Das vergessene Sakrament

Warum die Beichte auch heute noch zeitgemäß ist

Von Kpl Ulrich Filler

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Samstag, 17.00 Uhr. Zeit für mich, das „Wochenendhäuschen“ - wie wir den Beichtstuhl manchmal scherzhaft nennen - aufzusuchen. Eine Stunde lang gibt es für die 4000 Katholiken unserer Pfarrgemeinde die Gelegenheit, ohne vorherige Terminabsprache und völlig anonym alle Sünden und Belastungen loszuwerden, quälende Fragen und kaputte Beziehungen ins Wort zu bringen, Versöhnung und Heilung, Frieden und mit Sicherheit die Vergebung Gottes zu erlangen. Ein Angebot, das - wenn überhaupt - nur sehr zögerlich und vereinzelt wahrgenommen wird. Es wird eine einsame Stunde im Beichtstuhl werden. Ich nehme mein Brevier und den Rosenkranz mit und kann die Zeit zum Gebet nutzen.
Die Beichte spielt heute im Leben der meisten Katholiken keine große Rolle mehr, man spricht von einem „vergessenen“ Sakrament. Dabei ist auffallend, dass die Krise der Beichte nicht nur durch den allgemeinen Trend der Verdunstung von Glaubensleben und Glaubenspraxis vieler Katholiken bedingt ist. Auch Katholiken, die nicht zu den „Fernstehenden“ gehören, sondern den Glauben leben, sonntags die heilige Messe besuchen, sich um ein lebendiges Gebetsleben bemühen und sich in der Pfarrgemeinde, in sozialen und caritativen Initiativen und Gruppen engagieren, haben oftmals den Zugang zum Sakrament der Versöhnung verloren.
Als Seelsorger kann man häufig die Erfahrung machen, dass die Versuche, das Beichtsakrament in den Mittelpunkt der Verkündigung zu stellen, oft erfolglos bleiben. Sicherlich ist der Grund für den Niedergang der Beichte zu einem gewissen Teil „hausgemacht“. In vielen Pfarrgemeinden werden keine regelmäßigen Beichtzeiten mehr angeboten; nicht wenige Priester verkünden den Gläubigen, auch der Bußgottesdienst sei eine der persönlichen Beichte entsprechende, ausreichende Form. „Ich gehe zur öffentlichen Beichte.“ verkündete mir eine Bekannte, die die persönliche Beichte durch den jährlichen Besuch eines Bußgottesdienstes ersetzt hat.
Wenn man keine Beichtzeiten anbietet, wenn die Beichte nicht Thema der Verkündigung ist, dann muss man sich auch nicht wundern, wenn niemand mehr kommt. Aber diese Erklärung greift nicht tief genug. Denn auch in den Gemeinden, wo jede zweite Predigt über die Beichte gehalten wird und die Beichtstühle stundenlang besetzt sind, ist keine wirkliche Veränderung des Verhaltens der Gläubigen feststellbar. Man beichtet halt nicht mehr – die meisten Seelsorger konstatieren ratlos und achselzuckend dieses Phänomen. Vielleicht aber greift eine andere Erklärung. Fragt man nämlich nach den Gründen für diese „Resistenz“ dem Sakrament der Versöhnung gegenüber, tauchen zwei Argumente immer wieder auf. Das erste lautet: Ich weiß eigentlich gar nicht, was ich beichten soll. Ich habe doch nichts Schlimmes getan. Und das zweite heißt: Wozu brauche ich die Beichte bei einem Priester? Ich kann meine Sache doch alleine mit Gott ausmachen.
Das erste Argument bezieht sich auf die Frage nach dem Sündenbegriff: Was soll ich eigentlich beichten? Viele Katholiken hindert nicht so sehr die Unkenntnis einer formalen „Technik“ (wie verhalte ich mich im Beichtstuhl, was soll ich sagen?), sondern sie verstehen eigentlich nicht mehr, was Sünde genau bedeutet: Ich habe doch nichts Schlimmes getan! Die tiefe Dimension der Sünde, wie die christliche Offenbarung sie lehrt, wird kaum noch verstanden. Hand in Hand geht damit die Beobachtung, dass auch die Gnade nicht mehr verstanden wird und im praktischen Leben keine Rolle mehr spielt. Ich kann nur dann verstehen, was die Wirklichkeit der Sünde und ihre Folgen bedeuten, wenn ich die Sünde unter dem Aspekt der Liebe zu verstehen suche: Sünde ist die Ablehnung der Liebe zu Gott und zum Nächsten. Sünde ist im Grunde Selbstsucht und Egoismus, sie entspringt dem Eigenwillen, der die Gebote Gottes übertritt und der Eigenliebe, die in ungeordneter Weise an einem geschaffenen Gut hängt. Sünde bedeutet die Absage an die Liebesgemeinschaft, zu der Gott den Menschen beruft. Ihre besondere Schwierigkeit liegt darin, dass der Sünder in der Regel nicht das Böse als solches will, sondern von etwas Bösem angezogen wird, das ihm aber wie etwas Gutes erscheint. Er will lieben, aber er tut es auf ungeordnete Weise, seine Liebe wird nicht fruchtbar, sie mündet nicht ein in die Liebesgemeinschaft mit Gott. Erst wenn ich versuche, auf diese Weise die Wirklichkeit der Sünde zu verstehen, werde ich einen echten und reifen Zugang zur Beichte finden.
Das zweite Argument bezieht sich auf die Rolle der Kirche bei der Vermittlung der Gnade Gottes und verrät eine gefährliche Krise des Erlösungsglaubens - das Handeln Christi in der und durch die Kirche wird von dem Handeln Gottes an mir privat unterschieden - aber wir dürfen Jesus und die Kirche nicht nebeneinander denken, sondern müssen sehen, dass die Kirche ja als „fortlebender Christus in der Zeit“ (J.A.Möhler) das Werk Jesu fortsetzt. Jesus handelt durch die Kirche und ihre Sakramente. Das unsichtbare Handeln Gottes wird sichtbar in Zeichen und Worten. Man darf nicht den Fehler machen, die private, persönliche Frömmigkeit und die Sakramente gegeneinander auszuspielen. Mein persönliches Gebet, meine private Bitte um Vergebung im Gebet, meine Bereitschaft zur Umkehr kann das Sakrament nicht ersetzen, sondern ist im Gegenteil die Voraussetzung dafür. Der Gedanke, die Schuld auf eigene Faust bei Gott ins Reine zu bringen, ist zudem völlig unbiblisch. Bereits in der Zeit des Alten Bundes konnte man sich nicht auf „privater Ebene“ mit Gott versöhnen, wer Schuld auf sich geladen hatte, war auf das Reinigungsopfer, das Sündopfer angewiesen, das von den alttestamentlichen Priestern dem Herrn dargebracht wurde. Die verschiedenen Opfer des Alten Bundes gehen ein in das Opfer des Neuen Bundes, in den Tod und die Auferstehung Jesu Christi. Sein Opfer am Kreuz schenkt uns die Erlösung, die Vergebung der Schuld. Und als der Auferstandene seinen Aposteln als erste Frucht der Erlösung die Vollmacht der Sündenvergebung schenkt, zeigt er uns den Weg, auf dem wir Anteil haben können an seinem Erlösungsgeschenk. Wer sagt: Ich mache meine Sache alleine mit Gott aus! - für den ist Christus eigentlich umsonst gestorben, denn dann kann ich ja alles andere auch „alleine“ mit Gott ausmachen. Ich brauche keine Menschwerdung, kein Leiden und Sterben des Herrn, keine Auferstehung, keine Erlösung durch Christus, keine Kirche und keine Sakramente. Wer die Versöhnung mit Gott ohne Beichte will, der lehnt im Grunde die sakramentale Struktur der Kirche ab.
Wenn wir diese Beobachtungen zum persönlichen Glaubensverständnis und Glaubensleben vieler Katholiken in eine theoretischere Form bringen wollen, können wir feststellen, dass es verblüffende Parallelen zu einer alten Häresie der frühen Kirche gibt: dem Pelagianismus. Im 5. Jahrhundert predigte in Rom der aus England stammende Laienmönch Pelagius gegen die seit Konstantin in die Kirche eingedrungene Verweltlichung. Der Presbyter Caelestius und Bischof Julian von Eclanum verbreiteten und verteidigten seine Lehre eines schrankenlosen sittlichen Optimismus und eines übersteigerten Vertrauens in die menschliche Natur. Pelagius leugnete die Erhebung des Menschen in den Zustand der übernatürlichen Ordnung und die Erbsünde. Die Sünde Adams hat nur die Bedeutung eines schlechten Beispiels. Entsprechend besteht die Erlösungstat Christi vorzüglich in seiner Lehre und seinem Tugendbeispiel. Für Pelagius ist die Gnade das im freien Willen des Menschen begründete natürliche Vermögen, sündenlos und heilig zu leben und sich dadurch die ewige Seligkeit zu verdienen. Das natürliche sittliche Streben wird erleichtert durch äußere Gnaden, das mosaische Gesetz, das Evangelium und das Beispiel Christi. Wenn der Mensch sich aus eigener Kraft von der Sünde abkehrt, erlangt er den Nachlass der Sünden. Der heilige Augustinus war in seinen letzten 20 Lebensjahren damit beschäftigt, den Pelagianismus zu bekämpfen.
Augustinus war es, der ihn wissenschaftlich überwand. Auf verschiedenen Synoden (Karthago 411, 416, 418, Mileve 416) und zuletzt auf dem Zweiten allgemeinen Konzil zu Ephesus 431 wurde der Pelagianiusmus von der Kirche verurteilt. Man nimmt an, dass im Pelagianismus eine Haltung theoretisch gefasst wurde, die unter den germanischen Völkern weit verbreitet war. Der „Christ“ wurde als Erlöser von den Teufeln, Dämonen, Gespenstern und von der Unberechenbarkeit des Schicksals geglaubt, während ein offenbarungsgemäßes Sündenverständnis lange fehlte. Alle Elemente der pelagianischen Irrlehre tauchen auch heute immer wieder auf:
- der Verlust einer übernatürlichen Ordnung, die Irrelevanz der Erbsünde und der Gnade
- die naturalistische Betrachtung der Verfassung des Menschen
- die Auffassung, dass Jesus vor allem ein guter Mensch gewesen sei, der uns heute vor allem Vorbild ist
- die Meinung, dass der eigene Wille stark genug ist, das Gute zu wollen und zu tun
- konsequenterweise wird dann auch die Heilsnotwendigkeit der Taufe abgelehnt (Taufe als „Segen“)
- die Meinung, dass der Mensch sich aus eigener Kraft von der Sünde abwendet und ihm so vergeben wird – „Ich mache meine Sache selbst mit Gott aus“.
Hier haben wir einen Schlüssel, der viele Phänomene der heutigen katholischen Glaubenswelt zu erklären vermag. Als ganz entscheidend erweist sich der Verlust der Gnade und des Gnadenlebens für die Lebens- und Glaubenspraxis vieler Katholiken. Hier ist der tiefste Grund für den Niedergang des Bußsakraments zu sehen und hier muss auch ein erster Ansatzpunkt für die Überwindung der Krise des Beichtsakraments liegen. Außerdem wird deutlich, warum die Frage nach den Gründen für die Krise des Beichtsakraments so bedeutend ist: Es geht nicht um eine typisch katholische Nebensache, sondern um das Herz und Zentrum des christlichen Glaubens: Die Krise der Beichte ist in Wirklichkeit die Krise des Erlösungsglaubens. Wovon soll ich denn erlöst werden - es geht mir doch gut! Der amerikanische Theologe H. Richard Niebuhr hat die Grundlage, auf der der katholische Glaube heute oft praktiziert wird, einmal so umschrieben: „Die heutigen Christen des Westens dürften zu der Entdeckung gelangt sein, dass sie einen Gott verkünden, dem jeder Zorn fremd ist und der durch einen Christus ohne Kreuz Menschen ohne Sünde in ein Reich ohne Gericht führt.“
Samstag, 17.00 Uhr. Zeit für den Beichtstuhl. Auch wenn wahrscheinlich keiner kommen wird - es ist keine vertane, sinnlose Zeit. Von dem Kölner Weihbischof Dr. Rainer Woelki stammt der Gedanke: Auch wenn niemand zur Beichte kommt, so ist doch der Priester, der im Beichtstuhl wartet, ein Zeuge und Bild für die geduldige Barmherzigkeit Gottes, die auf jeden Menschen wartet und jedem unermüdlich das Angebot von Versöhnung, Heil und Frieden macht.

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