auch ein genialer Naturforscher war, per Camera obscura entstehen lassen. Er habe eine stehende Figur per Linse und Lochblende auf chemisch empfindlich präpariertes Leinen mit Hilfe von Direktsonnenlicht projiziert und als Negativbild gespeichert. Doch diese Theorie kann nicht stimmen, auch wenn in dem Film an einer Versuchsperson aus unserer Zeit ein ähnliches experimentell erzeugtes Foto gezeigt wird.
turibulum: Warum kann die Theorie nicht stimmen?
Oswald Scheuermann: Die Sonne strahlt vom Himmel zur Erde herab und bildet darum bei erhabenen Körperteilen der menschlichen Versuchsperson Unterschattungen - keine Oberschatten - ab, sodass auf dem Turiner Grabtuch beispielsweise die Nase auch einen typischen Unterschatten hätte hinterlassen müssen, wäre die Bildübertragung auf diese Weise geschehen.
Jedenfalls sprechen die Positionen der Hell-Dunkel-Bereiche am Turiner Tuchbild gegen ein derartiges Belichtungsverfahren. Aber es gibt noch viele weitere Gründe, warum die Theorie nicht stimmen kann. Allein schon das Fehlen solch spezifischer beleuchtungsbedingter Merkmale ist jedoch ein eindeutiger Beweis: damals war keine sonnenbeleuchtete Figur dem Tuchleinen aufgestrahlt worden.
turibulum: Nennen Sie uns einen weiteren Grund, warum Leonardo da Vinci nicht das Grabtuch gemacht haben kann.
Oswald Scheuermann: Ich will Ihnen ein historisches Indiz aufzeigen. Schon unter dem byzantinischen Herrscher Justinian II. im 7. Jahrhundert (genau
692 nach Christus) wurde kurzzeitig eine Jesus-Antlitz-Münze mit Details geprägt. Auf dieser Münze finden sich Merkmale, die als einmalige gewebebedingte Fehler bzw. als einmalige Abbildungsbesonderheiten auf dem Grabtuch vorhanden sind. Das Christus-Anlitz auf dieser Münze stimmt in Eigenform, Lage und Kombination mit dem Antlitzbild des Turiner Grabtuchs überein, sodass man davon ausgehen muss, dass das Grabtuch als Vorlage für die Münze diente. Daraus folgt, dass das Grabtuch schon im 7. Jahrhundert existiert haben muss. Somit scheidet Leonardo da Vinci, der erst 1452 bis
1519 lebte, als Fälscher für das Turiner Christus-Linnen aus.
turibulum: Aber man könnte die Sache auch umkehren und sagen, da Vinci wählte die Münze als Vorlage für seine Fälschung.
Oswald Scheuermann: Es wäre absurd, anzunehmen, dass der große Künstler da Vinci 800 Jahre später jenes seltene Münzbild mit seinen eigenartigen Besonderheiten als Vorlage für die Großfotografie einer Figur auf Leinen benutzt hätte. Früher war es üblich, nach einem Vorbild (siehe auch Ikonenmalerei) eine Münze zu prägen. Den Sachverhalt nochmal präzisiert:
Besonderheiten und verunstaltende Fehler etwa durch Gewebestruktur in einem Christusantlitz auf einer Münze organisiert summiert darzustellen, macht überhaupt keinen Sinn, wenn eine Vorlage als Anlass dazu fehlt. Und das Turiner Grabtuch war so eine Vorlage.
turibulum: Ist das der einzige historische Hinweis?
Oswald Scheuermann: Nein. Mittlerweile sind auf dem Turiner Grabtuch beispielsweise Pollen und mehrere Abbilder echter, frischer und teils angewelkter Pflanzen, die vor 2000 Jahren in der Gegend von Jerusalem wuchsen und die nur im Frühjahr blühen, entdeckt worden. Aufgrund dieser gefundenen Pflanzenteile hätte Leonardo da Vinci "sein" Tuchbild in der Gegend Jerusalems auf Leinen fotografieren oder Frischpflanzen in Blumentöpfen nach Italien schaffen müssen. Schnellreisen per Motorschiff gab es ja noch nicht.
turibulum: Gibt es noch weitere Besonderheiten, die gegen die Leonardo da Vinci-These sprechen?
Oswald Scheuermann: Auf dem Turiner Grabtuch befinden sich in der rückwärtigen Hüftgegend des Menschenabbildes drei mal zwei abstandsgleiche Stichverletzungen, die erst kürzlich von dem Theologen und Aramaisten Dr. Günther Schwarz entdeckt worden sind und von ihm folgerichtig gedeutet werden konnten. Die Visionärinnen Katharina Emmerich und Therese Neumann sahen in ihren Zeitrückschauungen Jesu Abführung mit einem Hüftfesselgürtel, der innen Eisendornen besaß, um den Delinquenten auf seinem Verhaftungsweg zahm zu halten. Aus dem biblischen Bericht und dem Grabtuchbefund hat Dr. Schwarz nun schließen können, dass ein solcher Abführungsgürtel mit zwei Eisendornen auf der Innenseite für die Rückenregion dreimal neu angelegt worden ist, so dass als Folge auch dreimal zwei gleichweite Stichwunden (teils mit Serumhof) an Jesu unterem Rücken entstanden sind. Ihre Abdrücke trägt das Turiner Grabtuch! Das ist eine Neuentdeckung! Hatte Leonardo da Vinci zu seiner Zeit dieselbe genaue Kenntnis von einem Fesselgürtel visionsgleicher Beschaffenheit, der in der Bibel gar nicht eigens genannt und beschrieben ist? Woher sollte da Vinci das Motiv für eine solche Abbildung haben? Man könnte zahlreiche weitere Indizien für die Tuchechtheit nennen, die schon tausendfach publiziert wurden und zumindest in der Fachwelt allgemein bekannt und unbestritten sind.
turibulum: Welche Absicht steht Ihrer Auffassung nach dahinter, wenn solche Indizien in dem Film allesamt ignoriert werden?
Oswald Scheuermann: Das frage ich mich auch. Der Kirche jedenfalls würde man bei solch einer unwissenschaftlichen Vorgehensweise böswillige Täuschungsabsicht unterstellen. Aber die Gegner des Grabtuchs manipulieren offenbar gezielt, um durch die dadurch gestiftete Verwirrung die Wahrheit zu zerstören oder zumindest zu relativieren.
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