(Mai 1997)
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turibulum: Sie sind "Jugendbischof" der Deutschen Bischofskonferenz. Das klingt fast so wie "Seniorenbeauftragter bei VIVA". Wozu braucht die Kirche einen Jugendbischof?
Bischof Bode: Der "Jugendbischof" ist der Vorsitzende der Kommission Jugend der Deutschen Bischofskonferenz, die für alle Belange der Jugendpastoral zuständig ist. Es ist daher auch Ansprechpartner der Träger der Jugendpastoral und Jugendarbeit auf Bundesebene. Wenn es uns ernst ist mit unserer Funktion als Zukunftsträger von Gesellschaft und Kirche, dann ist es eine Selbstverständlichkeit, den Jugendlichen und ihren Organisationen auch einen bischöflichen Ansprechpartner zu benennen.
turibulum: Muß ein "Jugendbischof" auch mal die Mitra absetzen und dann Jeans und Turnschuhe anziehen? Oder würden Jugendliche es vielleicht eher als anbiedernd empfinden, wenn ein Bischof sich als "Kumpel" gibt?
Bischof Bode: Meine zahlreichen Gespräche mit Kindern und Jugendlichen haben mir gezeigt, daß gerade junge Menschen ein sehr feines Gespür für Anbiederungsversuche haben. Daher halte ich es für unsinnig, ihnen mit Jeans und Turnschuhen gegenüberzutreten. Wichtiger ist, ein offenes Ohr für die teilweise auch unbequemen Fragen junger Menschen zu haben und ihnen ehrliche Antworten zu geben beziehungsweise in den schwierigen Fragen gemeinsam um gültige Antworten zu ringen.
turibulum: Bisher sind Sie öfters mit ungewöhnlichen Aktionen aufgefallen: Vor kurzem haben Sie im Internet mit Jugendlichen einen "Online-Chat" geführt. Ist es schon so weit, daß die Kirche heute diese Wege gehen muß, um mit der Jugend ins Gespräch zu kommen?
Bischof Bode: Ich denke, daß die sogenannten "neuen Medien" und damit auch Formen wie ein "Online-Chat" eine wichtige Rolle im Alltagsleben junger Menschen spielen. Von daher finde ich es gut und wichtig, auch diese im kirchlichen Raum bisher weniger genutzten Kommunikationsformen zu wählen, um miteinander ins Gespräch zu kommen beziehungsweise um im Gespräch zu bleiben. Bei meinem "Online-Chat" zu Beginn des Jahres habe ich erlebt, daß der eher unpersönliche Austausch über Bildschirm und Tastatur auch sehr persönliche Fragestellungen ermöglichte, weil der Einzelne anonym bleiben konnte. Damit ist allerdings auch deutlich geworden, daß dies nicht die besten oder künftig die einzigen Formen des Gesprächs sein können. Viele umfangreichere und komplizierte Fragestellungen lassen sich nicht in zwei bis drei Sätzen abhandeln, wie dies bei Online-Konferenzen üblich ist. Für einen ersten Kontakt, der zudem sehr lebendig verlief, scheint mir dies jedoch kein schlechtes Medium zu sein.
turibulum: Was sind Ihrer Erfahrung nach die größten Probleme, die Jugendliche heute mit der katholischen Kirche haben?
Bischof Bode: Wenn ich das Jugendalter als Zeitraum der Entwicklung von Selbständigkeit und Verantwortung ernst nehme, dann sind die Fragen, die junge Menschen stellen, keine "Probleme, die Jugendliche heute mit der katholischen Kirche haben". Ich sehe darin vielmehr den Ausdruck eines ehrlichen Ringens um eine der eigenen Person und dem eigenen Entwicklungsstand angemessene Form der Nachfolge.
turibulum: Zum Stichwort "katholische Sexualmoral": Die halten viele Jugendliche heute für so veraltet, daß sie gar nicht mehr darüber diskutieren wollen...
Bischof Bode: Ich kann nicht einsehen, was an dem Bemühen, jungen Menschen Werte wie Aufrichtigkeit und Treue nahezubringen, veraltet sein soll. Sexualität muß in gelingende Beziehungen eingebunden sein.
turibulum: Wenn man heute in eine beliebige Sonntagsmesse blickt, dann liegt das Durchschnittsalter in den Kirchenbänken bei schätzungsweise 50 Jahre und aufwärts. Jugendliche sieht man kaum noch. Was sind, Ihrer Meinung nach die Gründe dafür?
Bischof Bode: Die in Ihrer Frage enthaltene Feststellung kann ich – Gott sei Dank – nicht oder nur bedingt teilen. Wenn wir über Gottesdienstbesuche heute reden, müssen wir immer auch dabei sagen "wann" und "wo". Zweifelsohne ist vor allem in den Innenstadtgemeinden der deutschen Großstädte die Überalterung der gewachsenen Bevölkerung ein Problem. Sie stellt nicht nur in der Liturgie, sondern auch das ganze gemeindliche Leben vor große Schwierigkeiten. Aufs Ganze gesehen, erlebe ich jedoch eine Vielzahl junger Menschen, die nicht nur die Gottesdienste besuchen, sondern sich darüber hinaus als Ministrantinnen und Ministranten, als Mitglieder von Jugendchören und -bands oder von Jugendliturgiekreisen an der Gestaltung der Liturgie aktiv beteiligen.
turibulum: Was muß die Kirche tun, damit sie für junge Menschen wieder attraktiv wird?
Bischof Bode: Ich denke nicht, daß es uns darum gehen kann, die Botschaft Jesu – und um nichts anderes sollte es bei allem kirchlichen Handeln gehen – durch irgendwelche oberflächlichen Mätzchen "attraktiv" zu machen. Allerdings bin ich der Meinung, daß insbesondere junge Menschen spüren, ob ihnen ehrliche und offene Angebote gemacht werden, oder ob sie für eine Sache nur "rekrutiert" werden sollen, ob ihnen gesprächsbereite Seelsorger und Pädagogen gegenüberstehen oder ob sie nur als Meßbesucher interessieren. Insofern kann ich nur immer wieder auf die zahlreichen Angebote der verbandlichen und der pfarrlichen Jugendarbeit hinweisen.
turibulum: Sind Jazz-Gottesdienste und Techno-Messen der richtige Weg, Jugendliche anzulocken?
Bischof Bode: Jazz-Gottesdienste sind nicht von vornherein die einzige Form, um junge Menschen anzusprechen. Es gibt heute auch viele andere Formen. Im übrigen gilt für Techno-Gottesdienste das gleiche wie zum Beispiel für die Krönungsmesse von Mozart: Im Mittelpunkt jeder Meßfeier steht das Gedächtnis vom Leiden, Tod und der Auferstehung Jesu Christi. Das ist die Hauptsache, und daran haben sich auch im Gottesdienst verwendete Gebete und Lieder zu orientieren. Nun kann ich durchaus nachvollziehen, daß Techno an sich – die gesundheitlichen Belastungen einmal außer acht gelassen – durchaus dazu angetan sein kann, sich in Trance zu tanzen – nicht von ungefähr lautet ja auch die Bezeichnung für eine der zahlreichen Techno-Stilarten so. Die bisherigen Erfahrungen zeigen aber, daß es bei den Versuchen, die gottesdienstliche Situation mit ihrer eigenen Sprache und Ästhetik mit Techno-Elementen zu verbinden, zwei Lebenswelten unverbunden nebeneinander bestehen bleiben. Über die Beziehungen von christlichem Kult und Jugendkultur müssen wir ernsthaft nachdenken.
turibulum: Sind Sie selbst früher auch Ministrant gewesen? Welche Erinnerung haben Sie an diese Zeit? Haben Sie Ihrem Pfarrer oder sogar Bischof auch mal Streiche gespielt?
Bischof Bode: Natürlich bin ich auch Ministrant gewesen, viele Jahre und mit viel Freude. Ich erinnere mich gern daran, zumal ich die Liturgieformen sehr nahe miterlebt habe. Streiche haben wir mehr den Gruppenleitern als dem Pfarrer gespielt.
turibulum: Welche Bedeutung hat der Ministrantendienst heute noch?
Bischof Bode: Der konkrete Ministrantendienst als wahrhaft liturgischer Dienst ist nach wie vor ein ursprünglicher, unmittelbarer Bestandteil der katholischen Liturgie und hat immer noch eine große Bedeutung. Er trägt bei zu einem geordneten und würdigen Verlauf des Gottesdienstes. Darüber hinaus verdeutlichen Ministrantinnen und Ministranten durch ihr Tun die Elemente der gottesdienstlichen Feier, sie bringen Farbe, Licht, Form und Bewegung in die Liturgie und tragen so zur emotionalen Bereicherung bei. Dies gilt auch für die zunehmende Zahl von Gottesdiensten ohne Priester. Es wäre verhängnisvoll, wenn die Ministrantinnen und Ministranten immer noch nur als "Diener des Priesters" mißverstanden würden. Für die unterschiedlichen Wortgottesdienste, die in ihrer Struktur und Form nicht so klar festgelegt sind wie die Eucharistiefeier, kann der Ministrantendienst eine Bereicherung darstellen, die zur Verlebedigung und Klarheit beiträgt. Außerdem sehe ich in der Ministrantenpastoral – die keinesfalls auf das Einüben und den Vollzug des liturgischen Dienstes eingeengt werden darf – eine hervorragende Chance im Gesamt der Jugendpastoral. Eine gute Ministrantenpastoral ist und bleibt ein wichtiger Bestandteil gemeindlicher Jugendarbeit und Jugendpastoral.
turibulum: Herzlichen
Dank für das Gespräch, Herr Bischof Bode.
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