Im letzten Beitrag über den Glauben konnten wir feststellen, dass Glauben auch zu tun haben kann mit Bananen und mit Spinat. Ich glaube, dass der Spinat gut für mich ist, einfach weil meine Mutter mir das überzeugend klar gemacht hat. Beim Glauben kommt es eben nicht nur darauf an, was ich glaube. Sondern auch, wem ich glaube. Denn Glaube hat viel mit Vertrauen zu tun. Ich muss wissen, ob der, dem ich etwas anvertraue, auch wirklich mein Vertrauen verdient. Denn es geht da nicht selten um wichtige Dinge. Wenn mir zum Beispiel der Automechaniker versichert: Jetzt, nach der Reparatur, läuft Ihr Auto wieder sicher, dann hängt von meinem Vertrauen in diesen Mechaniker viel ab, unter Umständen sogar mein Leben! Denn wenn die Bremsen versagen oder etwas anderes, bringe ich mich und andere in erhebliche Gefahr!
Schon dieses kleine Beispiel zeigt, wie viel in unserem Leben von Glauben und Vertrauen abhängt. Und wenn wir nun einen Schritt weitergehen, und unter "Glauben" nicht nur das Vertrauen fassen, ob dieses oder jenes auch wirklich funktioniert, oder ob dieses oder jenes Essen gut für mich ist, sondern wenn wir unter "Glauben" noch etwas mehr verstehen, etwas Existenzielles, etwas, das wirklich mein Leben betrifft, dann haben wir das, was Glauben in einem tieferen Sinne meint.
Im Münsterschen Anhang des Gotteslobes steht ein Lied, das eigentlich für Tauffeiern sehr geeignet ist, das ich aber zuweilen kaum zu singen wage. Da heißt es: "Fest soll mein Taufbund immer stehn, ich will die Kirche hören. Sie soll mich allzeit gläubig sehn und allzeit ihren Lehren" (GL 955, Anhang Bistum Münster). Es fällt mir deswegen oft schwer zu singen, weil diejenigen, die mitsingen sollten, durch ihr Leben und ihre Geschichte längst zeigen, dass sie genau das nicht glauben: dass der Glaube, ihr persönlicher Glaube, durch die Kirche vorgelegt wird, dass die Lehren der Kirche unseren Glauben bestimmen, dass die Kirche diejenige Institution sein soll, die darüber zu befinden hat, was wir glauben und was wir nicht glauben sollen. Für viele Menschen ist das eine ungeheure Anmaßung, und sie wenden sich darum auch von der Kirche ab - innerlich oder auch äußerlich. Sie wollen selbst entscheiden können, wann sie das Angebot der Kirche annehmen und wann nicht.
Das ist sicher eine Situation, die sehr ernst zu nehmen ist. Doch ist diese Situation nicht neu. Schon vor über 150 Jahren hat ein dänischer Philosoph darüber nachgedacht, Sören Kierkegaard. Er erzählt ein Beispiel, das bestürzend aktuell ist (entnommen aus Joseph Ratzinger, Einführung in das Christentum):
Da ist ein kleines Dorf, umgeben von Kornfeldern im Sommer. In der Nähe ist ein Zirkus, der seine Zelte aufgeschlagen hat. Plötzlich, kurz vor Beginn einer Vorstellung, fängt es in diesem Zirkus an zu brennen. Der Direktor will Hilfe holen und schickt einen Clown ins benachbarte Dorf. Der soll zugleich auch die Leute warnen, denn das Feuer droht sich weiter auszubreiten und über die Kornfelder auch das Dorf zu erreichen. Doch die Leute im Dorf, wie sie den Clown sehen, der sich schon fertig geschmückt hat, und wie er vor ihnen schreit und gestikuliert, die Leute amüsieren sich köstlich. Sie hören wohl, was er sagt, aber halten das fatalerweise für einen Teil der Werbung für den Zirkus. Sie lachen, sie applaudieren. Der Clown ist natürlich verzweifelt, er wiederholt seine Warnung, er beschwört sie, er versichert, es sei bitterer Ernst, aber vergebens. Sein Flehen steigert nur das Gelächter der Leute - bis es tatsächlich zu spät ist und das Feuer auf die Felder und die Häuser übergegriffen hat.
Es ist leicht herauszufinden, worauf dieses Gleichnis anspielt. Das Dorf, das ist die Welt, der Alltag, die Menschen in ihrer Geschäftigkeit und ihren Sorgen und Freuden. Der Clown, das ist der Vertreter der Kirche. Er kommt in seltsamer Verkleidung daher, die man nicht ganz ernst nehmen kann. Und dann fängt er an zu reden, er mahnt und fleht, er versucht es immer wieder, aber keiner nimmt ihn für voll. Und so nimmt das Unheil seinen Lauf. -
Ist das ein pessimistisches Bild? Manche mögen denken, das sei doch alles ein wenig übertrieben. Aber denken wir nur ein, zwei Jahre zurück: da war ein Mann in Rom, der warnte den Westen eindringlich vor einem Krieg im Irak. Der sagte immer wieder: Krieg kann nie Mittel zu einem guten Ziel sein. Er wird in diesem Fall noch mehr Unheil stiften und Hass und Zerstörung hervorbringen.
Inzwischen hat die Geschichte dem Papst wieder einmal Recht gegeben. Ich wünschte, es wäre anders gekommen. Aber es gab viele, die wollten ihn einfach nicht hören. So, wie auch viele ihn zu anderen Themen nicht hören wollen. Er ist für manche wie dieser Clown im Gleichnis. Der spielt seine Rolle exzellent, aber das war's dann auch. Bis dann doch die Worte des Clowns Wirklichkeit werden.
Was kann uns dieses Beispiel zeigen? Die Kirche kommt manchmal in seltsamer Verkleidung daher: Gebräuche, Lieder, Gebärden, Sprache - manches davon scheint uns fremd, überholt, überflüssig. Doch das, was die Kirche verkündet, ist Wahrheit. Es ist wert, geglaubt zu werden. Wer glaubt, glaubt mit der Kirche und als Kirche. Christus verspricht seinen Jüngern den Geist, der sie alles lehren und sie an alles erinnern wird. Dieser Geist wirkt nicht im luftleeren Raum; er wirkt im Gewand der Kirche. Auch wenn das anstößig klingt - aber das war und ist immer der Anspruch der Kirche gewesen, durch all die Jahrhunderte hindurch: dass in ihr der Geist Gottes lebendig ist und dass er sie vor dem Irrtum bewahrt. -
Die Kirche tut etwas unendlich Wichtiges: sie bewahrt uns Menschen vor dem Vergessen. Wenn wir fragen, warum der Glaube so sehr schwindet und warum wir uns darüber hinaus so schwer tun mit der Bewältigung mancher Probleme in der Kirche und auch in der Gesellschaft: es hat damit zu tun, dass wir vergesslich geworden sind. Wir vergessen, wer Gott für uns ist und was er für uns getan hat, und darum leeren sich die Kirchen.
Wir vergessen, woher wir kommen, was unsere Wurzeln sind, und haben darum Angst vor der Gegenwart und noch mehr vor der Zukunft. Die Zukunft ist keine Verheißung mehr, keine Möglichkeit, sich zu bewähren und Probleme zu lösen, sondern nur noch eine Bedrohung, vor der wir uns schützen müssten. So sehr, dass wir sogar unseren Nachkommen verweigern, die Zukunft zu erleben, indem wir sie abtreiben. Die Abtreibung ist wohl das deutlichste Zeichen dafür, dass nach dem Ende des Glaubens an Gott auch unweigerlich das Ende des Glaubens an den Menschen gekommen ist. Das kleine Kind, das in unsere Welt kommt, ist nicht mehr Zeichen der Hoffnung, sondern Rivale, der mir im Weg steht.
Wer seinen Glauben wirklich ernst nimmt und ihn leben will, gibt Antwort auf den Ruf Gottes. Eine entscheidend wichtige Antwort des Glaubens ist die Teilnahme an der sonntäglichen Messfeier. Die heilige Messe ist das Fest des Glaubens. Deswegen, weil sie Erinnerung ist und uns vor dem Vergessen bewahrt. Wer sich erinnert, weiß, woher er kommt und wohin er unterwegs ist. Wer sich erinnert, überwindet die Schwerkraft des Vergessens. Darum ist das Gedächtnis des Herrn, die heilige Messe, das Herzstück des gelebten Glaubens. Und sie ist gebeteter Glaube. Darum ist die Messfeier auch der beste Dienst am Glauben.
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