Jedes Geheimnis ist hier sicher

Aus dem Beichtstuhl dringt nichts nach außen

Von Thomas Marschler

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"Schon wieder verloren!", stöhnte Patrick und warf einen verzweifelten Blick auf seinen Freund Peter, der gerade genussvoll seinen Läufer zum "Schachmatt" postiert hatte. "Beim nächsten Spiel krieg ich dich aber, verlass dich drauf!" Und er begann, seine weißen Bauern von neuem auf dem Schachbrett anzuordnen. "Tut mir Leid, ich mach' Schluss für heute", sagte Peter und legte die Spielfiguren aus der Hand.
Patrick konnte seine Überraschung nicht verbergen. "Was soll denn das? Wir haben Samstagnachmittag, gerade kurz nach vier - und du willst schon heim?" "Wenn du es genau wissen willst: Ich gehe jetzt noch zur Beichte", erwiderte Peter, "das habe ich mir schon die ganze Woche vorgenommen. Wir können ja morgen weiterspielen." Patrick blickte seinen Freund mit weiten Augen an. Es schien fast, als sei seine Überraschung einem leichten Entsetzen gewichen, als er sich tief in das Ledersofa zurücklehnte. "Du gehst noch beichten? Das wäre ja das Letzte, was mir einfiele!", bemerkte er mit deutlichem Kopfschütteln.
Mit einer solchen Reaktion seines alten Messdienerkollegen hatte Peter nun gar nicht gerechnet. "Was hast du denn gegen die Beichte?", fragte er etwas irritiert. Patrick antwortete wie aus der Pistole geschossen: "Das will ich dir gerne sagen. Gegen die Beichte habe ich vor allem eins: Wenn ich etwas Schlechtes getan habe, geht das keinen anderen etwas an. Ich wäre ja schön dumm, wenn ich auch noch dem Kaplan davon erzähle. Vielleicht weiß es dann morgen der Pfarrer und übermorgen die halbe Gemeinde!"
Es war klar, dass Peter solch einen Vorwurf nicht auf seinem Kaplan sitzen lassen konnte. "So ein Unsinn! Hast du noch nie etwas vom Beichtgeheimnis gehört?" Diese Bemerkung brachte Patrick erst richtig in Rage. "Ach ja, das Beichtgeheimnis!", rief er spöttisch aus. "Die Priester können uns ja viel versprechen. Mag sein, dass sie sich meistens daran halten. Aber wer kann mir garantieren, dass sie nicht doch irgendwann anfangen zu plaudern? Die sind doch auch nur Menschen. Nach einer Beichte haben sie doch etwas gegen dich in der Hand. Dein Vertrauen in allen Ehren - ich gehe da lieber auf Nummer Sicher und behalte meine Sünden für mich."
Jetzt wurde es Peter zu bunt. Eilig stand er auf und schnappte sich seine Jacke. "dass du nichts für dich behalten kannst, wissen wir ja!", rief er verärgert in Patricks Richtung, "Aber so etwas Kaplan Huber zu unterstellen..." Und ohne eine weitere Verabschiedung verließ er die Wohnung seines Freundes.
Obwohl Peter glaubte, sich gegen Patrick ganz gut geschlagen zu haben, ließ ihn auf dem Weg zur Kirche das Gespräch nicht los. Wenn an Patricks Meinung doch etwas dran wäre? Als Peter seine Beichte bei Kaplan Huber beendet und die Absolution empfangen hatte, blieb er diesmal noch im Beichtstuhl knien. "Herr Kaplan, ich hätte noch eine wichtige Frage", sagte er leise zu dem Priester. "Nehmen Sie es bitte nicht persönlich, aber... wie ist das eigentlich genau mit dem Beichtgeheimnis?"
Peter war erleichtert, dass der Kaplan keineswegs sauer reagierte. "Es ist gut, dass du mich ansprichst, wenn dir diese Frage zu schaffen macht. Ich glaube bestimmt, dass ich dir deine Sorge nehmen kann. Also, es ist so: Über alles, was ich als Priester im Zusammenhang mit einer Beichte erfahre, bin ich zu absolutem Stillschweigen verpflichtet. Was immer du mir in den letzten zehn Minuten gesagt hast, wird niemals ein anderer Mensch von mir erfahren. Nichts davon dürfte ich durch Worte, Zeichen oder auf irgendeine andere Weise weitergeben. Kein Bischof und auch nicht der Papst könnten mich von dieser Pflicht entbinden."
Peter hatte interessiert zugehört. Jetzt wollte er noch mehr wissen: "Aber was wäre, wenn jemand sie dazu zwingen wollte?" "Auch dann darf ich das Beichtgeheimnis auf keinen Fall preisgeben", sagte der Kaplan mit Bestimmtheit. "Für einen Priester steht das Beichtgeheimnis höher als die Rettung des eigenen Lebens. Gott sei Dank, wird kaum ein Priester jemals in eine solche Situation der Bewährung kommen; unser Staat jedenfalls erkennt das Beichtgeheimnis an. In der Geschichte der Kirche aber hat es durchaus echte Märtyrer des Beichtgeheimnisses gegeben. Lies doch einmals die Geschichte des hl. Johannes Nepomuk."
Peters Wissensdurst war noch nicht befriedigt: "Dann wird ja von einem Priester noch mehr verlangt als zum Beispiel von einem Arzt, der unter der Schweigepflicht steht?" "Oh ja", antwortete Kaplan Huber, "hier geht es immerhin nicht nur um das leibliche Wohl eines Menschen, sondern um sein ewiges Heil. In der Beichte handelt der Priester nämlich nicht als Mensch, sondern als Stellvertreter Jesu Christi und damit Gottes selbst, der uns allein die Sünden zu vergeben vermag. Wie ernst es der Kirche um die Beichte ist, kannst du auch aus den Gesetzen ersehen, die sie für den Fall erlassen hat, dass ein Priester das Beichtsiegel brechen würde. Ihn träfe dann die schwerste Strafe, die der Kirche überhaupt zur Verfügung steht: Er wäre automatisch exkommuniziert, weil er, wie der hl. Thomas sagt, das Sakrament geschändet hätte. Aber ich kann dich beruhigen: Solch ein Fall ist noch nie bekannt geworden. Wenn irgendein Priester das Beichtgeheimnis verletzte - was meinst du, wie schnell sich unsere kirchenfeindlichen Zeitungen auf diese Nachricht stürzen würden. Aber sie finden einfach keinen Anlass."
Diese ernsten Worte hatten Peter doch ziemlich beeindruckt. Zugleich verspürte er auf einmal selbst ein unangenehmes Gefühl in der Magengegend. "Eben, vor meiner Beichte", bekannte er dem Kaplan, "war doch eine alte Frau bei Ihnen. Sie hat manchmal so laut gesprochen, dass ich an einer Stelle etwas mithören konnte, obwohl ich einige Bänke vom Beichtstuhl entfernt gesessen habe."
Der Kaplan reagierte prompt: "Am besten ist es immer, wenn man es gar nicht so weit kommen lässt. Wird im Beichtstuhl zu laut geredet, sollte man sich einfach so lange die Ohren zuhalten oder den Platz wechseln. Hast du aber doch etwas mitbekommen, so stehst du genauso unter dem Beichtgeheimnis wie der Priester auch." "Keine Frage", antwortete der Junge sofort, "auf mich kann man sich verlassen."
Als Peter an diesem Tag aus der Kirche nach Hause ging, war er irgendwie noch froher und gelöster als sonst, wenn er gebeichtet hatte. Er spürte, dass er heute mehr als zuvor begriffen hatte, was für ein großartiges Sakrament die hl. Beichte war. Er hatte gerade eigentlich nicht zum Kaplan, sondern zu Christus selbst gesprochen. Der Beichtstuhl, so war ihm klar geworden, ist der letzte absolut sichere Ort auf der ganzen Welt. Mitten auf dem Weg blieb Peter stehen, schloss die Augen und sagte sich still: "Wie wichtig muss ich für Gott sein, wenn der Priester eher sein Leben hingeben würde, als das Sündenbekenntnis eines kleinen Messdieners zu verraten. Herr, ich danke dir, dass du mich so sehr lieb hast!" Und davon wollte er morgen auch Patrick erzählen.

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