Wo Gerechtigkeit anfängt

Tugenden helfen, die Wahrheit zu finden

Von Pastor Manfred Stücker

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Ein Wort kommt in den Schlagzeilen der Nachrichten und auch in den kirchlichen Meldungen immer wieder vor: das Wort "Gerechtigkeit". Es lohnt sich, der Bedeutung dieses Wortes auf den Grund zu gehen. Auch deswegen, weil dieses Wort in der kommenden Zeit in der Kirche häufig vorkommen wird: denn nachdem wir mit dem Ersten Advent ein neues Kirchenjahr begonnen haben, fängt auch ein neues Lesejahr an. Diesmal steht das Matthäusevangelium im Mittelpunkt der Verkündigung. An den meisten Sonn- und Feiertagen in diesem Kirchenjahr hören wir Abschnitte aus dem ersten Evangelium. Und da zeigt ein Blick in die Konkordanz, dass "gerecht" und "Gerechtigkeit" Schlüsselbegriffe im Zeugnis des Evangelisten Matthäus sind. Aber was hat das mit der aktuellen Diskussion zu tun? Ich glaube, ziemlich viel.
Befragen wir aber nicht zuerst eine Zeitung oder das Fernsehen, sondern überlegen wir erst einmal, in welchem Zusammenhang "Gerechtigkeit" in unserem Sprachgebrauch und in der Tradition überhaupt steht. Da machen wir eine interessante Entdeckung. Die Gerechtigkeit gilt als eine Tugend, als eine sehr wichtige sogar. Und damit beginnen gleich die Schwierigkeiten. Das Wort "Tugend" hat in den letzten Jahren eine fast völlige Entwertung erfahren. Der "tugendhafte Mensch" ist eine Witzfigur, über die man sich lustig macht. Um sich in der Welt, wie sie nun einmal ist, behaupten zu können, muss man vieles sein, aber bestimmt nicht tugendhaft - so die gängige Anschauung. Doch wer sich mit den Tugenden beschäftigt, wie sie im klassischen Sinne verstanden werden, der wird eine andere Erfahrung machen. Der wird entdecken, wie sehr die Tugenden einen dahin bringen, die Blendwerke gängiger Meinungen zu durchschauen und in der Wahrheit zu leben. Die Wahrheit ist nicht immer eindeutig und offenkundig zu erkennen. Oft gelingt es der Lüge, im Gewand der Wahrheit zu erscheinen und die Menschen, sogar die Gutwilligen, zu täuschen und ins Unglück zu stürzen.
An dieser Stelle sind die Tugenden gefragt. Sie helfen dem Menschen, der Wahrheit gemäß zu leben und durch ein Leben in der Wahrheit das Heil zu finden. Und bei alldem geht es nicht nur um das eigene, private Heil und Glück, sondern vor allem auch um das Verhältnis zum Nächsten - und um das Verhältnis zu Gott. Das wird ganz besonders deutlich bei der Tugend der Gerechtigkeit. Sie ist die zweite der vier Kardinaltugenden, und man hat die Gerechtigkeit den Gipfel der Grundtugenden genannt. - Warum das so ist? Werfen wir zuerst einen Blick in die Bibel:
Fast 700 mal kommt das Wort "gerecht" und seine Ableitungen in der Bibel vor. Schon das zeigt, dass mit diesem Wort etwas Zentrales und Wesentliches gemeint ist. Und auch in unserem alltäglichen Sprachgebrauch, etwa wenn die doppelte Wendung "Recht und Gerechtigkeit" genannt wird, ist noch etwas zu spüren von der Wichtigkeit dieser Tugend.
Zwischen unserem alltäglichen Sprachgebrauch und dem der Bibel gibt es jedoch einen bedeutsamen Unterschied. In der Bibel geht es zuerst um die Gerechtigkeit Gottes. Die Gerechtigkeit ist gleichsam eine Eigenschaft, die Gott und nur ihm allein in vollkommener Weise zukommt. Gott ist gerecht, weil er sich seinem Volk offenbart, mit ihm einen Bund schließt und weil er treu ist. Die Menschen verletzen seine Gerechtigkeit, indem sie vom Bund abfallen und fremden Göttern nachlaufen. Das zieht als Folge der Gerechtigkeit Gottes seinen Zorn und sein Gericht nach sich.
In Yad Vashem, der jüdischen Stätte zur Erinnerung an den Holocaust, gibt es auch die Gedenkstätten für die, wie sie genannt werden, "Gerechten unter den Völkern". Das sind die, die sich für Menschlichkeit in unmenschlicher Zeit, für Hilfe an den Verfolgten und unterdrückten Juden eingesetzt haben. Vor kurzem wurde noch der 1987 verstorbene Kölner Kardinal Joseph Höffner auf diese Weise postum geehrt. Diese Ehrenbezeichnung atmet ganz biblischen Geist. Ein Gerechter ist der, der mit dem Treiben der Übeltäter, der Verbrecher und Gottlosen nichts zu schaffen hat. Er lebt im Unterschied zu diesen Menschen in Gottes Wohlgefallen (vgl. Gen 6,9; 7,1); Gott wird ihn in Zeiten der Not erhören und ihn retten.
Was sagt Jesus zur Gerechtigkeit? Nur soviel, dass wir sagen können: Gottes Gerechtigkeit und sein Handeln stellen unsere Vorstellung von Gerechtigkeit zuweilen gehörig auf den Kopf! Das beste Beispiel dafür ist das Gleichnis von den Arbeitern im Weinberg (Mt 20, 1-16). Da geht mehrmals am Tag der Besitzer des Weinbergs auf den Marktplatz, um zu sehen, wer da noch herumsteht und Arbeit sucht, und holt sich Arbeiter für die Ernte. Doch am Ende des Tages erhalten alle den gleichen Lohn: diejenigen, die nur eine Stunde im Weinberg waren, bekommen ebenso den einen Denar wie die anderen, die länger, bis zu zwölf Stunden lang, gearbeitet haben. - Was uns in höchstem Maße ungerecht erscheint, ist in den Augen Jesu offenbar richtig. Jesus hat nicht die unterschiedliche Leistung im Blick. Ihm geht es zunächst darum, dass der Besitzer hält, was er versprochen hat: alle bekommen den vollen Lohn, einen Denar. Dann aber geht es noch um etwas Tieferes: Diejenigen, die sich nur eine einzige Stunde abmühen mussten, sind gerade nicht die Glücklichen, weil sie für wenig Arbeit viel Lohn bekämen. Die anderen, die länger, den ganzen Tag, gearbeitet haben, sollten sich glücklich schätzen, denn sie haben ja bekommen, was sie sich sehnlichst gewünscht haben: sie durften mitarbeiten im Weinberg Gottes. Und auch wenn diese Arbeit eine Mühsal war und in der Hitze des Mittags verrichtet werden musste, sie war doch vor allem eine Ehre und eine Freude für die, die diese Arbeit tun durften. - So erschließt sich die Gerechtigkeit, die Gott schenkt, nicht zuerst aus Äußerlichkeiten. Gerecht ist erst der Mensch, der die rechte Beziehung zu Gott sucht und daraus sein Leben gestaltet. Oder, um es mit dem unvergleichlichen Wort Jesu zu sagen, als er nach der Steuer für den Kaiser gefragt wird: "So gebt dem Kaiser, was des Kaisers ist, und Gott, was Gottes ist" (Mt 22,21).
Eine der schönsten Stellen über die Gerechtigkeit ist der erste Psalm. Dort heißt es: Wohl dem Mann, der nicht dem Rat der Frevler folgt, nicht auf dem Weg der Sünder geht, nicht im Kreis der Spötter sitzt, sondern Freude hat an der Weisung des Herrn, über seine Weisung nachsinnt bei Tag und bei Nacht. Er ist wie ein Baum, der an Wasserbächen gepflanzt ist, der zur rechten Zeit seine Frucht bringt und dessen Blätter nicht welken. Alles, was er tut, wird ihm gut gelingen. Nicht so die Frevler: Sie sind wie Spreu, die der Wind verweht. Darum werden die Frevler im Gericht nicht bestehen noch die Sünder in der Gemeinde der Gerechten. Denn der Herr kennt den Weg der Gerechten, der Weg der Frevler aber führt in den Abgrund.

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