Einheit der Kirche in der Feier der Eucharistie

Jeden Sonntag Ostern feiern

Von Pastor Manfred Stücker

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Was war eigentlich der größte Fehler in der langen Geschichte der Kirche, die nun schon 2000 Jahre währt? Was zeigt deutlicher als alles andere, dass die Kirche aus Menschen besteht, die Fehler machen, die schwach sind, sich irren und viel zu wenig das leben, was sie eigentlich glauben?
Ja, was ist das? Ist das vielleicht der Hexenwahn, der ganze Landstriche erfasste und dem auch viele Kirchendiener verfielen - auch wenn man sagen muss, dass der Hexenglaube eine typische Zeitgeist-Erscheinung war und niemals Teil der kirchlichen Lehre gewesen ist? Oder war es vielleicht das Bündnis zwischen Thron und Altar, das über viele Jahrhunderte zwar den Besitzstand der Kirche in vielen Ländern sicherte, aber gleichzeitig auch der Grund war für Erstarrung, für Oberflächlichkeit und mangelnde Glaubwürdigkeit? Oder ist es vielleicht die Kirchenspaltung, die bis heute anhält und mit der wir uns niemals abfinden dürfen, weil Jesus doch gesagt hat: "Alle sollen eins sein ..." (Joh 17,21). - Jedes Jahr betet ja die Kirche in der Weltgebetsoktav um die Einheit der Christen im wahren Glauben und in der einen Kirche Jesu Christi.
Ja - alle diese Dinge und noch etliche mehr sind Wunden am Leib der Kirche und Falten und Runzeln in ihrem Gesicht. Aber eines ist da, das wie kaum ein anderes in der Geschichte der Kirche zeigt, wie schnell doch der Wille Christi verdunkelt und bis zur Unkenntlichkeit abgeschwächt werden kann. Und das ist die Tatsache, dass die Kirche den Gläubigen die Teilnahme an der sonntäglichen Eucharistie - wohl oder übel - zur Pflicht machen musste.
Der Sonntag - der Tag der Auferstehung Christi und jedesmal ein kleines Osterfest - und die heiligste Eucharistie, die Mitte der Stiftung Jesu an sein neues Bundesvolk - jeder, der zu Christus gehören möchte, hat ja als innerstes Bedürfnis den Wunsch, ihm da zu begegnen, wo Christus am intensivsten erlebt und gefeiert werden kann, wo wir das größte Geschenk empfangen, das Christus uns geben kann. Die Heiligen und Märtyrer der Kirche haben uns das vor Augen geführt, was sie sich das haben kosten lassen, die Heilige Messe feiern und mitfeiern zu können, und sei es um den höchsten Preis, um den Preis ihres Lebens. Und keine Entscheidung der Kirche ist ein größeres Eingeständnis ihrer Schwäche als die Entscheidung, die Mitfeier der Eucharistie, wenigstens am Sonntag, zur Pflicht zu machen.
Was eigentlich aus Glaube und Liebe ganz selbstverständlich sein müsste, was im Denken und Fühlen jedes Christen an oberster Stelle stehen müsste, das wird hier zu einem Kirchengebot, zu einem Paragrafen unter anderen. Obwohl doch die heilige Messe das Wertvollste ist, was die Kirche hat. Man kann es überspitzt sagen: Eine einzige heilige Messe, in einer schäbigen Hütte von einem menschlich gesprochen unwürdigen Priester mitten in Unrat und Elend gefeiert, ist unendlich mehr wert als alle Erscheinungen von Engeln und Heiligen zusammen.
Eine einzige Heilige Messe, gefeiert in einer armseligen Diasporakapelle mit billigem Altargerät und unter kitschigen Bildern, ist unendlich mehr wert als ein prächtig inszeniertes religiöses Fest mit zahllosen Prominenten und Wohltätern der Menschheit. Die heilige Messe ist eben mit menschlichen Dimensionen nicht zu fassen. Sie ist mehr. Sie ist Brücke zwischen Himmel und Erde, zwischen sichtbarer und unsichtbarer Kirche. Sie macht aus jedem Altar, und wenn er noch so primitiv aus Brettern oder Sperrholz zusammengebaut ist, einen Thron für den Herrscher der Welt, für den Retter aller Menschen.
Wahrscheinlich hatte die Kirche keine andere Wahl, als das Sonntagsgebot aufzustellen. Und sicher hat dieses Gebot auch seine gute Wirkung gehabt. Da, wo Lauheit und Gleichgültigkeit schnell um sich zu greifen drohen - und wo wäre das nicht der Fall! - kann ein solcher Gebot ein hilfreiches Korsett sein, das eine gute Sache abstützt und dazu beiträgt, dass nicht alles zusammenfällt.
Doch eigentlich müssten wir uns für ein solches Gebot schämen. Eigentlich müssten wir sagen: Wir brauchen ein solches Gebot nicht. Denn für den, der verstanden hat, um was es da geht - und verstehen heißt nicht nur mit dem Kopf begreifen, sondern mit dem ganzen Wesen ergreifen - ist ein solches Gebot widersinnig. Genauso widersinnig, als wenn man Liebenden vorschreiben wollte, wie oft sie sich gegenseitig anschauen und wie lange sie jede Woche miteinander zu sprechen hätten.
Ich bin sicher: solange wir schwache Menschen sind, haben wir aber ein solches Gebot, das Sonntagsgebot, nötig. Es ist eben wie eine Art Krücke, die uns hilft, dass wir auf unserem Glaubens- und Lebensweg nicht stehenbleiben, sondern weiterkommen. Jesus sagt im Abendmahlssaal: "Tut dies zu meinem Gedächtnis!" - Indem wir tun, was er sagt, und indem wir leben, was wir tun, indem wir uns versammeln zur Feier der heiligen Eucharistie, immer wieder, vor allem Sonntag für Sonntag, geben wir unseren Beitrag zur Einheit im Glauben: den besten Beitrag, der überhaupt möglich ist!

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