Wenn der Zufall es will, dass der 13. eines Monats auf einen Freitag fällt, dann fürchten viele großes Unglück. Wenn sie eine Sternschnuppe sehen oder ein vierblättriges Kleeblatt finden, dann bedeutet das für viele Glück. Von schwarzen Katzen erst gar nicht zu reden.
Ein Mitbruder wies mich vor dem Einsteigen ins Flugzeug darauf hin: "Achte mal auf die Nummerierung der Sitzreihen!" Wir waren auf der Rückkehr von einer Studienreise durch Israel. Tatsächlich: Im Flieger waren die Sitze der Reihe nach nummeriert - nur die 13 fehlte! Der Grund war klar: Viele Fluggäste würden beim Buchen der Plätze die 13 meiden; die Sitze würden frei bleiben. Also folgt auf der 12 die 14, und die ängstliche Seele hat Ruh' - im "aufgeklärten" und wissenschaftlich (fast) perfekten 21. Jahrhundert. Wie soll man das fassen?
Fragt man heutzutage einen durchschnittlichen Deutschen: "Glaubst du (höflicher: Glauben Sie) an Gott?", so bekommt man in drei von vier Fällen die Antwort: "Nein" - zumindest im Gebiet der ehemaligen DDR. Auf ganz Deutschland bezogen, sieht das Ergebnis ein kleines bisschen weniger trüb aus: Gut die Hälfte (56 Prozent) bekennen sich zum Glauben an einen Gott. Das passt ziemlich gut zum derzeitigen Stimmungsbild, das ein Zeitgenosse ein wenig grimmig so zusammengefasst hat: "Der Durchschnittsdeutsche sieht die Berge von unten und die Kirche von außen - doch die Kneipe, die sieht er gern von innen." Will sagen: In einer Zeit, in der sich jeder selbst der Nächste ist, lässt man auch den lieben Gott mit manchen unbequemen Forderungen und Geboten am besten außen vor. Ganz zu schweigen davon, dass die Kirche in einer solchen Lage keinen leichten Stand hat, ihre Botschaft zu "verkaufen". Manchem modernen Apostel schwindet da schon der Mut, wenn er sieht, wie gleichgültig viele reagieren, wenn er zu Gottesdienst oder Bibellesung einlädt.
Aber ganz zu Ende ist das Thema damit nicht, es fängt erst richtig damit an. Noch nicht begriffen? Also: dass einer nicht an Gott glaubt, bedeutet nicht, dass er nichts glaubt. Die Erfahrung zeigt: Einer, der nicht glaubt, glaubt nicht nichts, sondern er glaubt alles. Er glaubt Versprechungen ("Du wirst Glück haben, wenn du das und das tust..."), Einflüsterungen ("Schönheit und Ansehen verschaffen dir das und jenes...", siehe manche Werbesprüche!), er glaubt neuen Propheten und selbsternannten "Experten", die neue "Erkenntnisse" vermitteln. Das festzustellen, genügt ein Druck auf den Fernsehknopf. Und darum boomt auch der Aberglaube. Aberglaube ist das Zerrbild von Glauben. Glauben heißt, auf Gott fest zu vertrauen. Nicht irgendeinem Gott, den man sich selbst zusammenzimmert (oder auch kunstvoller herstellt, siehe Ex 32, 3-4), sondern dem Gott der Bibel, der in der Kirche, in der von Jesus Christus selbst gestifteten Gemeinschaft, zu uns spricht. Glauben heißt, Gott hören und seinen Weisungen folgen zu wollen. Dem abergläubischen Menschen gefällt das nicht. Er will sich selbst bestimmen, nicht Gott bestimmen lassen. Aber für bestimmte Anlässe seines Lebens braucht er eine "Versicherung". Die findet er im Aberglauben.
Im Aberglauben gibt es einen klaren Automatismus in bestimmten, sauber abgegrenzten Bereichen: Wenn ich A tue, muss B eintreffen. Wobei hier "A" eine Sache im überschaubaren, regelbaren Bereich ist und "B" eine Sache oder ein Zustand, der nicht mehr allein in meiner Macht liegt. Beispiel: Ich klebe ein Hufeisen an den Kühlergrill meines Autos, und ich glaube fest daran, dass mich dieses Hufeisen vor größerem Schaden, zum Beispiel durch einen Unfall, bewahrt. Das wäre Aberglaube: Einer Sache, die wirklich nicht mehr ist als eine Sache, wird eine besondere Macht zugeschrieben, die sie gar nicht haben kann.
Vermutlich würde das nun kaum jemand zugeben: dass er an die Macht eines Hufeisens glaubt. Er ähnelt damit dem Mann, über den der dänische Physiker Niels Bohr (1885 - 1962) gern diese Anekdote erzählte: "In der Nähe unseres Ferienhauses wohnte ein Mann, der über seiner Haustür ein Hufeisen angenagelt hatte, was ja angeblich Glück bringen soll. Ein guter Bekannter fragte ihn: ,Bist du denn neuerdings abergläubisch? Zum Beschlagen taugt das Eisen nicht mehr, aber dir soll es nutzen?' ,Natürlich, ich glaube nicht an so etwas', antwortete der Mann. Aber der mir das Hufeisen geschenkt hat, hat mir versichert, dass es auch dann Glück bringt, wenn man nicht daran glaubt!'"
Aberglauben hat es zu allen Zeiten gegeben. Besonders das Volk Israel hatte immer wieder mit abergläubischen Praktiken zu kämpfen. Vieler dieser Praktiken waren von den Nachbarvölkern übernommen. Sogar Menschenopfer gab es. Ein sprechendes Beispiel für eine abergläubische Handlung, die für den wirklich gläubigen Menschen verwerflich ist, finden wir im Alten Testament: im 1. Samuelbuch 28, 3 - 25. König Saul wird von den feindlichen Philistern bedrängt. Er weiß nicht, was er tun soll. Sein Gebet zu Gott findet, wie es ihm scheint, keine Erhörung. Er bekommt keine Antwort. Da geht er zu einer Totenbeschwörerin, die für ihn den Geist des verstorbenen Samuel heraufbringt. Der verkündet ihm jedoch nur das, was Saul ohnehin schon weiß: dass er gegen Gott gesündigt hat. Für den biblischen Berichterstatter ist es eine ausgemachte Sache, dass Saul eine doppelte Sünde auf sich geladen hat: Er hat Gottes Weisung missachtet und er hat darüber hinaus durch die Wahrsagerei Fluch auf sich geladen (siehe dazu Lev 19, 26.31).
Worte voll Spott und Bitterkeit findet der Prophet Jesaja, wenn er auf Aberglauben und Götzendienst zu sprechen kommt. Er erzählt, dass man Bäume pflanzt, und dann geschieht es: "Das Holz nehmen die Menschen zum Heizen; man macht ein Feuer und wärmt sich daran. Auch schürt man das Feuer und bäckt damit Brot. Oder man schnitzt daraus einen Gott und wirft sich nieder vor ihm" (Jes 44,15). Das spricht, so Jesaja, gegen jeden Verstand. Wer einen toten Gegenstand anbetet, ist blind und verdorben.
Für die Anbetung des einen, wahren Gottes und für die Durchsetzung seiner Rechte hat sich Jesaja ein ganzes Leben lang abgemüht. Zauberei, Götzendienst und Aberglaube waren für den Propheten nicht eine Sache, die man als nebensächlich abtun könnte. Für ihn war es eine todernste Frage, ob die Menschen bereit sein würden, dem einen, wahren, allmächtigen, unsichtbaren, heiligen und gerechten Gott zu dienen, oder ob sie sich Götter nach eigenen Vorstellungen machten.
Immer wieder lassen sich die Menschen in den Bann des Aberglaubens ziehen. Dagegen etwas auszurichten ist nicht leicht. Diese Erfahrung musste auch ein Pfarrer machen, in dessen Dorf im Isergebirge zu Beginn dieses Jahrhunderts das Lotteriespielen zu einer regelrechten Plage geworden war. Jeder hatte eine andere absolut sichere Methode, um die Glückszahlen zu treffen. Der Geistliche sah sich veranlasst, eine donnernde Bußpredigt zu halten, um diesen Missständen Einhalt zu gebieten: "Ihr wollt gute Katholiken sein, aber veranstaltet einen Hokuspokus wie eine Horde von Teufeln", schimpfte er von der Kanzel. "Da läuft einer um Mitternacht um den Friedhof und zählt die Schritte, dann multipliziert er sie mit seinen Lebensjahren, zieht die Zahl der Warzen ab, die er an seinen Händen hat, und schwört, dass das Lotterielos mit dieser Ziffer gewinnen wird. So ein Schmarren!"
Nach der Messe wartet der alte Franz auf den Pfarrer und fragt ihn vorsichtig: "Auf ein Wort, Herr Pfarrer. Ich bin ein wenig vergesslich, können Sie mir noch einmal sagen, wie man es machen muss, dass ich die richtige Nummer treffe?"
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