Die drei Ausreden

Warum verweigern wir Gottes Vergebung?

Von Msgr. Rudolf Michael Schmitz

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Es hat einen Riesenkrach gegeben. Du hast jemanden schwer beleidigt. An sich unverzeihlich. Nicht wieder gut zu machen. Er aber tut den ersten Schritt und will dir verzeihen. Er hält dir die ausgestreckte Hand hin und bittet dich eindringlich, doch einzuschlagen. Du aber schlägst die Hand aus. Du verweigerst die angebotene Vergebung.
An sich eine ebenso unverständliche wie unvernünftige Haltung. Sich nicht verzeihen lassen zu wollen, gehört sicher auf die niedrigste Stufe menschlichen Fehlverhaltens. Unbewusst weiß das jeder. Deswegen entwickeln die Betroffenen eine ganze Reihe mehr oder weniger subtiler Ausreden, damit ihr sinnloses Benehmen wenigstens eine Schein-Rechtfertigung erhält.
Die immer noch seltenste Entschuldigung lautet: "Mit dem, was ich getan habe, kann ich leben. Mir braucht keiner zu verzeihen." "Cool" wird wohl das Fehlverhalten zugegeben, aber ohne den leisesten Funken von Bedauern: ein geradezu diabolischer Hochmut.
Die nächste Form ist subtiler, aber schon häufiger: "Meine Schuld ist so groß, mir kann keiner mehr verzeihen." Die eigene Größe wird überschätzt. Dadurch nimmt die Schuld Ausmaße an, die sie nicht hat. So scheint Verzeihung unmöglich.
Und schließlich die dritte, die häufigste und banalste Entschuldigung: "Ich habe gar nichts getan, was Verzeihung nötig macht." Die Allerweltsausrede. Hier wird der Hochmut zur Dummheit. Man leugnet einfach die Existenz der bösen Tat, und schon ist man aus dem Schneider.
Warum halten wir uns aber hier so lange mit diesem traurigen Phänomen der verweigerten Vergebung auf? Die Antwort liegt auf der Hand: Weil es eine tausendfache Wirklichkeit darstellt mitten im Leben der Kirche. Es geht nämlich um die hl. Beichte. Allen Sündern bietet Gott die Vergebung an. Wir aber schlagen seine ausgestreckte Hand aus und wenden uns mit fadenscheinigen Ausreden ab. Die drei Grundformen dieser Ausreden kennen wir schon. Konkretisieren wir sie und finden wir eine Antwort darauf.
Zuerst die "coole", die kaltschnäuzige Haltung: "Mit dem, was ich getan habe, kann ich leben, mir braucht keiner zu vergeben." Es sind doch gar nicht so wenige, die so denken. Das Böse ist salonfähig geworden. Es braucht sich nicht mehr zu verstecken. Aber stimmt das denn? Leben sie wirklich damit? Ist das, was sie Leben nennen, nicht vielmehr ein höllischer Wirbel, der das Gute, Schöne und Wahre in den Menschen tötet? Sehen wir sie uns doch an, die meinen, mit dem Bösen leben zu können. Sie sind im wahrsten Sinne des Wortes "cool", nämlich eiskalt. Nur die Vergebung Gottes, die sie verweigern, könnte sie wieder zu lebendigen Menschen machen: Menschen, die weinen und lachen können, die froh und traurig sein können, die fähig sind, sich zu binden und treu zu sein, die sich beherrschen, die ein Herz haben und Zeit für die anderen. Gott allein kann sie wieder menschlich machen, wenn sie nur wollen, er kann die Eiskruste ihrer Seele schmelzen mit der Sonne seiner Vergebung.
Doch viele sagen auch: "Meine Schuld ist so groß, mir kann keiner verzeihen": Da geht einer jahrelang zur Beichte, und es stellt sich keine Besserung ein. Plötzlich bricht sein Gottvertrauen zusammen. Er verzweifelt an seinem Heil. Er traut Gott nichts mehr zu. Er wendet sich von der Beichte ab. Ein anderer hat schon lange nicht mehr gebeichtet. Vielleicht nicht mehr seit seiner ersten hl. Kommunion oder seit seiner Firmung. So groß sind seine Sünden und so zahlreich, dass Gott ihm nicht verzeihen kann, denkt er. Mutlos will er nicht beichten. Ein dritter schließlich weiß, dass er schwach ist, dass er wieder sündigen wird, trotz allen Vorsatzes. Deswegen traut er Gott die Vergebung nicht zu. Haben wir wirklich so wenig Vertrauen auf Gott? Der Allmächtige ist barmherzig. Keine Sünde ist für ihn zu groß und keine Schwäche zu erbärmlich, als dass er sie nicht vergeben könnte. Was sind unsere Sünden, wenn wir sie nur aufrichtig bereuen, für den Herrn aller Dinge. Ein Nichts, das er im Augenblick wegnimmt, wenn es sein muss, immer und immer wieder. Die einzigen Hindernisse zur Vergebung liegen in uns: unser Mangel an Glaube, an Gottvertrauen, an Reue. Wenn wir nicht wirklich wollen, dass Gott uns vergibt, ist er machtlos, denn er nimmt uns ernst. Für alle bereute und vertrauensvoll bekannte Schuld aber gilt: "Wären Eure Sünden rot wie Scharlach, sie sollen weiß werden wie Schnee" (Jes 1,18).
Nun aber die häufigste Form der Ausrede, um die Vergebung Gottes zu verweigern: "Ich habe nichts getan, was Vergebung nötig macht." Oder noch banaler: "Was tue ich denn schon Böses?" So denken wir. Papst Pius XII. hat dieses mangelnde Sündenbewusstsein einmal die "größte Sünde unseres Jahrhunderts" genannt. Unsere Gottesliebe ist erkaltet. Unsere Nächstenliebe kaum noch vorhanden. Das Gewissen ist abgestumpft. An seine Stelle ist die Selbstgerechtigkeit getreten. Und deswegen merken wir nicht mehr, wenn wir sündigen. Ganz anders der Apostel Johannes, der diese Haltung folgendermaßen charakterisiert: "Wenn wir sagen, dass wir keine Sünde haben, führen wir uns selbst in die Irre, und die Wahrheit ist nicht in uns" (1 Joh 1, 8). Denken wir nur an die schon von Papst Gregor dem Großen benannten sieben Hauptsünden: "Eitelkeit, Neid, Zorn, Geiz, Unkeuschheit, Unmäßigkeit und Trägheit." Wer könnte sich davon freisprechen, in Gedanken, Worten und Werken hier niemals zu sündigen? Wenn wir alle so heilig sind, dass wir nichts mehr zu beichten haben, wie kommt es dann, dass in unserer Umgebung Unfrieden, Streit, Zank, Lüge, üble Nachrede, Missgunst und Lieblosigkeit herrschen? Können wir uns wirklich einreden, dass es immer nur die anderen sind? Es gibt ein sicheres Zeichen der Heiligkeit: die Demut. Sie schenkt ein waches Sündenbewusstsein. Deswegen waren sich alle wirklichen Heiligen ihrer Sündhaftigkeit bewusst und haben oft gebeichtet. Jeder, der meint, keine Sünden zu haben, ist sicher weit vom Reich Gottes entfernt. Er leidet an einer der größten Sünden, an der Selbstgerechtigkeit. Dem Selbstgerechten aber kann der Herr nicht helfen, denn er sagt: "Ich bin gekommen, um die Sünder zu rufen, nicht die Gerechten" (Mk 2,17). Wer sich selbst zu den Gerechten zählt, den kann er nicht rufen. Wer aber sein Gewissen erforscht, wer sich demütigt, wer bekennt, der kann gerettet werden.
Offensichtlich ist keine Ausrede stichhaltig. Vergebung brauchen wir alle. Keiner kann es sich leisten, die ausgestreckte Hand Gottes auszuschlagen. Aber was hat die Beichte damit zu tun? Kann mir Gott nicht direkt vergeben? Reicht es nicht, wenn ich in meinem Herzen bereue? Nein, das reicht eben nicht. Schon wenn ich einen Menschen beleidigt habe, reicht es nicht, wenn ich mich mit ihm in meinem Herzen versöhne und so tue, als sei nichts gewesen. Ich muss schon zu ihm hingehen und mich ausdrücklich entschuldigen. Wir Menschen sind keine reinen Geistwesen. Deshalb brauchen wir zur Versöhnung außer der inneren Reue auch das äußere Zeichen der Zerknirschung. Daher ist das genaue Bekenntnis der Sünden Voraussetzung für die Vergebung. Gott braucht es nicht, aber wir brauchen es. Unsere Reue ist nicht echt, solange wir uns weigern, ein Zeichen zu setzen. Dieses Zeichen aber ist das Bekenntnis in der Beichte.
Darüber hinaus: Könnten wir jemals sicher sein, ob unsere innere Reue wirklich so tief ist, dass Gott uns vergeben kann? Ohne die priesterliche Absolution wüssten wir niemals mit Sicherheit, ob Gott uns tatsächlich vergeben hat. Deswegen wollte selbst Martin Luther die Beichte beibehalten. Wir nämlich haben die Sicherheit der Sündenvergebung, weil unsere Priester uns nach göttlichem Willen die Vergebung der Sünden erteilen können. Jesus verleiht ihnen ausdrücklich diese Vollmacht: "Wem ihr die Sünden vergebt, dem sind sie vergeben, wem ihr die Vergebung verweigert, dem ist sie verweigert" (Joh 20,23). Der Wille zur Reue reicht dabei zur Verzeihung aus, selbst dann wenn die Reue des Beichtenden nicht ganz vollkommen ist.
Schließlich ist die Beichte auch deswegen nötig, weil wir durch die Sünde nicht nur Gott beleidigt, sondern auch das Leben der Kirche gestört haben. Wir sind Glieder am mystischen Leib Christi. Wenn wir sündigen, leidet dieser Leib, leidet die Kirche Gewalt. Deswegen müssen wir uns mit ihr versöhnen. Auch das geschieht in der Beichte. Dort sitzt die ganze Kirche in der Gestalt des Priesters über uns zu Gericht. Aber das Urteil lautet trotz Geständnis immer auf Freispruch. Diesen Freispruch kann nur sie uns gewähren. Nichts kann die Beichte überflüssig machen - kein inneres Bekenntnis, keine Bußandacht, keine Ausrede. Wo nicht mehr gebeichtet wird, ist das Christentum tot. Dort herrscht nicht Heiligkeit, sondern Scheinheiligkeit. Scheinheiligkeit aber wirkt abstoßend wie alle Heuchelei. Machen wir also Schluss damit und entdecken die Beichte neu.

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