Die geheimen Brüder

Das Geheimnis der Freimaurer

Von Pastor Manfred Stücker

Linie

Jeder Junge weiß, was eine Bande ist. Wer ist nicht schon einmal, wenigstens für eine Zeitlang, Mitglied einer solchen Gemeinschaft gewesen? Eine richtige Bande hat etliche Dinge, die typisch sind: zum Beispiel Aufnahmebedingungen (etwa eine Mutprobe), geheime Signale und Zeichen, mit denen man sich untereinander verständigen kann (ohne dass andere wissen, worum es geht), regelmäßige Treffen an bestimmten Orten, Treueschwüre. Wer etwas aus der Bande verrät, was andere nicht wissen sollen, muss bestraft werden. So will es der Ehrenkodex, den sich die Bande gegeben hat.
Stellen wir uns nun einmal vor, eine solche Gemeinschaft besteht nicht aus Kindern oder Jugendlichen, sondern allein aus Erwachsenen, und zwar aus erwachsenen Männern. Dieser Vergleich vereinfacht. In Wirklichkeit sind die Freimaurer mehr als nur ein Verein mit internen Regeln und Gebräuchen, die manchmal seltsam anmuten. Die Freimaurerei tritt mit hohen Ansprüchen auf. Der "Kodex der Freimaurer" sagt es so: "Die Freimaurerei vereinigt Männer, die in bruderschaftlichen Formen und durch ehrwürdige, rituelle Handlungen geistige Vertiefung und sittliche Veredelung erstreben." Sind also die Freimaurer so etwas wie ein Gentleman-Club? Und was ist damit gemeint, wenn die Rede von "ehrwürdigen, rituellen Handlungen" ist? Und warum nennen sie sich "Freimaurer"?
Die Freimaurerei, wie sie heute eine Rolle spielt, beginnt mit dem 24. Juni 1717. Damals schlossen sich vier Londoner Bauhütten (lodges) zu einer "Großloge" zusammen. 1738 wurde die erste Loge in Deutschland begründet, die "Loge de Hamburg". Wie rasch die Freimaurerei zu einer auch politisch wichtigen Kraft wurde, kann man allein aus einer Tatsache erkennen: Von den 56 Unterzeichnern der amerikanischen Unabhängigkeitserklärung sind 50 Maurer-Brüder. Von vielen Staatsmännern weiß man, dass sie Freimaurer waren bzw. sind. Dazu zählen König Ludwig XV., Friedrich der Große und Kaiser Wilhelm I. Auch Goethe und Mozart gehörten dazu. In der Bundesrepublik hat mindestens jede größere Stadt ein Logenhaus.
Die katholische Kirche hat von Anfang an äußerst kritisch auf die Bestrebungen der Freimaurerei reagiert. 1738 veröffentlichte Papst Clemens XII. eine Erklärung, die sich mit den Ideen der Freimaurer auseinandersetzte. Die Konflikte zwischen Kirche und Freimaurerei ziehen sich wie ein roter Faden durch die letzten 250 Jahre. Dabei ist deutlich geworden, dass die Kirche die geistigen Voraussetzungen der Freimaurer nicht teilen kann. Am 12. Mai 1980 veröffentlichte die Deutsche Bischofskonferenz eine Erklärung, in der es heißt: "Die gleichzeitige Zugehörigkeit zur Kirche und zur Freimaurerei ist unvereinbar." Warum diese klare Abgrenzung, wo doch die Freimaurer Werte wie Glaubensfreiheit, Humanität und Toleranz so sehr betonen und auch Werke der Hilfsbereitschaft für leidende Menschen in Gang bringen?
Wie gesagt, entstand die Freimaurerei im Umfeld der Steinmetze und Dombauer, als die Zeit der großen Dombauten zu Ende ging. Nun gaben Adelige, Offiziere, Ärzte, Philosophen und auch protestantische Geistliche den Ton an. Das 18. Jahrhundert atmete den Geist der "Aufklärung": Die "Vernunft", der eigene Wille zum Guten, stand an vorderster Stelle. Das "Bauen" wurde in einem bildlichen Sinne verstanden: Es gilt, den neuen Tempel der Menschheit zu bauen, in dem Menschenliebe, Brüderlichkeit und Mildtätigkeit herrschen. Bei dieser Arbeit an sich selbst und an einer besseren Welt spielen Grade, Rituale und Symbole eine besondere Rolle. Es gibt eine dreistufige Grundlage, den "Lehrlings-", den "Gesellen-" und den "Meistergrad". Sehr bald entstanden dann so genannte "Hochgradsysteme". Der sehr verbreitete "Schottische Ritus" kennt 33 Grade. Diese Grade tragen so klingende Namen wie "Geheimer Meister" (4. Grad), "Ritter der Königlichen Axt oder Prinz vom Libanon" (22. Grad), "Kadosch-Ritter" (30. Grad) oder "Großrichter" (frz. Grand Inquisiteur) (31. Grad). Interessant und wichtig ist dies: Eine Öffnung der Freimaurerei zur Kirche hin forderten die Freimaurer selbst nur für die untersten drei Grade. Dagegen werden die oberen Grade, in denen sich die gesamte geistige Elite der Freimaurer befindet, in ein fast undurchdringliches Geheimnis gehüllt. Trotzdem sind Einzelheiten bekannt, die bestürzend genug sind!
Ein typischer Ritus zur Erteilung des Lehrlingsgrades läuft in etwa so ab: Nach dreimaligem Klopfzeichen an der Tür wird der Kandidat eingelassen. Er legt alle metallischen Gegenstände ab (als Zeichen seiner Armut). Er tritt vor die übrigen Freimaurer "weder nackt noch bekleidet", das heißt einfach: Eines der Hosenbeine ist bis über das Knie hochgekrempelt. Es folgt ein "feierliches Gebet", in Wirklichkeit ein Dialog zwischen zwei verantwortlichen Freimaurern über die Motive des Bewerbers. Dann legt der Kandidat ein Gelöbnis ab, wobei er sich auch der Schweigepflicht unterwirft. Ihm wird nun das "Licht" erteilt: Die Augenbinde, die er bisher getragen hat, wird entfernt. Der "Meister vom Stuhl" teilt sodann dem Neuaufgenommenen die Zeichen mit, mit denen sich die Freimaurer einander zu erkennen geben. Die Zeremonie endet mit einer Ansprache des "Meisters".
Dieser Ritus und andere Riten finden in genau vorherbestimmtem Rahmen statt und werden psychologisch geschickt inszeniert. Sie werden nicht etwa als Spiel oder Folklore angesehen, sondern mit letztem Ernst vollzogen. Darum mussten die deutschen Bischöfe in ihrer Erklärung feststellen, dass diese Ritualhandlungen "in Wort und Symbol einen sakramentsähnlichen Charakter" zeigten. Der Ritus der Freimaurer hat nicht vor, eine übernatürliche Wirklichkeit darzustellen. Denn die Freimaurer lehnen es strikt ab, sich auf ein religiöses Bekenntnis festzulegen. Vom Freimaurer wird verlangt, ein freier Mann zu sein, der "keine Unterwerfung unter Dogma und Leidenschaft kennt", was klarerweise einen deutlichen Abstand zur Kirche einschließt. Dass ein Mensch sich im Gewissen verpflichtet weiß, eine geoffenbarte Wahrheit - wie die Gottessohnschaft Christi, die Auferstehung der Toten - im Glauben anzunehmen, bedeutet also im System der Freimaurer, "unfrei" zu werden. Tatsächlich liegt hier die tiefere Ursache, dass Kirche und Freimaurerei sich miteinander nicht vereinbaren lassen. Während die Kirche sich über die Wahrheit freut, weil sie weiß, dass Gott selbst Garant der Wahrheit ist, ist im Freimaurertum der Mensch auf sich allein gestellt. Die Freimaurer würden nicht leugnen, dass es irgendwo eine Wahrheit gibt, aber sie leugnen, dass diese Wahrheit sich finden lässt. Die Freimaurerei lebt wesentlich von der Behauptung, dass alles, was vom Menschen erkannt werden kann, relativ sei. Die Frage ist allerdings, ob dieser prinzipielle Relativismus nicht wiederum selbst ein Dogma ist, dem nicht widersprochen werden darf. Jesus war offensichtlich nicht der Meinung, die Wahrheit könne nicht erkannt werden. Er sprach vielmehr von der Wahrheit, die "frei macht" (Joh 8,32). Der Name "Gott" wird in der Regel von den Freimaurern gerne durch den unbestimmten Begriff des "allmächtigen Baumeisters aller Welten" ersetzt. Hier könnte man noch eine Nähe zum Schöpfergott vermuten, an den Juden wie Christen gleichermaßen glauben. Ernsthafte Leute aber vermuten, dass die Freimaurer da, wo sie unter sich sind, die Wortwahl wechseln. Darauf weist der frühere Augsburger Bischof Josef Stimpfle hin. Er erwähnt die Untersuchungen eines englischen Forschers. Dieser fand heraus, dass in den Hochgraden plötzlich der Name JAH-BUL-ON auftaucht, worüber verständlicherweise kein Freimaurer etwas in der Öffentlichkeit zu sagen bereit ist. JAH steht für Jahwe, BUL für Baal (=verwerflicher Götzendienst), ON für Osiris (ein ägyptischer Göttername). Ein weiterer Hinweis für eine gewisse heidnische Verwurzelung des Freimaurertums findet sich in der Art und Weise, wie ein freimaurerischer Tempel eingerichtet ist. Seine Einrichtung ist genau dieselbe wie die der Mithrastempel in der Antike. Der Mithraskult war eine verbreitete Mysterienreligion mit Riten, die geheimzuhalten waren. - Andere freimaurerische Rituale verweisen auf das Schicksal des Templerordens im Mittelalter, der Opfer einer Verschwörung wurde. Im schon genannten Grad des "Ritters Kadosch" wird für den Tod des Templergroßmeisters Jacques de Molay Rache gefordert. Auch hier gibt es Anspielungen auf die Geisteswelt der Freimaurer. Die Freimaurerei bekennt sich im Wesentlichen zu humanitären Zielen. Darin kommt sie in eine Nähe zu dem, was auch die Kirche will. Aber gemeinsame Ziele, soweit sie bestehen, können nicht über die verschiedenen Grundlagen hinwegtäuschen. Der Freimaurer ist ein Mensch, der sich freimachen will von der Gnade Gottes. Er bemüht sich um seine eigene Vervollkommnung und Besserung - aber allein aus eigenen Kräften heraus. Wer Freimaurer ist, ist es auf Leben und Tod. Diesen totalen Anspruch auf die Mitglieder der Logen kann die Kirche nicht akzeptieren. Im Gegenteil, die Kirche muss danach streben, das Evangelium von Christus, der der Weg, die Wahrheit und das Leben ist, in alle Welt und in alle Zeiten hinauszutragen.

Linie
© redaktion@turibulum.de
Linie

« zurück